VG-Wort Pixel

Skandal in Russland Er wollte in den USA spielen und wurde in die russische Armee entführt – der Krimi um Eishockey-Star Fedotow

Iwan Fedotow feiert den Sieg in der höchsten Eishockey-Spielklasse Russlands. 
Iwan Fedotow feiert den Sieg in der höchsten Eishockey-Spielklasse Russlands. Der Eishockey-Star wird aber nicht mehr so schnell auf das Eis können. Stattdessen muss er Armee-Dienst leisten. 
© Sergei Fadeichev / Picture Alliance
Als Iwan Fedotow nach dem Training die Eisarena verließ, warteten sie bereits auf ihn: Männer in Tarnkleidung und Masken. Wenige Tage später fand sich der Eishockey-Star in der russischen Armee wieder. Ein gefährlicher Präzedenzfall, der anderen zur Warnung werden soll. 

Die Kontinentale Hockey-Liga (KHL) ist die höchste Spielklasse im Eishockey Russlands. In der Saison 2021/22 tat sich vor allem ein Spieler hervor: Iwan Fedotow stieg zum besten Torhüter der Liga auf. Mit dem Eishockeyclub ZSKA Moskau (Zentraler Sportklub der Armee Moskau) gewann er den Gagarin-Pokal, mit dem der Sieger der KHL ausgezeichnet wird. Und als Teil des russischen Teams gewann er die Silbermedaille bei den diesjährigen Olympischen Winterspielen.

Doch nun hat seine Karriere ein abruptes Ende gefunden. Am 1. Juli lauerte eine Gruppe von Männern ohne jegliche Abzeichen dem 25-Jährigen auf dem Parkplatz einer Eisarena in Sankt Petersburg auf. Eine Journalistin des Sportsenders Match TV wurde Zeugin der Szene. Anna Andronowa begleitet den Sportler an jenem Tag. "Wir haben den ganzen Tag gefilmt. Am Freitag hatten wir für 9 Uhr ein Treffen im Eispalast vereinbart. Wir haben uns getroffen, eine Trainingseinheit auf dem Eis und im Fitnessraum gefilmt und dann die Fehler mit dem Trainer diskutiert", erzählte sie. 

Nach dem Dreh in der Eisarena habe man ein Interview in einem Park drehen wollen. Zusammen mit ihr und dem Kameramann hätte der Sportler dazu die Eisarena verlassen. "Der Parkplatz war bereits voller Menschen. Auf den ersten Blick waren es etwa zehn", berichtete die Journalistin. Zwei der ominösen Männer trugen demnach Maske und Tarnkleidung, der Rest war in Zivil. Drei Autos und ein Lieferwagen ohne Kennzeichnen hätten zudem vor der Sport-Arena gewartet. Nach einem kurzen Dialog sei Fedotow in den wartenden Lieferwagen gezerrt worden. 

Vom Training zur Armee

Zuvor hätte der Torhüter der russischen Nationalmannschaft noch erzählt, dass er zum ersten Mal in der Arena trainieren würde. "Es sieht also so aus, also ob diese Beamten alles gewusst und auf ihn vor dem Eispalast gewartet haben. Ich habe so gezittert. Ich wusste gar nicht, wer diese Leute waren", erzählte Andronowa. 

Es sollte sich herausstellen, dass es die Beamten der russischen Fahndungsbehörde waren, die Fedotow auflauerten. Im Auftrag der russischen Armee brachten sie ihn in ein Rekrutierungsbüro der Streitkräfte. Der Vorwurf: Fedotow soll sich der Einberufung zur Armee entzogen haben. In Russland ist jeder Mann zwischen 18 und 28 Jahren wehrpflichtig. Jährlich werden mehr als 300.000 junge Russen zu einem zweijährigen Militärdienst einberufen. Wer sich davor drückt, dem droht eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren.

Verräterisches Vorgehen der Behörden 

Dass Fedotow sich dieses Vergehens schuldig gemacht hat, ist aber mehr als zweifelhaft. Davon zeugt vor allem das Vorgehen der Behörden.

