HOME

Libanon: Ein Attentat wird zum Krimi

Je weiter die Ermittlungen nach dem Mord an Rafiq Hariri, Libanons Ex-Premier, voranschreiten, desto mehr Rätsel tauchen auf. Aus den Ermittlungen ist ein komplexer Krimi geworden, der eines belegt: Die Attentäter waren absolute Profis.

Von Christoph Reuter

An vieles hatten die Attentäter von Rafiq Hariri, dem ehemaligen libanesischen Premier, Baumagnaten und wichtigsten libanesischen Politiker gedacht: Die Wucht des Anschlags am 14. Februar war groß genug, ihn zu töten, obwohl er in einem gepanzerten Mercedes fuhr und zum Zeitpunkt der Detonation bereits 30 Meter von ihrem Ort entfernt war. Dort blieb ein acht Meter breiter, ca. 2,5 Meter tiefer Krater, mindestens 18 weitere Menschen kamen ums Leben. Unmittelbar anschließend rief ein Mann beim Satellitensender al-Dschasira in Beirut an und sagte ihnen, wo ein Videoband mit dem Bekenntnis der Täter vor ihrer Tür versteckt sei, das al-Dschasira auch prompt ausstrahlte: Abu Addas, ein 23-jähriger Libanese palästinensischer Herkunft, bekannte sich darin im Namen der bislang völlig unbekannten Gruppe "Beistand und Dschihad" zum Anschlag. Doch womit die Täter nicht gerechnet hatten: dass dieser Anschlag, anders als die Attentate auf libanesische Politiker seit den siebziger Jahren, von der Bevölkerung nicht hingenommen, sondern akribischer als je ein Attentat zuvor untersucht würde.

Die Kernfrage war von Anfang hatte: War es möglich, dass eine Gruppe sunnitischer Islamisten einen solchen Anschlag verüben konnte? Oder steckte vielmehr das Regime in Damaskus dahinter, von wo Hariri in den Monaten zuvor massive Drohungen erhalten hatte, da die syrische Führung ihn als Haupthindernis ansah, ihre seit 1976 währende Truppen- und Geheimdienstpräsenz im Libanon fortsetzen zu können? Explizit hatte der US-Vize-Außenminister Richard Armitage die syrische Führung gewarnt, die beiden wichtigsten libanesischen Oppositionellen nicht anzugreifen: Hariri und den Drusenführer Walid Junblatt.

Niemand in Beirut glaubte

an das angebliche Bekennervideo, abgesehen davon, dass es auf einer von al-Qaeda-Sympathisanten genutzten Website bereits am Tag nach der Ausstrahlung als Fälschung bezeichnet wurde. Abgesehen davon auch, dass der vom Syrien ergebenen libanesischen Präsidenten Emile Lahoud kontrollierte Geheimdienst sofort nach der Ausstrahlung bereits den Namen und die Adresse von Abu Addas kannte und anfänglich verbreitete, Abu Addas habe am Morgen des Anschlags die elterliche Wohnung verlassen. Tatsächlich war er bereits seit über einem Monat verschwunden.

Die entscheidende Frage blieb: Wer konnte einen derart verheerenden Anschlag organisieren? Je weiter die Ermittlungen voranschritten, desto mehr Rätsel tauchten auf. Eine erste heiße Spur gab es, als die britische HSBC-Bank das Band ihrer Überwachungskamera der libanesischen Polizei übergab: Darauf ist zu sehen, wie ein Mitsubishi-Lieferwagen auffällig langsam durch die Strecke des aufgenommenen Straßenabschnitts fährt und dafür 70 Sekunden braucht, während andere Fahrzeuge in wenigen Sekunden passieren. Weniger als eine Minute, nachdem der Lieferwagen auf dem Aufnahmewinkel verschwunden ist, taucht Hariris Konvoi auf, kaum eine Sekunde, nachdem er verschwunden ist, detoniert die Bombe.

Vom Lieferwagen ist - fast - nichts geblieben. Erst fanden die Polizisten eine Achse im Krater. Dann, andernorts, einen Teil eines Querlenkers. Dann, am 15. März, fanden Taucher im Meer einen Scheibenwischer und ein massives Metallstück vom Motor. Sowohl die Entfernung vom Ort der Explosion, als auch die Tatsache, dass deren Wucht den Motor zerrissen hat, sprechen dafür, dass eine Bombe direkt neben dem Wagen hochging - oder in ihm transportiert wurde. Bei Selbstmordanschlägen im Irak werden oft die benutzten Fahrzeuge völlig zerfetzt, aber der Motorblock bleibt erhalten. Niemand auch hat bislang den Verlust des Mitsubishi oder von dessen Fahrer bei der Polizei angezeigt.

