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Jemen: Willkommen in Instabilistan

Durch das vereitelte Attentat auf eine US-Passagiermaschine gerät der Jemen, das Armenhaus Arabiens, in den Fokus der Welt. Das instabile Land bietet ein prächtiges Klima für Terroristen - vor allem für die der al Kaida.

Von Niels Kruse

Die Entführungsindustrie im Jemen ist berühmt-berüchtigt. Nun gerät die Republik Jemen durch ein gescheitertes Attentat in den weltweiten Fokus. Und damit auch al Kaida, die im Süden der arabischen Halbinsel an Stärke gewinnt. Seit Jahren schon ist die korrupte Regierung kaum in der Lage, das Land von der Größe Frankreichs zusammenzuhalten. Der Jemen gilt, ähnlich wie Somalia und Afghanistan, als so genannter gescheiterter Staat. Im Norden kämpfen Regierungssoldaten gegen Aufständische, im Süden lehnt die Bevölkerung die herrschende Elite ab und dazwischen darben die Menschen an Wassernot, Arbeitsplatzmangel und fürchten nun, in einen Krieg gezogen zu werden: "Wir haben alle große Angst", sagt ein jemenitischer Tourismusangestellter zu stern.de. "Unser Land wurde lange nicht ernst genommen. Kein Wunder, dass der Terrorismus hier auf fruchtbaren Boden fällt."

Touristen gegen Terroristen

Erst vergangenes Jahr, das Land machte gerade mit der Entführung von sieben Deutschen und dem Absturz einer Maschine der schlecht beleumundeten Luftfahrtgesellschaft Airline Yemenia wieder Negativschlagzeilen, da stellte Minister Nabil al Fakih eine gewagte Gleichung auf, die mehr wie eine Drohung als ein Hilfeschrei klang: "Wenn ihr wollt, dass wir weiterhin Geld für die Terrorbekämpfung ausgeben, dann solltet ihr Touristen schicken, wenn nicht, dann kämpft ihr bald alleine." Das Geld von Touristen gegen Terroristen - eine charmante Idee, die aber damals schon kaum überzeugen konnte. Und erst Recht nicht heute, da der zerbröselnde Staat, mal wieder, wegen seiner Terror-Ausbildungscamps und der erstarkenden al Kaida von sich Reden macht.

So soll Umar Faruk Abdulmtallab, dessen Anschlagsversuch auf ein Flugzeug der Delta Nothwest Airlines vereitelt wurde, im einem jemenitischen al-Kaida-Lager ausgebildet worden sein. Das Terrornetz hatte sich auch wenige Tage später zu dem Attentat bekannt. "Al Kaida auf der arabischen Halbinsel" nennt sich der im Jemen ansässige Regionalzweig der Organisation - er gilt Experten zufolge als der gefährlichste Arm der weltweiten Terrorholding. Auf das Konto der Extremisten gehen eine ganze Reihe von Anschlägen in der Vergangenheit: Schon 1992 verübten offenbar islamistische Extremisten ein Attentat auf ein Hotel in Aden. Im Oktober 2000 folgte das Attentat auf den US-Zerstörer "USS Cole", vergangenes Jahr Granatenangriffe auf ausländische Wohnungen und Botschaften, und im November der Anschlag auf den saudi-arabischen Anti-Terror-Chef. Nassar al Wahaischi, der Führer von "Al Kaida auf der arabischen Halbinsel", drohte daraufhin mit Anschlägen auf Länder, die in muslimischen Staaten Krieg führten.

Ein Paradies für Bildungsreisende

Zweifelsohne ist der Jemen am Südzipfel der arabischen Halbinsel ein einzigartiges Land: die 3000 Jahre alten Lehmhochhäuser von Schibam, die Altstadt der Hauptstadt Sanaa, Unesco-Welterbe seit zehn Jahren, historische orientalische Burgen auf Bergen mitten in der Wüste, die antike Ausgrabungsstätten von Baraqisch - allesamt ein Paradies für Bildungsreisende. Doch ebenso ist der Jemen seit Jahren schon Hochburg radikaler Islamisten. Rund die Hälfte der in Guantanamo einsitzenden Häftlinge stammt aus dem arabischen Land. Und die Tatsache, dass die Vorfahren von Osama bin Laden, dem Terrorphantom, aus dem Jemen stammen, wird von vielen Bewohnern eher begrüßt als verdammt. In der "Financial Times Deutschland" wurde vor einigen Monaten ein Neunjähriger mit den Worten zitiert: "Ich finde bin Laden gut, er bringt Amerikaner um. Es ist richtig, Ungläubige umzubringen."

