Krieg im Kaukasus Die Russen kommen


Der Kaukasus-Krieg eskaliert. Tief stoßen Russlands Truppen in Georgiens Landesinnere vor. Der Kreml greift nach der Macht in Südossetien und Abchasien - und will Präsident Saakaschwili stürzen.
Von Charles Clover, Andrzej Rybak und Nils Kreimeier

Die Angst treibt die Menschen in Sugdidi auf die Straßen. Mit ihrer wertvollsten Habe unter dem Arm fliehen sie aus ihren Häusern, verlassen die Stadt im Westen Georgiens. Schwerbepackte Autos rollen gegen Osten, möglichst weit weg von der Grenze zu Abchasien. "Der Krieg steht an", sagt der Rentner Kacha Kolidse. "Wir gehen zu Verwandten aufs Land."

Die Russen kommen. In der Nacht zum Montag haben ihre Flugzeuge die Vororte der Stadt mit Bomben beworfen. Dort stehen heimische Panzer und Raketenwerfer. Einige der Bomben schlugen in der Stadt ein. Am Montagmorgen dann hat Sergej Tschaban, der Kommandeur der russischen Blauhelmtruppen, der georgischen Armee ein Ultimatum gestellt: Raus aus der Sicherheitszone entlang der Grenze zu Abchasien, sonst schießt Russland weiter. Zuerst harren die Georgier noch aus. Doch am Nachmittag nehmen die Russen erst die Vororte ein, dann die Stadt. Und auch dort bleiben sie nicht stehen, sie treiben vor, weit nach Georgien hinein. Es ist Krieg im Kaukasus.

"Wacht endlich auf"

"Die Besetzung Georgiens hat begonnen. Dutzende Bomber haben Ziele im ganzen Land angegriffen", schreibt Georgiens Außenministerium in roten Buchstaben auf seiner Homepage. "Wacht endlich auf", fleht Präsident Michail Saakaschwili in Richtung der westlichen Staaten. "Helft uns." Die Russen sind da schon bis nach Senaki vorgedrungen, 40 Kilometer hinter der Grenze, also deutlich hinter der Pufferzone. Panzer fahren durch die Stadt.

Die Offensive schreckt Politiker in aller Welt auf. Die Außenminister der wichtigsten Industrienationen, der G7, rufen Russland auf, Georgiens Hoheitsgebiet zu achten. Russland solle sich der internationalen Vermittlung nicht verschließen - und einem Waffenstillstand zustimmen. Georgien hat den schon unterzeichnet.

Russland will die Unabhängigkeit

Russlands Präsident Dimitri Medwedew denkt nicht daran. Er spricht von einer drohenden "humanitären Katastrophe" nach der "georgischen Aggression" in Südossetien. Der Verbleib der Provinz in Georgien komme nach dem "Genozid" kaum noch in Frage, sagt Ministerpräsident Wladimir Putin. Mit Genozid bezeichnet Moskau den Angriff der Georgier auf Südossetiens Hauptstadt Zchinwali in der Nacht zu Freitag. 2000 Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein, nach Angaben der Russen.

Ihr Ziel ist klar: Sie wollen die beiden Provinzen unter ihre Kontrolle bringen. "Russland will die Abtrennung von Georgien forcieren", schreibt die Moskauer Tageszeitung Nesawissimaja Gazeta. Der übermächtige Nachbar werde die Unabhängigkeit der beiden Abtrünnigen anerkennen und ihnen militärische, politische und diplomatische Garantien geben.

Südossetien und Abchasien sind bereit. "Sie sind an einer ernsthaften politischen Lösung mit Georgien nicht wirklich interessiert", sagt Thomas de Waal, Kaukasusexperte des Londoner Institute for War and Peace Reporting. Und so bereitet Russland die Anerkennung bereits formal vor: Die Abgeordneten der Duma brechen ihre Ferien ab und kehren nach Moskau zurück. Die Frage wird wohl gleich Anfang September erörtert.

Die LDPR-Fraktion von Wladimir Schirinowski gibt den Ton vor: "Wir müssen die Unabhängigkeit der beiden Republiken anerkennen und unsere Soldaten dort stationieren", sagt der Nationalist. In seltener Eintracht stimmen ihm Politiker aller Couleur zu, ob der Kommunisten-Chef Gennadij Sjuganow oder der Kreml-nahe Sergej Mironow von der Partei Gerechtes Russland. "Saakaschwili hat den Krieg gegen sein Volk begonnen", sagt Mironow. "Damit hat er den Verbleib Südossetiens im georgischen Staat selbst ausgeschlossen."

Doch vorerst herrscht noch Krieg. Eine Meldung jagt die nächste: Mal sollen in Abchasien 9000 Fallschirmjäger gelandet sein. Mal Kriegsschiffe ein georgisches Schnellboot versenkt haben. Die russische Flotte kreuzt vor der Küste der Hafenstadt Otschamtschira, bei Georgien. "Wir zerstören jedes Objekt, das sich der Küste Abchasiens annähert", warnt Anatoli Nogowizin, Russlands Vize-Stabschef.

