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Saudischer Journalist: Dissident wider Willen: Warum Jamal Khashoggi verschwinden musste

Auch wenn Kronprinz Salman als großer Reformer gilt - wer nicht nach seiner Pfeife tanzt, riskiert sein Leben. Das gilt auch für Saudis im Ausland, wie für den Journalisten Jamal Khashoggi. Dabei sah er sich nicht einmal als Oppositionellen.

Kritischer Journalist: Verschleppt oder ermordet? Warum Saudi-Arabien Jamal Khashoggi fürchtet

Vielleicht war Mohammed bin Salman, genannt MBS, nie der nette Reformer, als den ihn der Westen so gerne gesehen hat. Vielleicht war er im Herzen schon immer dieser autoritäre Monarch, als der er sich gerade entpuppt. Vielleicht auch beides, vielleicht kippte sein tatkräftiges Reformieren irgendwann ins hartherzige Machterhalten. Weil er, der Kronprinz, umzingelt von Feinden, nur noch den Verrat sah.

Die Idee ist gut, aber schlecht umgesetzt

Was sicher kippte, war Jamal Khashoggis Meinung über seinen Kronprinz - dem er eigentlich Erfolg gewünscht hatte. "Ganz sicher möchte er Saudi-Arabien groß machen. Er tut es nur leider auf die falsche Weise", sagte der mittlerweile verschwundene Journalist noch vor kurzem in einem Interview mit "Vanity Fair". Seine eigentlich wohlwollende Kritik könnte Khashoggi das Leben gekostet haben. Im März diesen Jahres hatte ihn ein Berater von MBS angerufen und ihm verboten, Kolumnen zu schreiben, zu twittern oder mit ausländischen Journalisten zu sprechen – obwohl der damals 59-Jährige da schon längst im Exil in den USA lebte.

Bislang ist unklar, was genau mit dem in Ungnade gefallenen Journalisten passiert ist, seit er am 2. Oktober in der saudischen Botschaft in Istanbul verschwunden ist. Am wahrscheinlichsten: Er ist tot. Möglicherweise ermordet. Vielleicht stimmen sogar die ganzen Horrorgeschichten türkischer Medien, wonach Khashoggi von einem saudischen Kommando gefoltert und bei lebendigem Leib zerstückelt worden ist. Angeblich gibt es sogar Smartwatch-Aufnahmen von der Tat.

Khashoggis Tod - ein Unfall?

Saudi-Arabien selbst streitet bislang sämtliche Vorwürfe ab, verspricht aber "in Kürze" mitzuteilen, was nach Ansicht der Regierung in dem Konsulat passiert ist. US-Medien zufolge wird das Land zugeben, dass es geplant habe, den Journalisten entführen zu wollen, sein Tod sei jedoch ein Unfall gewesen. Die "Washington Post", für die er in den letzten Monaten geschrieben hatte, schreibt in einem Statement, das auch dem stern vorliegt: "Die Regierung von Saudi-Arabien schuldet der Khashoggi-Famile und der Welt die ganze Wahrheit darüber, was mit ihm geschehen ist."

Dass das saudische Königshaus selbst im Ausland nicht zimperlich mit Regimekritikern und anderen unliebsamen Bürgern umgeht, haben die letzten Monate mehrfach gezeigt. Die britische BBC hat drei Fälle dokumentiert, in denen kritische Prinzen des weit verzweigten Königshauses im Exil verschwanden: Prinz Sultan bin Turki, der bis 2016 in Paris lebte. Die Prinzen Turki bin Bandar und Saud bin Saif al Nasr verschwanden in Europa. Und auch dem in Deutschland lebenden saudische Prinz Chalid bin Farhan al Saud sollen die Saudis versucht haben, eine Falle zu stellen.

Khashoggi gehörte zur Elite Saudi-Arabiens

Treffen kann es dabei offenbar jeden. Jamal Khashoggi etwa sah sich selbst nie als Dissident. Jahrzehntelang war er brav seinen Pflichten als saudisch-arabischer Journalist nachgekommen. Er begleitete den Aufstieg von Osama bin Laden, schrieb über die russische Invasion in Afghanistan, beriet den Prinzen und früheren Geheimdienstchef Turki al Faisal in Mediendingen, war Chefredakteur der Zeitung "al Watan" – kurzum: Khashoggi gehörte zur Elite. Aber das taten viele, die MBS' Säuberungswahn der letzten Jahre zum Opfer gefallen sind.

Der "Vanity Fair" erzählte Khashoggi, dass er nach dem Anruf des Kronprinzenberater im November 2016 gemerkt habe, wie dünn das Eis langsam wird - selbst für jemanden wie ihn. Kurze Zeit später ließ Mohammed bin Salman massenhaft Saudis überall auf der Welt verhaften. Angeblich wegen Korruption. Da kippte etwas in ihm. Zehn Monate später floh er nach in die USA und begann, Kolumnen für die "Washington Post" zu verfassen. Darin setzte er sich kritisch mit dem fürchterlichen Krieg Saudi-Arabiens im Jemen und der mutmaßlichen Entführung des libanesischen Regierungschef Saad Hariri auseinander.

Außenpolitisch gilt der Kronprinz als rücksichtsloser Cowboy, der scheinbar wahllos Unruhe stiftet, innenpolitisch versucht er, die saudische Gesellschaft zu modernisieren. Frauen etwa dürfen Auto fahren, Kinos wurden eröffnet. Doch Widerworte oder Zweifel an seiner Herrschaft werden harscher geahndet als je zuvor. "Saudi-Arabien war nie ein freies Land. Aber die Leute die MBS verhaften lässt, sind ebenfalls Reformer, aber keine Radikalen. Kronprinz Salman hat religiöse Intoleranz durch politische Abschottung ersetzt", so Khashoggi in der "Vanity Fair."

Kritik wird auch in den USA lauter

Der neue, rabiate Regierungsstil in Riad wird im Ausland skeptisch betrachtet. Und die mutmaßliche Ermordung von Jamal Khashoggi hat die Kritik an dem Wüstenkönigreich noch einmal verschärft. Selbst in konservativen Kreisen beim engsten Verbündeten USA wird mittlerweile offen das jahrzehntealte Bündnis in Frage gestellt. Die "Washington Post" schreibt in ihrem Statement zum verschwundenen Journalisten: "Die saudische Regierung darf nicht länger schweigen. Es ist nötig, dass unsere eigene Regierung und die anderer Staaten den Druck erhöht. Solange bis die Schuldigen gefasst sind und zur Rechenschaft gezogen wurden, darf es kein Weiter-so mit der saudischen Regierung geben."

Kritischer Journalist: Verschleppt oder ermordet? Warum Saudi-Arabien Jamal Khashoggi fürchtet