Insofern geht die libanesische Polizei von einem Selbstmordanschlag aus. Zwar besitzt sie ein DNA-Prüflabor, das von der deutschen Regierung finanziert wurde, aber nicht die Spezialisten, es auch zu benutzen. Außerdem hat es in den vergangenen Jahren noch keinen Fall mit derart vielen derart zugerichteten Leichen gegeben. Tage nach dem Anschlag kontaktierte die Polizei deshalb die Labors der Universität St. Joseph und der American University of Science and Technology, AUST, in Beirut. Beide erhielten bis zum 17. März in mehr als einem Dutzend Einzellieferungen zusammen etwa 150 Körper und Leichenteile, vom Torso bis zum Zahn.

Mittlerweile blieben nach allen Tests

und Vergleichen zwei DNA-Sätze übrig, die keiner Person zugeordnet werden konnten. Einer davon dürfte ein immer noch vermisster syrischer Arbeiter sein. Die zweite bleibt unbekannt. Dazu kommt, dass von der einen Person mehr als 20 Teile über ein Hektar-großes Areal verstreut gefunden wurden: das Gros des Hirns, ein Knie, ein Stück Knochen, der Fußknöchel nebst Gewebe 120 Meter entfernt am Meeresufer. Von dieser Person, in den DNA-Testprotokollen der AUST rot markiert, wurden die meisten Einzelteile gefunden - was dafür spricht, dass es entweder ein Zufallsopfer in größter Explosionsnähe war oder der Selbstmordattentäter. Die Person war männlich - mehr ist nicht bekannt.

Jamil as-Sayyed, Chef des libanesischen "Allgemeinen Sicherheitsdienstes", rief zwei Tage nach dem Anschlag die Chefs von Polizei und Geheimdiensten in sein Büro, um ihnen die Stoßrichtung ihrer Ermittlungen mitzuteilen: "Findet Abu Addas!" Jenen Libanesen palästinensischer Herkunft, der sich im Video zum Mord an Hariri bekannte. Und der nach Aussagen seiner radikalen Glaubensbrüder aus dem palästinensischen Flüchtlingslager Ain al-Hilwa zwar zum Dschihad in Richtung Irak aufgebrochen, aber nie dort angekommen war. Sondern in Syrien im Gefängnis gelandet sei, wo sich seine Spur verliert. "Die Täter wollten es so aussehen lassen, als stecke ein Libanese hinter der Tat", so einer der libanesischen Ermittler: "Dafür haben sie Abu Addas benutzt. Aber der konnte nach Auskunft seiner Eltern beim Verhör nicht einmal Auto fahren. Also hat den Mitsubishi letztlich jemand anderes gefahren" - mutmaßlich der "rote", bislang nicht identifizierte Mann.

Nach jeder DNA-Probenuntersuchung riefen die verantwortlichen Polizeioffiziere in den Labors an: "Ist Abu Addas dabei?!", doch vom angeblichen Selbstmordattentäter ist nicht die kleinste Spur aufgetaucht. Um Vergleichsmuster der DNA von Abu Addas zu bekommen, benutzten die Ermittler Zungenabstriche seiner Eltern sowie seine Zahnbürste. Aber bei allen Tests der eingesammelten Körperteile fand sich nicht ein einziges, das von Abu Addas stammt. Abu Addas ist verschwunden - aber er war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht am Tatort. Wäre er der Selbstmordbomber gewesen, hätte die Wucht seinen Körper soweit zerstreut wie jenen des Mannes mit der roten Markierung.

Doch dann standen die Ermittler

noch vor einem ganz anderen Problem: Weder die enorme Größe des Kraters noch der Verlauf der Druckwelle ließen sich mit einem Selbstmordattentat erklären. Jene 300 Kilogramm TNT, von denen die Polizei am Tag des Anschlags ausging, hätten, gezündet in einem Auto auf einem Asphaltuntergrund, dort ein Loch von der Größe eines Kinderplanschbeckens hinterlassen, zwei Meter breit, einen halben Meter tief. Denn so sehen die Krater irakischer Selbstmordattentate aus, die zumeist mit konventionellen Sprengstoffen und Mengen von 200-500 Kilogramm begangen werden. Auch wenn dabei die Umgebung über Dutzende von Metern verwüstet wird - die Wucht nach unten schafft keine großen Löcher. Es sei denn, man steigert die Menge und Explosivwirkung des verwendeten Sprengstoffs. Doch dann wiederum wären auch das St. George und andere Gebäude in der Nähe eingestürzt, wäre kein Auto nur wenige Meter vom Krater entfernt, dort stehengeblieben - wie es auf unmittelbar anschließend aufgenommenen Fotos zu sehen ist.

