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Koranschändung: "Newsweek" zieht Koran-Artikel zurück

Nachdem "Newsweek" erst einzelne "Fehler" eingeräumt hatte, musste das US-Magazin seinen Bericht über Koranschändung auf Guantanamo vollständig zurückziehen. In Afghanistan brachen daraufhin schwere Unruhen aus.

Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, Larry DiRita, erhob schwere Vorwürfe gegen das Magazin. Der Pentagon-Sprecher machte "Newsweek" für die Unruhen in Afghanistan und anderen Ländern verantwortlich. Dabei wurden alleine in Afghanistan mindestens 17 Menschen ums Leben, über 100 waren verletzt worden. "Menschen sterben, sie verbrennen amerikanische Flaggen, unsere Truppen sind in Gefahr", sagte DiRita dem US-Sender CNN.

In dem "Newsweek"-Bericht vom 9. Mai hatte es unter Berufung auf einen hochrangigen US-Regierungsbeamten geheißen, amerikanische Ermittler hätten den Koran auf Toiletten gelegt und sogar in einem Fall in einer Toilette heruntergespült, um muslimische Gefangene zum Sprechen zu bringen. Das gehe aus einem Untersuchungsbericht des für das Lager zuständigen US-Militärkommandos Süd hervor.

Heftige Kritik des Weißen Hauses

"Newsweek" hatte zunächst nur Fehler in dem Bericht eingeräumt. "Es ist mir rätselhaft, wieso Newsweek einräumt, dass die Fakten falsch sind, sich aber weigert, die Geschichte zurückzuziehen", hatte Präsidentensprecher Scott McClellan am Montag in Virginia gesagt. Nach der heftigen Kritik des Weißen Hauses veröffentliche das US-Magazin wenige Stunden später eine Stellungnahme, mit der der Bericht formell zurückgezogen wurde. Chefredakteur Mark Whitaker ließ am Montagabend über einen Sprecher mitteilen: "Nach dem, was wir jetzt wissen, ziehen wir unsere ursprüngliche Geschichte zurück, dass eine interne militärische Untersuchung eine Schändung des Korans in Guantanamo aufgedeckt habe."

McClellan nannte dies nach CNN-Angaben "einen guten ersten Schritt". "Newsweek" müsse aber genau darlegen, wie es zu einem solchen Fehler habe kommen können und müsse der islamischen Welt erklären, dass die USA den Koran in Ehren hielten. Das US-Militär hatte mehrere Untersuchungen über Vorwürfe der Gefangenenmisshandlung auf Guantànamo angeordnet. Unter anderem sollen weibliche Soldaten in Reizwäsche die Gefangenen provoziert haben. Das Pentagon hat aber bislang keinerlei Anhaltspunkte dafür gefunden, dass der Koran geschändet wurde. Die Zeitschrift hatte sich auf eine einzige Quelle bezogen, die die Angaben persönlich nicht verifizieren konnte.

Frist von drei Tagen

Eine Gruppe afghanischer Moslem-Geistlicher hatte den USA im Zusammenhang mit der Koran-Affäre mit einem Heiligen Krieg gedroht. Die Geistlichen in der Nordwestprovinz Badachschan setzten den USA am Sonntag eine Frist von drei Tagen, die Verantwortlichen für Koran-Entweihungen auf dem US-Stützpunkt Guantanamo in Kuba an ein moslemisches Land auszuliefern. "Falls dies nicht geschieht, werden wir einen Heiligen Krieg gegen Amerika ausrufen", drohten die rund 300 Geistlichen in der Provinzhauptstadt Faisabad. Präsident Hamid Karsai hatte die US-Regierung zuvor angesichts landesweiter anti-amerikanischer Proteste gedrängt, Berichte über Koran-Entweihungen zu prüfen und gegebenenfalls Strafmaßnahmen zu ergreifen.

Die Erklärung der Geistlichen wurde in Faisabad von dem höchsten Justizbeamten der Provinz Badachschan verlesen, die an China und Tadschikistan grenzt. Auch in der afghanischen Provinz Kundus verlangte eine Gruppe von Geistlichen die Bestrafung der mutmaßlichen Koran-Schänder, ohne indes mit einem Heiligen Krieg zu drohen. Moslemische Geistliche fungieren in der afghanischen Gesellschaft traditionell als Lehrer und Führungskräfte. In der Vergangenheit kam es auf ihre Initiative hin gar zu Aufständen gegen unpopuläre Herrscher und ausländische Besatzungsmächte.

Das Wort Allahs

Es sind die heftigsten anti-amerikanischen Proteste in Afghanistan, seit das radikal-islamische Taliban-Regime im Jahr 2001 von seinen Bürgerkriegsgegnern gestürzt wurde, die massiv von der US-Armee unterstützt wurden. In mehreren Teilen Afghanistans kam es am Samstag erneut zu Demonstrationen, die Behörden zufolge jedoch zumeist friedlich verliefen. Am Sonntag blieb es weitgehend ruhig.

Die Proteste waren durch den Magazinbericht ausgelöst worden, wonach Ermittler im US-Internierungslager von Guantanamo Bay auf Kuba den Koran auf Toiletten ausgelegt und in mindestens einem Fall auch hinuntergespült haben sollen. "Wenn bewiesen wird, dass dies passiert ist, dann werden wir die amerikanische Regierung dringlich bitten, denjenigen, der der Übeltäter ist, vor Gericht zu bringen und zu bestrafen", sagte Karsai am Samstag vor Journalisten. "Respektlose Taten gegen den Heiligen Koran verabscheuen wir alle", hatte Außenministerin Condoleezza Rice gesagt. Gläubige Moslems betrachten den Koran als das unmittelbare und ewige Wort Allahs und behandeln jedes Exemplar mit großer Ehrfurcht.

DPA/Reuters / DPA / Reuters