Nach mehreren Stunden im Rekrutierungsbüro der Armee am Zagorodny Prospekt in Sankt Petersburg klagte der Hockey-Spieler über Bauchschmerzen, berichtet die Lokalzeitung "Fontanka". In einem Krankenwagen sei Fedotow daraufhin in eines der städtischen Krankenhäuser gebracht worden. Danach verlor sich seine Spur.

Nach mehreren Tagen völliger Ungewissheit kam am vergangenen Montag die Nachricht: Fedotow sei zum Armeedienst nach Seweromorsk geschickt worden. Die Nachrichtenagentur Ria Nowosti berief sich dabei auf Angaben des Anwalts des Eishockeyspielers. "Ivan wurde vermutlich nach Seweromorsk geschickt. Sie haben ihn nachts aus dem Krankenhaus geholt, und es gibt keine weiteren Informationen", wird er zitiert.

Gleichzeitig veröffentlichte der Telegram-Kanal "Mutko protiw" ein Dementi des Anwalts. Ihm zufolge habe er niemandem etwas über Seweromorsk erzählt. Er habe keine Verbindung zu Fedotow und wisse nicht einmal, ob er irgendwohin gebracht worden sei. 

Die Meldung von Ria Nowosti sieht in diesem Kontext nach einer gezielt platzierten Information aus, mit der die russischen Behörden die Hoheit im Narrativ in diesem Falls behalten wollen. Der Krimi um Fedotow ist längst zum Politikum geworden. Oder besser gesagt, er war es von Anfang an. 

Exempel an Iwan Fedotow

Seinen Militärdienst sollte Fedotow als Spieler des ZSKA Moskau ableisten. Die Praxis, die besten Spieler des Landes zum Dienst "einzuziehen", wurde von dem Armee-Club bereits zur Sowjetzeit angewendet. Dem Aufsichtsrat des Clubs sitzt heute kein geringerer als Igor Setschin vor, seines Zeichens Rosneft-Chef und treuer Gefolgsmann von Wladimir Putin.

Der Vertrag mit dem Armeeteam endete jedoch am 1. Mai. Der Torhüter unterzeichnete daher einen Vertrag mit dem amerikanischen NHL-Klub Philadelphia Flyers. Im Juli sollte er dort starten. Doch der ZSKA wollte ihn offenbar nicht gehen lassen. "Vielleicht ist das die Rache dafür, dass er nach Philadelphia gehen wollte", vermutete der prominente Sportkommentator Dmitri Guberniew in einem Gespräch mit dem unabhängigen russischsprachigen Fernsehsender RTVi. Das Vorgehen gegen Fedotow gleicht in seinen Augen einer öffentlichen Auspeitschung.

Ein Blick auf die rechtliche Lage stützt diese Theorie. Die Behörden rechtfertigen den Schritt zur zwanghaften Einberufung Fedotows damit, dass er sich angeblich der Einberufung zur Armee entzogen haben soll. "Wenn Fedotow ein Verweigerer wäre, hätten sie ihn verklagt und ihn nicht zur Armee geschickt", erklärt der Vorsitzende der Moskauer Militäranwaltskammer Wladimir Trignin in einem Interview mit dem Sportmagazin "sports.ru" die Rechtslage. Außerdem könne man im Fall von Fedotow nicht davon sprechen, dass er sich vor dem Armeedienst drückt. Dies sei eine "strafrechtliche Handlung. Und wenn ein Strafverfahren eingeleitet worden wäre, wäre er nicht in die Armee eingezogen worden. Wenn er also einberufen wurde, gibt es keine Anklage", betont der Militärrechts-Experte.

"Gemäß unserer Verfassung ist ein Bürger unschuldig, bis ein Gerichtsurteil in Kraft getreten ist. Aber Bürger, gegen die ein Strafverfahren eingeleitet wurde oder ein Ermittlungsverfahren läuft, werden nicht zum Wehrdienst einberufen. Sie können nicht eingezogen werden", stellt Trignin klar.

