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Kommentar: Das Geheimnis des heiligen Obama

Yes, he can. Seit dem Tod Johannes Pauls II. hat niemand so viele Menschen berührt wie Barack Obama. Dessen Heilsbotschaft befriedigt ein im Westen tief sitzendes Verlangen nach spiritueller Führung - und sein Wahlsieg hat scheinbar bewiesen, dass der Mann Wunder vollbringen kann. Eine Annäherung an einen vermeintlichen Heiligen.

Von Florian Güßgen

Yes, he can. Und wie. Schlangen vor Wahllokalen, eine höhere Wahlbeteiligung als weiland bei Kennedy selig, eine Siegesparty in Chicago, die kein Super-Bowl-Triumph zustande brächte, Straßenfeiern in New York, Los Angeles, weltweit, als ob gerade ein Weltkrieg siegreich beendet worden sei. Barack Obama berührt die Menschen. Er löst etwas aus: Ein globales Gefühl der Zuversicht. Dabei geht das, wofür er steht, das, was in diese Figur hineininterpretiert wird, weit über Politik hinaus: Die Figur Obama, der der Westen derzeit huldigt wie eine globale Glaubensgemeinschaft ihrem Heiligen, befriedigt eine tief sitzende Sehnsucht nach Spiritualität, nach Sinngebung.

Neu ist dieses Bedürfnis nach geistiger Führung nicht, auch im vermeintlich aufgeklärten Westen. Es ist ein Phänomen unserer Zeit: Globaler Terrorismus, globaler Islamismus, Klimawandel, Wirtschaftskrise. Zu fundamental, zu existenziell bedrohlich scheinen die Herausforderungen unserer Zeit, als dass bloße Politik ausreichen würde, um Menschen Sicherheiten zu bieten. Die Menschen verlangen, und das betrifft vor allem die ohnehin sinnsuchende jungen Generation, eine Botschaft und Botschafter, die dieser Politik einen höheren Sinn verleihen und somit unangreifbare Sicherheiten bieten. Notwendig ist das wohl auch deshalb, weil der jüdisch-christlich geprägte Westen auf der spirituellen Flanke scheinbar attackiert wird, auf den ersten Blick von einem sich stets ausbreitenden Islam, de facto aber von einer radikalen, fundamentalistisch-extremistischen Spielart dieser Religion.

Der Tod des Papstes löste einen Gefühlsausbruch aus

Es ist somit nicht neu, dass der Westen nach einer globalen, spirituellen Führungsfigur lechzt, nach einer Art Religionsführer in einer Phase der Endzeitstimmung, in der die brennenden Türme des World Trade Centers zu New York für eine Krise der liberal-demokratischen Gesellschaften stehen. Es war deshalb auch nicht überraschend, dass es ein kirchlicher Führer war, nämlich Papst Johannes Paul II., der 2005, mit seinem Sterben und seinem Tod einen globalen Gefühlsausbruch hervorrief, der die Sehnsucht nach spiritueller Führung erst offenbar werden ließ. Die Trauer um den toten Papst bewirkte etwas Positivs. Sie erzeugte ein Gefühl der Gemeinschaft und, trotz des traurigen Anlasses, ein Gefühl der Zuversicht. Dabei wurde die Strahlkraft dieses globalen Ereignisses nicht nur bei den Katholiken wahrgenommen, sondern weit über diesen Kreis heraus.

Auch George W. Bush, der 43. Präsident der USA, das darf man nicht vergessen, bemühte sich nach Kräften, sich als spiritueller Führer zu etablieren. Allerdings war seine Botschaft keine Botschaft der Freude, der Zuversicht, der Lebenslust, sondern eine Botschaft der Angst, genährt aus einem Endzeitverständnis, wie es in manch radikalen Teilen der evangelikalen Kirchen in den USA gepredigt wird: Wer nicht untergehen will, muss den Gegner vernichten - auch wenn das bedeutet, dass er in dessen Blut watet. Es ist eine Weltsicht, die auf Polarisierung setzt, auf Radikalisierung, auf Spaltung. Es ist das faszinierende an der Bush-Ära, dass hier eine spirituelle Antwort auf die Endzeitstimmung gegeben wurde, die in ihrem Fundamentalismus, in ihrer Brutalität und in ihrer Hoffnungslosigkeit der Antwort der Gegner, der Islamisten, in nichts nachstand. Zudem war sie allein auf die USA ausgerichtet. Bushs geistige Schergen strebten ein neues amerikanisches Jahrhundert an, die globale Gemütslage war ihnen egal. Aufbruch, Hoffnung, Zuversicht erzeugt man so nicht. Auch deshalb hatte Bush nie das Zeug, den Westen auch nur annähernd so etwas wie spirituelle Führung zu bieten. Im Kern war sein Pessimismus un-amerikanisch.

