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Jahrestag Irak-Krieg: "Das Land ähnelt nicht mal einer Demokratie"

Der Beginn des Irak-Kriegs jährt sich zum zehnten Mal. Im stern-Interview beschreibt Human-Rights-Watch-Direktor Roth den Zustand des Landes und erinnert an massive Menschenrechtsverletzungen.

Sowohl das Regime von Saddam Hussein als auch die amerikanischen Besatzungstruppen haben im Irak schwere Menschenrechtsverletzungen begangen. Human Rights Watch hat dies immer wieder angeprangert. Kenneth Roth, Direktor der Organisation, tut dies auch im Interview.

Herr Roth, zehn Jahre sind seit dem Einmarsch der US-Truppen in den Irak vergangen. Ist das Land nach all' den Jahren der Gewalt heute eine stabile Demokratie?
Der Irak ähnelt noch nicht einmal einer Demokratie. Das Land ist ein perfektes Beispiel dafür, dass Wahlen alleine keine Demokratie ausmachen. Es gibt keinen Respekt für die einfachsten Rechte.

Aber steht der Irak nicht zumindest besser da als unter Saddam Hussein?
Das ist ja nicht sonderlich schwer. So ziemlich alles ist besser als ein Leben unter dem Diktator Saddam Hussein. Und nur ein Beispiel zu geben: Saddam Hussein ließ seine eigene Bevölkerung, die Kurden, mit Giftgas töten.

Was sind denn die größten Probleme des Landes?
Es ist gar nicht so sehr der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten. Das größte Problem ist Regierungschef Maliki selbst. Sicher: Der Schiit Maliki unterdrückt die Sunniten. Aber auch wenn seine eigenen Leute ihn herausgefordert haben, ging er skrupellos vor. Maliki benutzt das Justizsystem, um jede Gefahr für seine Herrschaft auszuschalten. Er bedient sich des ganzen Arsenals: willkürliche Verhaftungen, Folter, politische Prozesse vor Gerichten, die nicht unabhängig sind.

Hat der Westen Mitschuld an der Lage?
Die Amerikaner haben ein sehr schlechtes Beispiel abgegeben. Auch die US-Truppen haben jede Gefahr für ihre Herrschaft mit brutalsten Mitteln abgewehrt - mit Verhörmethoden etwa, die eigentlich Folter sind etwa. Oder erinnern wir uns an die Bilder aus dem Gefängnis von Abu Ghraib, die vollkommen menschenunwürdige Behandlung von Häftlingen. Vor allem aber haben sich die USA geweigert, ihre Leute dafür wirklich zur Rechenschaft zu ziehen. All das ist wie eine Blaupause für den Regierungsstil von Maliki.

War Abu Ghraib der Tiefpunkt?
Natürlich war es ein Riesenskandal und eine Schande für die amerikanische Armee. Aber paradoxerweise hat Abu Ghraib George Bush vielleicht sogar geholfen. Die Misshandlungen waren so amateurhaft inszeniert, dass man zunächst kaum glauben mochte, das alles sei von oben befohlen. Die Bilder suggerierten, hinter der Folter steckten nur ein paar einfache Soldaten – und nicht die hohen Herren im Weißen Haus in Washington selbst.

Der arabische Frühling hat mehrere diktatorische Regime in der Region hinweggefegt. Der Irak scheint einer Infektion zu entkommen.
Vielleicht erleben wir seit ein paar Wochen so etwas wie eine Infektion. In Falludscha etwa hat es Demonstrationen gegeben. Das irakische Volk beginnt, für größere Freiheit zu kämpfen. Und tatsächlich hat die Regierung versprochen, dass Angeklagte nicht mehr nur allein auf der Basis von Aussagen von geheimen Spitzeln verurteilt werden können. Nun muss sich zeigen, was hinter den Versprechungen steht.

Das Interview führte Marc Goergen / print