"Fedotow hat sich mit der Armee zerstritten"

Auch eine anonyme Quelle von Ria Nowosti berichtete, dass Fedotow zwangseingezogen wurde, weil er sich mit Vertretern des Armeeclubs ZSKA zerstritten habe. "In den Nationalmannschaften Russlands werden die erforderlichen Athleten im wehrfähigen Alter in Listen eingetragen, und aus diesen Listen werden sie dann in die Sportmannschaften der Armee einberufen. So werden sie in die Armee eingezogen, dies geschieht durch das Verteidigungsministerium und teilweise durch das Innenministerium", erzählte der Informant und bestätigte damit die gängige Praxis, durch die auch Fedotow zum ZSKA kam. In der Regel gebe es auch keine Probleme, wenn die Dienstzeit abgeleistet ist. Für seine Schwierigkeiten sei Fedotow selbst verantwortlich. "Fedotow hat sich mit der Armee zerstritten. Es ist alles eine Frage der Kontakte, der Ambitionen des Torhüters selbst und einer anderen Person", sagte der Gesprächspartner der Agentur und deutete einen Konflikt mit einer ominösen Figur des ZSKA an. 

"Das ist ein sehr gefährlicher Präzedenzfall"

Der Sportkommentator Guberniew sieht in dem Krimi um den Eishockey-Star eine erschreckende Entwicklung: "Das ist ein sehr gefährlicher Präzedenzfall. Denn junge Leute, die jetzt 15 bis 17 Jahre alt sind und Eishockey spielen, werden das Land verlassen, um nicht in eine so unangenehme Geschichte zu geraten." Die Leute, die hinter dem Vorgehen gegen Fedotow stünden, "kümmern sich nicht um Russland, das Ansehen des Landes und das Ansehen des russischen Sports. Sie kümmern sich nicht um Eishockey oder Fedotow. Die Situation ist einfach skandalös. Ich bin entsetzt, dass die Eishockey-Community schweigt."

Auch der Medienmanager und Gründer des Sportmagazins "sports.ru" Dmitri Nawoscha sieht in dem Fall Fedotow eine symbolstarke Zäsur. Die Zustände, die einst die Sowjetunion gekennzeichnet haben, kehren seiner Meinung nach zurück. Die Profiteure des Putin-Regimes, wie Sportler es sind, würden jetzt auf eigener Haut zu spüren bekommen, dass das System nicht nur Vorteile sondern auch unangenehme Konsequenzen mit sich bringt. "Dazu gehört auch der Verlust jeglicher bürgerlicher Rechte in dem Moment, in dem man den Weg deiner Vorgesetzten durchkreuzt", kommentierte er den Fall gegenüber den Staabsmitarbeitern von Alexej Nawalny auf ihrem Youtube-Kanal

Ab jetzt sei klar: "Auch mit Sportlern kann auf die unvorhersehbarste Weise verfahren werden, wenn sie ihren Vorgesetzten nicht mehr gefallen." 

Verbannt ans Ende der Welt 

Unterdessen sind erste Bilder aufgetaucht, die Fedotow am Ort seines Armeedienstes zeigen sollen. Demnach befindet er sich bei einer Militäreinheit in Sewerodvinsk in der Region Archangelsk. Die Sankt Petersburger Lokalzeitung "Fontanka" meldet, dass der Sportler in das 907. Ausbildungszentrum des Oberkommandos der Marine gebracht worden sei. Laut der Veröffentlichung wird er dort bis September bleiben. Danach werde entschieden, wo er dienen wird.

Die Nachrichtenagentur Tass schrieb unter Berufung auf eine Quelle in Strafverfolgungsbehörden, dass Fedotow zum Dienst auf die Insel Nowaja Semlja geschickt werden könnte. Die fast unbewohnte Inselgruppe liegt im Nordpolarmeer und ist ein bevorzugter Ort für die Unterbringung von Oppositionellen. 

Lesen Sie auch:


Mehr zum Thema



Newsticker