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Zufluchts- und Rückzugsort für Radikale

Jemen ist ein Land, das sich nach den üblichen Erklärungsmustern von Beobachtern wie sonst nur Somalia, Afghanistan und Teile von Pakistan geeignet scheint, Zufluchts- und Rückzugsort für Radikale zu sein. Vergessen von der Welt hatten schon im damaligen Südjemen der 70er Jahre Palästinenser ihre Lager aufgeschlagen, um ihre eigenen Leute für den Krieg gegen Israel auszubilden, und selbst Mitglieder der RAF wurden dort an der Waffe geschult.

In wenigen Monaten wird der Staat 20 Jahre alt. Im Mai 1990 hatten sich der Norden und der sozialistisch geprägte Süden wieder zusammengeschlossen. Doch Ruhe ist in den vergangen zwei Jahrzehnten nicht eingekehrt. Nach wie vor herrschen dort Stämme und Clans, die die Zentralregierung in Sanaa nicht anerkennen. Der Machtbereich des seit 30 Jahren amtierenden Dauerpräsidenten Ali Abdullah Saleh deckt gerade einmal die Hauptstadtregion ab. Im Kampf um Einfluss und Land entführen die Stamm- und Clanchefs immer wieder Ausländer, um sie als Faustpfand gegen den Staatschef einzusetzen. Seit einigen Monaten verschärft sich zudem wieder der Konflikt zwischen dem den ehemals geteilten Landeshälften. Im Norden verliert sich die jemenitische Armee immer häufiger in Scharmützeln mit Aufständischen, die für mehr Selbstständigkeit kämpfen und im Süden machen sich sezessionistische Bestrebungen breit.

Die unübersichtliche und instabile Lage ist ein idealer Nährboden für Terroristen, zumal die Lage des Jemen als strategisch äußerst günstig gilt - zwischen der arabischen Halbinsel und Afrika liegen nur wenige Seemeilen. Die von al Kaida inspirierten somalischen Islamisten al Schabaab haben bereits Unterstützung angekündigt für den Fall, dass die USA militärisch eingreifen sollten.

Mit den USA gegen den internationalen Terrorismus

Offiziell kämpft die jemenitische Regierung zusammen mit den USA gegen den internationalen Terrorismus. Allein in den vergangenen Wochen wurden bei Regierungsangriffen gegen al Kaida nach offiziellen Angaben mehr als 50 Mitglieder des Terrornetzes getötet. Die Vereinigten Staaten unterstützen diesen Kampf mit schätzungsweise 70 Millionen US-Dollar. Angeblich sollen sich seit 2008 auch US-Spezialkräfte im Jemen Anti-Terroreinheiten ausbilden. Zudem sollen selbst Cruise-Missles gegen al-Kaida-Lager eingesetzt worden sein. Das erinnert an die amerikanische Strategie in Pakistan, wo die US-Armee ebenfalls eigenmächtig gegen die dortigen Taliban vorgeht.

Ein offener Militäreinsatz der USA und Großbritanniens, der nun kolportiert wird, wäre deshalb gar nicht nötig. Zudem hat die jemenitische Regierung nun noch einmal deutlich gemacht, dass sie keine ausländische Intervention dulden werde. Das Land sei lediglich an technischer Unterstützung interessiert, hieß es nun. John Brennan, Terrorismusberater Barack Obama sagte in einem TV-Interview, dass die jemenitische Regierung ihre Bereitschaft bekundet habe, al Kaida zu bekämpfen. Sie sind bereit, unsere Unterstützung anzunehmen, und wir geben ihnen, worum sie gebeten haben".