Israelischer Aufruf Libanesen sollen den Süden verlassen


Bislang haben israelische Truppen nur vereinzelt im Südlibanon zugeschlagen, doch nun mehren sich die Anzeichen, dass eine größere Militäraktion geplant ist: Israelische Behörden fordern die Bewohner des Südens auf, die Region zu verlassen.

Es deutet viel darauf hin, dass die israelische Armee bald in den Süden des Libanons einmarschieren wird. "Es ist möglich, dass wir in den kommenden Tagen unsere Bodeneinsätze verstärken", sagte Brigadegeneral Alon Friedman der Zeitung israelischen "Maariv". Militärvertretern zufolge soll in diesem Fall eine große Anzahl an Reservisten eingezogen werden.

Israelische Behörden und das israelische Militär verbreiten zudem über das Radio, auf Flugblättern und in SMS-Botschaften zudem die Warnungen, dass alle Zivilisten die Region so schnell wie möglich verlassen sollten, andernfalls riskierten sie ihr Leben.

Alle noch verbliebenen Einwohner südlich des Flusses Litani, etwa 25 Kilometer nördlich der Grenze zu Israel, sollten sich auf den Weg nach Norden machen, heißt es in den Warnungen. Israel werde "in Wort und Tat in den Dörfern des Südens" gegen die Hisbollah und Raketenangriffe vorgehen, lautete die im Militärsender al Maschrik auf Arabisch ausgestrahlte Botschaft. "Deshalb müssen alle Einwohner Südlibanons südlich des Litani die Regionen zur eigenen Sicherheit sofort verlassen."

Mit der offenbar bevorstehenden Offensive ignoriert Israel auch den Appell von UN-Generalsekretär Kofi Annan. Er hat die sofortige Einstellung der Kampfhandlungen zwischen Israel und der Hisbollah-Miliz im Libanon gefordert. Es müsse ein weiterer Verlust von Menschenleben vermieden werden, sagte Annan vor dem Weltsicherheitsrat in New York.

Zwei israelische Kampfhubschrauber zusammengestoßen

Beim Beschuss Israels durch die Hisbollah kamen nach israelischen Militärangaben zwei israelische Soldaten ums Leben. Vier israelische Soldaten wurden verletzt, als in der Nacht zum Freitag zwei Apache-Kampfhubschrauber der israelischen Armee nahe der libanesischen Grenze unweit von Kirjat Schmona zusammenstießen, wie die Zeitung "Jerusalem Post" in ihrer Online-Ausgabe berichtete. Das israelische Militär geht nach den Worten eines Sprechers von einem Unfall aus.

Israels Verteidigungsminister Amir Perez sagte, sein Land habe nicht die Absicht, den Libanon wieder zu besetzen. Israel werde aber nicht zögern, bei seinen Einsätzen zu zeigen, dass es jeden Ort erreichen könne. Die Regierung sei fest entschlossen, "diesen Kampf entscheidend zu gewinnen". Der Chef des nördlichen Militärkommandos, Generalmajor Udi Adam, sagte der "Jerusalem Post", die Armee werde "noch einige Wochen" benötigen, um die Ziele der Militäroffensive erreichen zu können. Israel will mit der Offensive den Raketenbeschuss durch die Hisbollah unterbinden.

23 Tonnen Bomben abgeworfen

Kampfflugzeuge hatten nach israelischen Armeeangaben in der Nacht 23 Tonnen Bomben auf einen Gebäudekomplex im Süden von Beirut abgeworfen, unter dem sich der Luftschutzraum der Hisbollah-Führung befunden haben soll. Nach Hisbollah-Angaben wurde keiner ihrer Führer verletzt. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah erklärte im Interview mit dem arabischen Sender Al-Dschasira, die israelischen Luftangriffe hätten der Infrastruktur der Hisbollah bisher keinen Schaden zugefügt.

BND soll an Freilassung der Soldaten arbeiten

Der Bundesnachrichtendienst (BND) arbeitet einer Zeitung zufolge an einer Freilassung der von der Hamas und der Hisbollah festgehaltenen Soldaten aus Israel. Der Geheimdienst nutze seine Zugänge zu den beiden radikalislamischen Gruppen, berichtete die "Berliner Zeitung" ohne Angaben von Quellen. Die BND-Operation sei mit Russlands Auslandsgeheimdienst SWR abgestimmt. Darauf hätten sich Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow bei einem Treffen Ende Juni in Moskau geeinigt.

Dabei ging es laut Bericht um die Entführung des israelischen Soldaten Gilad Schalit durch Palästinenser. Als am 12. Juli zwei weitere israelische Militärs von der Hisbollah in den Libanon entführt wurden, hätten sich Steinmeier und Lawrow noch am selben Abend telefonisch auf eine Ausweitung der gemeinsamen Geheimdienstoperation geeinigt.

Libanon bittet um Hilfe bei Entwaffnung der Hisbollah

Die Evakuierung von Ausländern lief auf Hochtouren. In Beirut landeten 20 US-Marineinfanteristen. Sie sollen helfen, bis Freitag rund 6000 der ursprünglich etwa 25.000 Amerikaner aus dem Libanon in Sicherheit zu bringen. Die andauernden blutigen Auseinandersetzungen haben mittlerweile auch mehr als 3500 Deutsche und tausende andere Ausländer im Libanon in die Flucht getrieben. Am Donnerstag landeten Bundesbürger, die mit Sonderflügen mehrerer Fluggesellschaften sowie der Luftwaffe von der Türkei und Syrien aus nach Deutschland zurückgefolgen wurden, in Köln, Düsseldorf und Frankfurt. Viele der Rückkehrer waren sichtlich von den Strapazen im Kriegsgebiet gezeichnet. Weitere Flüge waren am Freitag geplant, darunter ein Sonderflug der Lufthansa in die jordanische Hauptstadt Amman.

Der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora rief die internationale Gemeinschaft auf, sein Land bei der Entwaffnung der Hisbollah-Miliz zu unterstützen. "Die ganze Welt muss uns helfen, die Hisbollah zu entwaffnen", sagte Siniora dem "Corriere della Sera". Zuvor sei es aber unbedingt nötig, einen Waffenstillstand zu erzielen.

Condoleeza Rice erwartet

In New York wurden hochrangige Diplomaten zu Gesprächen über die angespannte Lage im Nahen Osten erwartet, darunter US-Außenministerin Condoleezza Rice und der EU-Außenpolitiker Javier Solana. Rice will nach Angaben des US-Außenministeriums erst in der kommenden Woche in den Nahen Osten reisen. Der französische Außenminister Phillippe Douste-Blazy wollte dagegen noch am Donnerstagabend zu einer Vermittlungsreise in den Nahen Osten aufbrechen. Papst Benedikt XVI. rief zu einem sofortigen Waffenstillstand in Nahost auf.

In Beirut ging unter der Bevölkerung die Angst um, dass Israel die Angriffe weiter verstärken wird. Das UN-Welternäherungsprogramm warnte angesichts des Flüchtlingsstroms und der zerstörten Transportwege vor einer drohenden Hungersnot. Innerhalb des Landes sind rund 500.000 Menschen auf der Flucht.

DPA/AP/Reuters AP DPA Reuters

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