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Liberia: Leben im Ausnahmezustand

Gut einen Monat nach dem Regierungswechsel ist das Leben der Menschen in Liberia noch immer weit von jeder Vorkriegsnormalität entfernt. Die Preise sind drastisch angestiegen, die Schulen sind geschlossen und in der Hauptstadt herrscht Transportnot.

Das Schreien der Kinder hat seine Familie gerettet, davon ist Thomas Sellu überzeugt. Der Beamte aus Monrovia hatte den Rebellen-Milizen nicht geöffnet, obwohl sie drohten, alle zu erschießen. "Sie hätten meine Töchter vergewaltigt", sagt er. Die Hilfeschreie haben die Milizen schließlich vertrieben. Am nächsten Tag verließ die Familie das Haus. Bald darauf gab es einen Regierungswechsel und ein Friedensabkommen. Doch gut einen Monat später ist das Leben der Menschen in der liberianischen Hauptstadt noch immer weit von jeder Vorkriegsnormalität entfernt.

"Wir haben alles verloren"

Als die Familie Sellu in ihr Haus zurückkam, fand sie nur Chaos vor. "Sie haben alles gestohlen, die Betten, den Fernseher, Töpfe, Geschirr", berichtet Sellu. "Wir haben alles verloren." Obwohl er eine gute Stellung im Handelsministerium hatte, hat er kaum noch Rücklagen. Seit 15 Monaten haben die Beamten keine Gehälter mehr bekommen. Auch die Gebäude der Ministerien blieben nicht von Plünderern verschont. In den wenigsten wird derzeit gearbeitet.

In den vergangenen Wochen sind in Monrovia zahlreiche spontane Märkte entstanden. Wer noch Geld hat, kann dort Lebensmittel und Konsumgüter kaufen, die zumeist aus Plünderungen stammen. Die Preise sind drastisch angestiegen. "Vor dem Krieg konnte ich für 100 Liberianische Dollar für drei Leute kochen, heute muss ich mindestens 150 ausgeben", sagt Bendu Siaffa, eine Hausfrau. Die Schulen sind noch geschlossen, weil sie als Unterkünfte für die vielen Flüchtlinge dienen.

Transportnot in Monrovia

Da während des Krieges auch zahlreiche Fahrzeuge gestohlen wurden, herrscht in Monrovia Transportnot. Die Wartezeit auf Busse und Taxen kann mehrere Stunden betragen. Viele Menschen in Monrovia gehen auch lange Strecken lieber gleich zu Fuß. Internet-Cafés waren vor dem Krieg an jeder Ecke zu finden. Jetzt gibt es nur eine Hand voll, und das Netz ist ständig überlastet. In den Räumen des UN- Entwicklungsprogramms UNDP drängeln sich jeden Tag Menschen, die das Angebot nutzen wollen, von dort ihre E-Mails zu versenden.

Die ersten Bars und Nachtclubs haben wieder geöffnet. Aber wer aus den nordwestlichen Stadtteilen kommt, muss spätestens um sieben Uhr abends wieder zurück sein. Dann schließen die Soldaten der Eingreiftruppe ECOMIL die Kontrollpunkte an den Brücken.

Dass die Stimmung dennoch nicht hoffnungslos ist, zeigt sich in der Reaktion auf die westafrikanischen Eingreiftruppe ECOMIL. Wo immer die Soldaten der etwa 3500 Mann starken Truppe hinkommen, werden sie mit Jubel begrüßt. "Nie mehr Krieg! Wir wollen Frieden!" rufen Menschen am Straßenrand, unter ihnen auch manche ehemalige Kämpfer in Uniform.

Terence Sesay / DPA
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