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Kenia: Aufstand der Habenichtse

Seit Tagen brennt es in Kenia an jeder Ecke. Die Opposition, junge, unausgebildete Slumbewohner, kämpfen gegen Präsident Kibaki. Aber weniger gegeneinander, denn die angeblichen ethnischen Konflikte würden von der Herrscherclique herbeigeredet.

Von Marc Engelhardt, Nairobi

Am frühen Morgen hat Peter sich aufgemacht, aus seiner Lehmhütte mit Wellblechdach, von denen sich so viele hier bis zum Horizont ziehen. Das Frühstück ist wieder einmal ausgefallen. "Ich habe nicht mehr, die Märkte sind abgefackelt worden, ich kann also auch nichts kaufen." Zudem hat der in ein buntes Tuch gewickelte, missmutig drein blickende 20-jährige vor Weihnachten nicht mehr gearbeitet. Sonst schleppt er als Gelegenheitsarbeiter Kisten im Industriegebiet von Nairobi, am Tag kommt er damit umgerechnet auf zwei Euro. "Aber im Moment gibt es keine Arbeit, alles hat geschlossen, und wir haben kein Geld." Wenigstens hat er keine Familie, um die er sich sorgen muss. "Die kann ich mir nicht leisten."

In seinem Entschluss, jeden Tag auf die Straße zu gehen, so lange, bis Oppositionsführer Raila Odinga offiziell zum Wahlsieger erklärt worden ist, wankt er nicht. "Kibaki hat uns fertig gemacht, wir wollen Raila haben", singt er mit den anderen Demonstranten aus Dandora, einem der schlimmsten Slums von Nairobi, gebaut neben und auf der einzigen Müllkippe. Es stinkt überall, in den Gassen, in den Häusern.

Während Peter und die anderen durch die wie ausgestorben daliegenden Hauptstraßen marschieren, schwenken viele Palmenzweige. Andere haben weiße Armbinden angelegt. Den zu Hunderten auf den Straßen stationierten Polizisten wollen sie klar machen, dass sie es friedlich meinen. Doch Angst vor einer Auseinandersetzung haben sie nicht. "Wir werden für unsere Rechte kämpfen", schreit Salim über die singende Menge hinweg. "Es macht nichts, ob sie dich töten oder nicht. Du kannst das Volk umbringen, aber nicht eine Idee." In den Slums herrscht auch sonst der Ausnahmezustand, doch momentan ist es noch schlimmer. "Die Leute schlafen nachts nicht mehr, sie verteidigen sich selbst", sagt Peter.

Weit kommt seine Gruppe nicht. Schon nach einigen hundert Metern ist Schluss mit dem Marsch, der eigentlich bei einer Großkundgebung im Freiheitspark enden soll. Dort will Odinga gegen Präsident Mwai Kibaki wettern, der die Wahl auch nach Ansicht von internationalen Beobachtern offensichtlich und auch ziemlich plump gefälscht hat. Die Träger der Palmenzweige stehen Viehlastwagen gegenüber, von deren Ladefläche Polizisten in Kampfausrüstung springen. Ein Wasserwerfer steht da, ein Polizist schwenkt eine Tränengasgranate.

"Aus dem Weg, aus dem Weg", skandiert die Menge und: "Kein Raila, kein Frieden". Dieser Spruch ist seit Tagen der Lieblings-Kampfruf der Opposition. Ein paar gehen weiter, andere ziehen sich zurück. Auf einmal ist alles in Bewegung. Zurück bleibt ein brennendes Auto, Peter rennt zurück in Richtung Dandora.

"Wo ist meine Schwester"

Peter wüsste gerne, wo seine Schwester steckt, die vor Tagen aus dem Westen des Landes nach Hause kommen wollte. Die Busse sind nicht sicher, sagt derzeit ein Gerücht. Er weiß nicht, ob sie irgendwo auf der zwölf Stunden dauernden Strecke bei Freunden untergekommen ist - oder ob ihr etwas zustieß. "In Nakuru leben viele Kikuyu, vielleicht liegt sie schon wie so viele andere Luo als Leiche am Straßenrand."

Peter hört wie so viele andere in diesen Tagen viele Gerüchte. Verlässliche Informationen sind hingegen Mangelware. Die Regierung verschickt Warnungen an alle Handybesitzer: Wer Hassmails oder Mails mit falschen Inhalten verschickt, macht sich strafbar. Fast jeder Kenianer hat ein Handy. "Was ich da manchmal lese, lässt mir echt die Galle hochkommen", sagt Peter. Da werden Luo wie er zum Mord an Kikuyu aufgerufen, mit der Machete. "Hack ihnen die Beine ab", steht in einer.

"Das ist ein Krieg der Armen"

Daniele Moschetti, ein Pater, der einmal in Italien gelebt hat, lebt schon lange in Dandora und sieht die Entwicklung mit Sorge. "Dieser Krieg um das Wahlergebnis, das ist ein Krieg der Armen", ärgert sich Moschetti. "Wir Slumbewohner leiden, während die Politiker in ihren warmen Villen einen Bürgerkrieg anzetteln." Ethnische Differenzen, die es in dem Vielvölkerstaat mit mehr als 40 Volksgruppen bisher nur unterschwellig gab, brechen jetzt offen aus.

Doch die Menschenrechtlerin Gladwell Otieno, selbst Tochter einer Luo und eines Kikuyu - den beiden Ethnien, denen die verfeindeten Politiker Kibaki und Odinga angehören - warnt vor falschen Schlüssen. "Wir hassen uns nicht, weil wir Kikuyu oder Luo sind", sagte sie. "Wir hassen uns allenfalls, weil die großen Führer uns gesagt haben, wir sollen uns hassen." Der Irrglauben, Abneigungen zwischen den Volksgruppen seien genetisch oder historisch bedingt, macht sie rasend. "Diesen Fehler haben viele schon in Ruanda gemacht." Wenn der politische Streit gelöst ist, so hofft sie, werden auch die Kämpfe zwischen den gegeneinander aufgehetzten Volksgruppen langsam abflauen.