Libanon "Es kann keinen Sieger geben"


1985 eröffnete sie ihre erste Galerie in Deutschland, 2004 die zweite in Beirut. Jetzt quält sich die Deutsch-Libanesin Andrée Sfeir-Semler mit dem Gedanken, dass der Krieg alles vernichtet, was in den Friedensjahren mühevoll aufgebaut wurde. stern.de hat Sfeir-Semler besucht.

"Eigentlich wollte ich in Beirut am Strand liegen", sagt Andrée Sfeir-Semler wütend, "und abends reichen Libanesen Kunst verkaufen." Doch dann fielen die Bomben. Eine traf die Raffinerie in Beirut, das Öl verseuchte den gesamten Küstenstreifen. Sfeir-Semler verriegelte ihre 1000 Quadratmeter große Galerie und floh mit dem Taxi über die Berge nach Damaskus. "Ich bin privilegiert. Ich habe einen deutschen Mann, einen deutschen Pass und das Geld für einen Flug. Ich konnte raus." Hunderttausende, die auf der Flucht sind, wissen nicht, wo sie sich verkriechen sollen. Einige Angehörige von Sfeir-Semlers Familie sind in Beirut geblieben. Die Mitarbeiterin, die ihre Galerie in Beirut betreut, hat sich in die Berge zurückgezogen.

Angst als ständiger Begleiter

Andrée Sfeir-Semler wirkt extrem angespannt. Ihre Augen sind weit aufgerissen, sie spricht laut, ihre Stimme droht sich zu überschlagen. Sie ist in Sicherheit, in ihrer zweiten Galerie in der Hamburger Admiralitätsstraße. Die hohen, weiß gestrichenen Räume sind von schlichter Schönheit, die mondäne City erstreckt sich direkt vor Tür. Es ist ruhig und warm, Hamburg erlebt einen Jahrhundertsommer. Aber im Kopf der 53 Jahre alten Deutsch-Libanesin tobt der Krieg. "Seit Vietnam wissen wir, dass man eine Guerilla nicht mit Bomben in die Knie zwingen kann", sagt sie und beugt sich nach vorne. "Was ist denn nun, wenn sie Hassan Nasrallah, den Chef der Hisbollah, töten? Hunderte Nasrallahs werden nachwachsen!"

Keine Aussicht auf Frieden, keine Aussicht, die Schwestergalerie in Beirut weiter zu betreiben. Die zeitgenössische Kunst, mit der sie sich seit mehr als zwanzig Jahren beschäftigt, ist zur Nebensache geworden. Ihr Alltag, sagt Sfeir-Semler, sei eine einzige Auseinandersetzung mit dem Krieg. Mailen, telefonieren, Interviews geben. Einen Aufsatz über die aktuelle Situation in Beirut abfassen. Dann wieder mailen, telefonieren. Die ständige Angst, ihrer Familie oder ihren Freunden könnte etwas zustoßen, zwingt sie laufend Informationen zu beschaffen, nachzufragen, Hilfe zu organisieren. Zugleich weiß sie, wie wenig sie im Kriegsgetriebe ausrichten kann. "Sehen Sie, 1982 ist Sharon in den Libanon einmarschiert. Eine ganze Generation von Kindern wurde von den Bomben traumatisiert. Diese Kinder sind inzwischen erwachsen, haben selbst Familien gegründet. Und nun passiert dasselbe noch mal".

Das Überleben sichern

Noch vor dem Krieg konzipierte und präsentierte Sfeir-Semler in Beirut die Ausstellung "Moving homes". Eigentlich sollte das Thema die Teilnehmer dazu inspirieren über die Frage nachzudenken, wie Touristen die Welt kolonialisieren. Aber bei vielen Künstlern rührte der Titel eher an eigene, autobiographische Erfahrungen. Rayyane Tabet zum Beispiel, der mittlerweile in New York lebt, zeigte Koffer aus Stein. Sie reflektieren seine Kindheit in Beirut, als die Familie jederzeit darauf vorbereitet sein musste ihr Haus zu verlassen und zu fliehen. Damals standen fertig gepackte Koffer neben Tabets Bett.

Walid Raad, Mitglied der Künstlergruppe "Atlas", präsentierte alte, zerkratzte Fotos vom Krieg 1982 - und der Unterschied zu aktuellen Bildern scheint allein darin zu bestehen, dass die Aufnahmen damals in Schwarzweiß gemacht wurden. Diese Werke sind nun von der Realität eingeholt worden, und statt sich der Aufarbeitung des Vergangenen zu widmen, müssen die libanesischen Künstler ihr Überleben sichern. "Niemand hat mehr den Kopf auf Ausstellungen zu gehen. Keiner ist mehr in der Lage Kunst zu machen", sagt Sfeir-Semler.

Der Krieg als Geiselhaft der Libanesen

Die Galeristin, die mit einem Journalisten verheiratet ist und seit mehr als zwanzig Jahren in Deutschland lebt, weiß zu viel um radikale politische Positionen zu beziehen. Sie repräsentiert eine moderne Generation von Libanesen, die voller Lebenslust und Ehrgeiz steckt und eigentlich nur eines will: In Frieden leben und arbeiten. "Die Libanesen sind praktisch die Geisel von beiden Seiten - der Hisbollah und Israels", sagt Sfeir-Semler. Was sie schier verzweifeln lässt, ist der Gedanke, dass diese Geiselhaft so schnell nicht enden wird. "Wenn es keinen Sieger gibt, wird dieser Krieg nicht aufhören. Und es kann keinen Sieger geben. Israel und die Hisbollah handeln nach dem Motto 'Auge um Auge'. Und Nelson Mandela soll mal gesagt haben: 'Auge um Auge' macht blind."

Lutz Kinkel

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