Die Abchasen haben durch das Eingreifen der Russen Mut gefasst, weiten selbst ihre Angriffe aus. Schon am Samstag hat ihr Präsident Sergej Bagapsch die Mobilmachung verfügt und eine Großoffensive im Kodori-Tal gestartet. Das Berggebiet im Nordosten Abchasiens wurde 2006 von georgischen Polizeitruppen erobert. Am Montag teilte der Präsident mit, dass die georgischen Truppen umzingelt seien.

Putin hat eine Rechnung offen

Russlands Vormarsch sei nur eine "präventive Mission", heißt es im Kreml. Die Georgier sehen das anders: "Moskau will uns unter Kontrolle bekommen", sagt Rusudan Kervalishwili, der Vizevorsitzende des Parlaments. Russland wolle einen Regimewechsel durchsetzen.

Den Russen geht es bei ihrer Attacke vor allem um den Präsidenten. "Putin hat einen persönlichen Hass auf Saakaschwili. Er will ihn los werden", sagt David Aphradsidze, Politikprofessor an der Universität Tiflis. Mehrmals hat der Georgier Putin bis aufs Blut gereizt.

Als er vor zwei Jahren vier russische Soldaten unter Spionageverdacht festnehmen ließ, rief Russland zeitweise eine Blockade des Nachbarstaats aus. Am meisten aber haben Saakaschwilis Werben um die Gunst der USA und sein Drängen in die Nato den großen Nachbar verärgert. Putin hat immer wieder gewarnt, er werde alles tun, um den Nato-Beitritt der Georgier zu verhindern. Nun nutzt er seine Chance.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow tut derzeit alles, um Saakaschwilis Abgang vorzubereiten. Der Georgier habe befohlen, "Kriegsverbrechen zu begehen", sagt Lawrow. Und als Verhandlungspartner komme er nicht mehr in Frage. "Ohne den Abgang von Saakaschwili ist es unmöglich, den Konflikt in Südossetien zu lösen."

Daran ändern auch dessen neue Friedensbemühungen nichts. Saakaschwili unterzeichnete am Montag in Anwesenheit des französischen Außenministers Bernard Kouchner einen Waffenstillstand und erklärte sich bereit, seine Truppen aus Südossetien zurückzuziehen. Zu spät. Die Russen lassen sich nicht mehr stoppen.

Gespaltene Opposition

"Saakaschwili ist ein Idiot", schimpft der Oppositionspolitiker Georgi Chaindrawa. Es sei doch klar gewesen, dass Russland auf einen Einmarsch in Südossetien reagieren werde. Die meisten Oppositionsführer aber stellen sich im Krieg erst einmal hinter Saakaschwili, ebenso die regierungskritischen Nichtregierungsorganisationen. "Es besteht kein Zweifel, dass die Aggression von Russland ausgeht", sagt Giorgi Tschkeidze, Leiter des Verbandes junger Rechtsanwälte, der in der Vergangenheit stets auf Mängel der georgischen Demokratie hingewiesen hatte. "Die russische Armee ist illegal in Georgien."

Moskau sei daran interessiert, die Infrastruktur Georgiens zu zerstören. Saakaschwili hat nicht mit einer derart heftigen Reaktion Russlands gerechnet, und offenbar glaubte er, der Westen werde ihn bedingungslos unterstützen. Doch der verweigert Georgien den militärischen Beistand. Israel stellte vor wenigen Wochen sogar seine Waffenlieferungen an Georgien ein, um Moskau nicht zu ärgern.

Welche Rolle spielen die USA?

Der enge Verbündete USA greift nicht in die Kämpfe ein, zur Enttäuschung von Präsident Saakaschwili. Washington hat in den vergangenen vier Jahren Waffen im Wert von einer Milliarde US-Dollar an Georgien geliefert. 200 US-Militärberater sind für die Ausbildung der Soldaten und Offiziere zuständig. Und die USA waren sicher auch in die Aktion eingebunden. "Es ist schwer vorstellbar, dass Saakaschwili seinen Angriff auf Südossetien nicht mit Washington abgesprochen hat", sagt ein westlicher Diplomat in Moskau. Diese Vermutung wird durch eine aufwendige Blitzaktion untermauert: Am Sonntag transportierten die USA rund 800 georgische Soldaten samt Waffen aus dem Irak nach Georgien.

Dies hat das Verhältnis zwischen den Supermächten noch mehr vergiftet. Inzwischen gibt der russische Geheimdienst der USA eine Mitverantwortung am Töten. "Nach unseren Informationen kämpfen auf georgischer Seite bis zu 3000 Söldner, die von US-Militärexperten gelenkt werden", sagt ein ranghoher Geheimdienstler in Moskau. Die Söldner kämen aus der Ukraine und dem Baltikum. Die USA schweigen zu den Vorwürfen.

So lassen die Russen die Waffen sprechen. Die Menschen fliehen. Längst sind die Straßen in den Städten leer, selbst in Gori, Stalins Geburtsstadt im Landesinneren, die noch nicht erobert ist. "Sie wollen uns in die Knie zwingen", sagt der Unteroffizier Zurab Gulashwili, der an einer Straße in Richtung Gori patrouilliert "Wir wollen zum Westen gehören. Aber sie lassen uns nicht."

FTD

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