Weitere Indizien sprechen für einen unterirdisch platzierten Sprengsatz: Der Krater fast perfekt symmetrisch rund. Asphaltbrocken des Straßenbelages sind über hunderte Meter weit geschleudert worden, der Asphaltbelag zeigt Risse wie nach einem Erdbeben. Ein ca. ein Meter breiter Felsbrocken wurde bis in den zweiten Stock des St. Georges-Yachtclubs auf der Seeseite der Uferstraße gegenüber dem Krater geschleudert worden. Die Schäden an der Fassade des St. George sind interessanterweise im ersten Stock erheblich geringer als im zweiten, dritten und vierten, wo die Fassade komplett zerstört wurde. Im Kellergeschoss des Yachtlcubs wurde der Boden um beinahe einen Meter verschoben worden, während die Mauer darüber zwar gerissen, aber nicht eingestürzt ist. Im Krater selbst ist am einen Rand in ca. einem halben Meter Tiefe ein abgerissenes Abwasserrohrs aus Eternit zu sehen - am anderen Rand liegt der Zementblock, in den das Rohr eingelassen war, und das Rohrstück ragt ca. einen Meter schräg nach außen in die Höhe. "Wie eine Fahne, die den Verlauf der Druckwelle anzeigt", so einer der libanesischen Sprengstoffexperten: "Der Druck kam von unten!"

Und selbst die Form der unmittelbar nach der Explosion aufsteigenden Staub- und Rauchsäule lässt Rückschlüsse auf den Typ des Sprengsatzes zu: Denn diese Säule stieg nach Zeugenaussagen geradewegs lotrecht in die Höhe und fächerte erst in 20, 30 Metern Höhe auf - was ebenfalls dafür spricht, dass die Druckwelle eine sehr konzentrierte Ausrichtung besaß: von unten nach oben. Nicht jene Wirkung, die eine oberirdisch in einem Auto gezündete Bombe hätte.

Die Ermittler, die libanesischen ebenso wie das seit Ende Februar zur Prüfung eingeflogene UN-Untersuchungsteam, standen vor einem Rätsel: Für beide Explosionsformen fanden sich immer weitere Indizien, die sich insgesamt aber nicht darauf zurückführen ließen, dass es entweder nur eine Autobombe oder nur ein unterirdisch angebrachte Sprengladung gab. Bis ein zuvor unbeachtet gebliebenes Detail neue Brisanz erhielt: Viele Zeugen, darunter auch Rafi Choury, der Besitzer des St. Georges-Yachtclubs, der sich zum Zeitpunkt der Explosion dort aufgehalten hatte, hatten zu Protokoll gegeben, zwei Explosionen hintereinander gehört zu haben. Andere Zeugen hatten zwei Flammenblitze hintereinander gesehen. Auch auf dem Band der HSBC seien zwei Explosionen zu hören, was anfänglich auf ein mögliches Echo zurückgeführt wurde. Nur: Seeseitig existiert auf der Straße lediglich ein hohes Gebäude, der St. George-Yachtclub. Ansonsten stehen dort meist einstöckige Restaurants und Läden.

Tatsächlich habe es,

so einer der libanesischen Polizeioffiziere, der eng mit den UN-Experten unter Führung des ehemaligen irischen Polizeichefs Peter Fitzgerald zusammenarbeitete, zwei Explosionen gegeben habe: eine unterirdische, um Hariris Tod sicherzustellen, und eine oberirdische, um Spuren der ursprünglichen Detonation zu verwischen - etwa den oder die Zünder, denn Hariris Konvoi besaß einen Störsender, um Fernzündungen etwa per Handy zu verhindern, und dieser Sender hat bis zum Schluss einwandfrei funktioniert.

Aus den Ermittlungen ist ein komplexer Krimi geworden, der eines belegt: Die Attentäter waren absolute Profis, kein Selbstmordattentat irgendwo in der Welt ist mit solcher technischen Präzision begangen worden. Das am 16. März zurückgekehrte UN-Team soll nun nächste Woche seine Ergebnisse dem UN-Sicherheitsrat vorlegen. Darin werden sich, so die libanesischen Gesprächspartner der Ermittler, weitere Indizien finden, die in Richtung einer syrischen Täterschaft weisen. Der Bericht wird auf die Art des benutzten Sprengstoffs eingehen und auf die massive Kritik an der mangelnden Kooperationsbereitschaft der insgesamt sechs libanesischen Sicherheitsbehörden. Auch wird es nachhaltige Empfehlung geben, eine internationale Untersuchungskommission zur Aufklärung des Anschlags einzusetzen.