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Kriegsverbrechertribunal: Kernfrage im Mladic-Verfahren bleibt unbeantwortet

Alle Vorwürfe perlen an Serben-General Mladic ab. Er glaubt im Völkermord-Prozess weiter an seine Unschuld, auch wenn Beweise erdrückend sind. Doch die Kernfrage bleibt noch unbeantwortet.

Im UN-Kriegsverbrechertribunal sind die Fronten am Mittwoch und Donnerstag klar. Zum Prozessauftakt gegen den serbischen General Ratko Mladic schockiert der Ankläger mit der Schilderung grausamer Details von Völkermord und schwerster Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Kriegs in Bosnien- Herzegowina (1992-1995). Die nach Den Haag gereisten Angehörigen der Opfer erwarten von diesem Großverfahren, dass sie endlich ihre Schicksale bewältigen können und Genugtuung finden.

Der 70-jährige Angeklagte zeigt sich aber unbeugsam, unbelehrbar, manchmal sogar arrogant. Mit Gesten verhöhnt er seine Opfer, verächtlich lacht er über die ihm vorgehaltenen unfassbaren Verbrechen. Er hatte schon bei Anhörungen vor Prozessbeginn die Anklage "monströs und ekelhaft" genannt. Und auch jetzt zum Beginn seines Prozesses ist sich der einst mächtige Militärchef der bosnischen Serben nach wie vor seiner "gerechten nationalen Sache" sicher und keiner Schuld bewusst.

Die vom Staatsanwalt bereits zu Prozessauftakt präsentierten Beweise wirken erdrückend. Videos mit Mladic samt seinen Offizieren, Aufzeichnungen aus seinem pedantisch geführten Tagebuch, interne Militärdokumente und vorgelesene Zeugenaussagen lassen keinen Zweifel aufkommen, dass dem bulligen Militärkommandeur seine Verbrechen nachgewiesen werden können. Die angeführten Beweisstücke zeigen einen Mann, der sich für beinahe allmächtig hielt.

Serbischer Ex-General Mladic zeigt keine Reue

Den damaligen UN-Generalsekretär Boutros Boutros Ghali kanzelt Mladic ebenso barsch ab wie den britischen UN-Blauhelm-General Ruppert Smith: "Der hat mit keine Fragen zu stellen!". Er ist überzeugt, die Nato von Luftangriffen auf seine Stellungen abgehalten zu haben, indem er UN-Personal als Geiseln nahm und in seinem Hauptquartier und in Munitionslagern ankettete. Zuletzt hatte er sich sogar mit seinem eigentlichen politischen Vorgesetzten überworfen, dem ebenfalls vor dem UN-Tribunal angeklagten Präsidenten Radovan Karadzic.

Doch die eigentliche Kernfrage wird zu Prozessbeginn noch nicht gestellt, sie erscheint nicht in der langen Anklageschrift. Wie war es möglich, dass die schwersten Verbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg 70 Flugminuten von Wien entfernt geschehen? Warum traten die vielen westlichen Diplomaten, die ausländischen Politiker und die UN-Blauhelme so lange so defensiv, verharmlosend und nahezu verständnisvoll gegenüber den serbischen Eroberern auf?

"Unglücklicherweise", sagt der Ankläger, seien die UN-Soldaten viel zu wenige gewesen, um sich gegen die Serben zur Wehr zu setzen. Er zeigt einige Videos und legt Gesprächsnotizen vor, in denen ein arroganter, unbeherrschter und laut schreiender Mladic nach Belieben mit den Blauhelmoffizieren umspringt.

Die Beweise sind erdrückend

Mladic hat wiederholt erkennen lassen, dass er den Westen für schwach und verweichlicht hält. Er hatte von Anfang an kalkuliert, dass die oft unter Beweis gestellte Uneinigkeit des Westens mit den vielen nationalen Sonderinteressen seiner serbischen Militärmaschine nichts entgegensetzen könne. Und tatsächlich wurde das Ende des Krieges erst erzwungen, nachdem sich die Nato und vor allem die USA zu massiven Militärschlägen gegen die Stellungen der Serben aufraffen konnten.

Wenn man aus der Distanz von mehr als 16 Jahren die Ergebnisse dieses grausamen Krieges betrachtet, fällt das Urteil mehr als bitter aus. Bosnien-Herzegowina ist wegen der tiefen Spaltung zwischen den weitgehend selbstständigen serbischen und der muslimisch-kroatischen Landeshälften nicht lebensfähig. Das Land steckt in einer Sackgasse, obwohl es mit vielen Milliarden und mit einem Heer westlicher Diplomaten und Experten unterstützt wurde. Der Westen hatte im Krieg zu spät eingegriffen und dann mit dem Friedensvertrag einen Staat geschaffen, der auch in Zukunft keine Chancen haben dürfte.

Thomas Brey, DPA / DPA