Obama, der Brückenbauer

Und nun also Barack Obama. Yes, we can. Diese Botschaft war von Anfang an universal, gleichzeitig zutiefst verwurzelt im Gründungsmythos Amerikas: Wir können alles schaffen! Sie stieß in ein Vakuum, denn sie wischte den Pessimismus, die Untergangs-Spiritualität der Bush-Regierung, locker beiseite, begegnete dem Gefühl der Unsicherheit mit einer anderen Geisteshaltung: Fürchtet Euch nicht. Sicher, das Leben ist gespickt mit Risiken und Gefahren. Aber denkt positiv! Legt den Hass ab! Geht aufeinander zu! Und: Schöpft aus Eurer eigenen Kraft, denn Ihr habt sie! Die Welt gehört Euch! Dem Bushschen Bild des Blutbads stellte Obama das im Kern biblische Bild der Brücke gegenüber. Seine spirituelle Botschaft ist eine des Miteinanders. Ihr Zauber besteht darin, dass sie im Kern amerikanisch ist, gleichzeitig Strahlkraft über Amerika hinaus hat. Die Botschaft kann, anders als das bei Bush der Fall war, den Führungsanspruch der USA im Westen positiv begründen.

Allein die Botschaft bewegte von Anfang an viele in Obamas gespaltener Heimat. Aber schöne Worte allein reichen nicht. Glaubwürdigkeit gewann Obama zum einen durch seine Biografie, diesen unglaublichen Aufstieg eines schwarzen Kindes aus schwierigen Verhältnissen, das es später aus dem Nichts nach Harvard und in den US-Senat geschafft hatte. Zum anderen aber war es die spielerische Leichtigkeit, mit der Obama seine Botschaft überbrachte, die diese echt und authentisch erschienen ließ. Obama schafft es, wie dereinst nur John F. Kennedy, eine Art nahbaren Seelenadel auszustrahlen, eine Art Nobilität, deren Eleganz - Inszenierung hin oder her - jeder bewundert, die aber nicht unendlich weit von der eigenen Wirklichkeit entfernt ist. Obamas Attraktivität ist sicher seinem Aussehen und seiner Jugend geschuldet, aber auch der vermeintlichen Authentizität eines Heiligen zum Anfassen: Waren die Kennedys legendär dafür, dass sie auf ihrem Ostküsten-Refugium in Hyannisport Familien-Football spielten, spielt Obama am Wahltag eben Basketball. Kennedy goes hip hop!

Das Wunder der Wahl

Die echte Prüfung für die Glaubwürdigkeit der Botschaft Obamas, der Test, ob er Wunder nicht nur ankündigen, sondern sie auch würde vollbringen können, war die Wahl, jene "unwahrscheinliche Mission", jener "improbable Quest". Ein Schwarzer im Weißen Haus? Obama vollbrachte dieses Wunder, zwar nicht mit schönen Worten, sondern mit perfekter Organisation, aber einerlei: Am 4. November, im Grant Park zu Chicago, verwandelte der Erfolg Obamas "Yes, we can" von einem bloßen Wahlkampfversprechen in ein globales Glaubensbekenntnis. Obama selbst verwandelte sich endgültig von einem rhetorisch begabten Politiker in eine spirituelle Führungsfigur des Westens, in einen globalen Botschafter der Zuversicht.

Freilich. All der Euphorie, der aktuellen Begeisterungswelle, muss man mit Skepsis begegnen. Die Figur Obama wird im Alltagsgeschäft früher oder später entzaubert werden, der Heiligenschein wird verblassen. Aber, und das ist das Schöne an Obama: Wenn dies geschieht, wenn die Gefühle abkühlen, wird dessen Politikverständnis Bestand haben. Und dieses beruht auf drei Grundsätzen: Erstens, Politik muss verbindend wirken. Zweitens, Politik muss es dem Einzelnen ermöglichen, seine Träume zu verwirklichen. Und drittens: Politik muss nachvollziehbar sein, begründbar. Obama verbindet, so wie keine andere globale Führungsfigur, eine Politik, die auf Zuversicht und Gemeinschaft begründet ist, mit den Kernprinzipien der Aufklärung. Bleibt er diesen Prinzipien auch während seiner Amtszeit treu, hat er das Potenzial, die spirituelle Sehnsucht des Westens dauerhaft zu befriedigen - und auf andere Gesellschaften auszustrahlen. Das ist das zweite Wunder, das Obama vollbringen muss, um endgültig heilig gesprochen zu werden.