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Kolumbien: Ein Präsident triumphiert

Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe hat Grund zum Jubeln: Mit der Befreiung Ingrid Betancourts wurde den Farc-Rebellen ihr letzten Trumpf genommen. Der Konservative, der sich mit dem Versprechen, den Krieg im Dschungel zu beenden, wählen ließ, steht vor seinem großen Ziel: Der Zerschlagung der Farc.

Von unserem Korrespondenten in Caracas

Der Coup war riskant, genial, und letztendlich erfolgreich. Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe hat allen Grund zur Freude. Mit der Befreiung von Ingrid Betancourt und 14 weiterer Entführungsopfer aus einem geheimen Dschungelcamp der Farc feiert er den bisher größten Triumph seiner politischen Karriere.

Der auf dem Bildschirm recht umgänglich wirkende, aber politisch knochenharte Staatschef hat der größten und ältesten Guerillaorganisation Südamerikas den letzten großen Trumpf geraubt. Die Position der Rebellen in künftigen Verhandlungen ist nach dem Verlust ihrer wichtigsten Geiseln deutlich geschwächt.

Uribe diktiert die Bedingungen

Sein erstes Präsidentschaftsmandat gewann Uribe im Jahr 2002 mit dem Versprechen, der Gewalt zwischen Drogenkartellen, linksgerichteten Guerillas und rechtsgerichteten Paramilitärs ein Ende zu setzen. Er ist diesem Ziel zumindest näher gekommen.

Seinem Vorgänger Andrés Pastrana kündigte die Farc einseitig die Friedensgespräche auf. Das schmachvolle Bild des Staatschefs, der auf einem Stuhl einsam und vergeblich auf den legendären Rebellenführer Manuel Marulanda wartete, ging um die Welt. Uribe ist da von anderem Kaliber. Er diktiert seinen Gegnern die Bedingungen, nicht andersherum.

Der Sohn einer Großgrundbesitzer-Familie, Jahrgang 1952, gewährte paramilitärischen Selbstverteidigungsgruppen, im Gegenzug für die Entwaffnung Straffreiheit. Menschenrechtsgruppen nannten das Programm im Nachhinein allerdings wenig erfolgreich und kritisierten die engen Verflechtungen zwischen Regierung und Paramilitärs.

Gerüchte gab es auch über Beziehungen zwischen der Familie Uribes und dem mittlerweile zerschlagenen Drogenkartell von Medellin. Kolumbiens Präsident regierte die Heimatstadt des berühmt-berüchtigten Drogenbosses Pablo Escobar einige Zeit lang als Bürgermeister.

Uribe hat eine Rechnung zu begleichen

Zweifel an Uribes erbitterter Abneigung gegenüber der Linksguerilla gab es dagegen nie: Farc-Mitglieder brachten 1983 seinen Vater um. Gegen die Rebellentruppe und deren kleinere Konkurrenz, dem Nationalen Befreiungsheer (ELN), führte er eine mit Milliardenhilfen der USA hochgezüchtete und bestens ausgestattete Armee ins Feld.

Bei seinen Landsleuten kam das gut an. Die Kolumbianer hatten längst die Nase voll von angeblichen Revolutionären, die entführen und morden und mit dem Kokainanbau ihren blutiges Treiben finanzierten, und wählten Uribe 2006 erneut ins Amt. Entführungen und Morde gingen dank seiner Null-Toleranz-Politik deutlich zurück.

Mit einer Mischung aus Militäroffensiven, Amnestieangeboten für niedere Chargen und der Ausschreibung von Kopfgeldern auf die führenden Köpfe zwang Uribe die Farc flächendeckend zum Rückzug. Auflösungstendenzen sind unübersehbar. Seit dem Amtsantritt Uribes legten schätzungsweise 8000 Farc-Kämpfer ihre Waffen nieder.

In den letzten Monaten häuften sich die Erfolge der kolumbianischen Regierung im Kampf gegen die geschwächte Rebellengruppe. Anfang März bombardierte die Luftwaffe ein Camp auf ecuadorianischem Territorium und tötete dabei die Nummer zwei der Farc, Raul Reyes. Inmitten heftiger Bombardements starb einige Tage später auch der Oberkommandierende Marulanda, laut Erklärung seiner Untergebenen an einem Herzinfarkt.

Selbst der Nachbar gratuliert

Wie dicht die Armee der Guerilla mittlerweile selbst im unwegsamen Dschungel auf den Fersen ist, zeigte die spektakuläre Aktion zur Befreiung Betancourts und ihrer 14 Leidensgenossen. Agenten des Militärgeheimdienstes machten nicht nur den Standort der Grünen-Politikerin im Gebiet von Guaviare im Süden des Landes an der Grenze zu Brasilien ausfindig. Sie sorgten mit einem gefälschten Befehl des neuen Farc-Oberkommandeurs Alfonso Cano sogar dafür, dass die nichts ahnenden Aufpasser mehrere Geiselgruppen zusammenlegten - um so den Triumph der Regierung noch zu mehren.

Genau 22 Minuten und 13 Sekunden dauerte die Befreiung von Ingrid Betancourt. Die Guerillaorganisation hatte mit ihr als Symbolfigur und einigen weiteren Geiseln in ihrer Gewalt gegen insgesamt 500 gefangene Genossen freipressen wollen. Zwar hält die Gruppe in ihren Lagern noch immer 700 Menschen gefangen. Das Kaliber der Grünen-Politikerin, deren Fall weltweite Anteilnahme hervorrief, hat keiner von ihnen.

Die Farc wird weiter kämpfen. Einen Verzweiflungskampf. Denn einen letzten Ausweg aus der tödlichen Schwäche blockierte Uribe bereits im März. Kolumbianische Elitesoldaten stellten nach dem tödlichen Angriff auf Reyes den Laptop des Farc-Sprechers sicher. In dem tragbaren Computer fanden die Ermittler hunderte Dateien, die unter anderem zeigten, wie die marxistischen Rebellen international um Alliierte warben - und sie in den linksgerichteten und US-kritisch gesonnenen Präsidenten Venezuelas und Ecuadors offenbar sogar schon gefunden hatte.

Uribe legte die Ergebnisse offen, und nahm so einen diplomatischen Konflikt mit seinem regionalen Gegenspieler, dem venezolanischen Präsident Hugo Chávez, in Kauf. Im Rückblick erwies sich sein Vorgehen als clever. Denn sich öffentlich als Verbündeter einer international als Terrororganisation geächteten Gruppe zu outen, das traute sich dann nicht einmal der sonst vor keinem Streit zurückschreckende Chávez.

Nach dem kolumbianischen Angriff auf ecuadorianisches Territorium nannte der in Caracas regierende Linkspopulist seinen Kollegen in Bogotá noch einen "Kriminellen" und "Paramilitär" und ordnete einen Truppenaufmarsch an der Grenze an. Zwei Monate später merkte der mit innenpolitischen Problemen kämpfende Chávez dann offenbar, in welche Richtung der Wind drehte: Er rief die Farc dazu auf, ihren Kampf einzustellen. Am Mittwoch schließlich gratulierte der venezolanische Caudillo Uribe laut Fernsehberichten telefonisch zu der geglückten Befreiung Betancourts. Es dürfte für den kolumbianischen Staatschef, der am Freitag übrigens Geburtstag feiert, eine Genugtuung gewesen sein.