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Machthaber Kim Jong Un: Nordkoreas Kuscheldiktator

Er knuddelt Kinder und geht gern auf Tuchfühlung: Der junge Diktator Kim Jong Un ist die Scherzkeks-Version seines Vaters Kim Jong Il. Immer fröhlich und gut gelaunt forciert er einen Imagewechsel.

Von Niels Kruse

Es kommt nicht alle Tage vor, dass die USA Glückwünsche nach Nordkorea entsenden. Doch die Meldung des staatlichen Fernsehens in Pjöngjang, dass Diktator Kim Jong Un verheiratet sei, kommentierte eine Außenamtssprecherin in Washington mit einem etwas verknoteten, aber denkwürdigen Satz: "Wir würden Frischverheirateten immer alles Gute wünschen." Freundliche Worte vom Erzfeind sind ungewöhnlich, aber ungewöhnlich ist auch, dass sich ein nordkoreanischer Machthaber überhaupt mit einer Frau an seiner Seite zeigt. Dazu noch auffällig dynamisch, gut gelaunt, immer auf Tuchfühlung und überhaupt so ganz anders als sein Vater, der "geliebte Führer" Kim Jong Il.

Seit rund sieben Monaten steht der Baby-Diktator nun an der Spitze der letzten Bastion des Stalinismus. Und glaubt man den zahllosen Gerüchten, ist Kim Jong Un seitdem damit beschäftigt, sich auf dem geerbten Thron zu behaupten. Offiziell bekleidet er zwar alle entscheidenden Posten des Landes, Chef der Kommunistischen Partei und des Nationalen Verteidigungskomitees, Oberkommandierender der Armee, aber weil das an Einfluss offenbar immer noch nicht ausreichte, ließ er sich jüngst auch noch zum Marschall befördern. Als Funktionär mag Kim Jong Un nun über allem stehen, doch als Mensch ist der junge Mann seinem Volk noch nahezu unbekannt. Da kommt eine Ehefrau natürlich gerade recht.

Lästerliche Witze über Papa Kim

Schon Uns Vater war bei den Leuten längst nicht so beliebt, wie sein Opa und Staatsgründer Kim Il Sung. Der hatte einst Korea von der japanischen Besatzung befreit und galt als charismatischer Menschenfänger. Die Verehrung für ihn war tatsächlich noch grenzenlos, die für Kim Jong Il dagegen verblasste zunehmend. Vor allem auch, weil er das Land, das bis in die 70er Jahre dem Süden ökonomisch voraus war, vollkommen heruntergewirtschaftet hatte. Obwohl die Kims qua Amt und Würden einen gottgleichen Status besitzen, kursierten über Kim Jong Il am Ende sogar lästerliche Witze - worauf in Nordkorea im besten Fall Arbeitslager steht. Selbst im Personenkult-gestählten Nordkorea kommen die Führer nicht drum herum, ihr Ansehen im Volk zu mehren.

Nur: Was sollen die Menschen von einem Jungspund wie Kim Jong Un halten, von dem nicht einmal das genaue Alter bekannt ist? Zumal sich die Lage im Land von Monat zu Monat verschlimmert. Glaubt man den wenigen Blogs, die über Kontakte in das isolierte Reich verfügen, dann haben selbst relativ gutsituierte Nordkoreaner mittlerweile Schwierigkeiten, ausreichend Essen zu bekommen. Die Seite "Good Friends" etwa berichtet von einer Familie aus Pjongsung, die schon seit Monaten keine Nahrungsrationen mehr erhält. Nur für den Mann, einen Polizisten, gebe es noch etwas. Anderen Berichten zufolge verkaufen einige Nordkoreaner sogar ihre Möbel heimlich nach China, um Geld für Reis und Mais zu verdienen. Auch Diebstähle und Überfälle, etwa auf Lebensmittelläden sollen drastisch zunehmen - Beschaffungskriminalität aus purer Not.

Neuer Diktator, gleiche Politik

Die desolate Situation stärkt nicht gerade die Position des Neulings an der Spitze. Wohl auch deshalb versucht Kim Jong Un nun, das allgewaltige Militär zu entmachten, um die marode Wirtschaft reformieren zu können. Nach außen dagegen präsentiert er sich als jung-dynamischer Führer zum Anfassen. Im wahrsten Sinne. Als Kim der Dritte mit seinem Vater zusammen die ersten Termine in der Öffentlichkeit absolvierte, blickte der Junior noch ernst bis arrogant drein. Doch dann veröffentlichte die staatliche Nachrichtenagentur KCNA immer häufiger Fotos, die ihn Hand in Hand und Arm in Arm mit Kindern, Jugendlichen, Frauen und Soldaten zeigen. Auf einigen Bildern wirkt die penetrant zur Schau gestellte Volksfummelei beinahe so, als müsste der Führer gestützt werden.

Die Botschaft dahinter ist offensichtlich: 'Seht her, liebe Leute, ich bin einer von euch. Und ich scheue auch eure Nähe nicht.' Während Uns Vater Kim Jong Il bei seinen legendären Inspektionsreisen desinteressiert irgendwelche Gebrauchsgegenstände anstarrte, macht der Sohn bei ähnlichen Anlässen den Spaßvogel. Da quetscht er seinen wuchtigen Körper in einen engen Panzer, ein anderes Mal thront er hoch zu Ross. Oder steht mit einem Strohhut und aufgeknöpfter Mao-Jacke breitgrinsend in einem Vergnügungspark. Die perfekt geölte Propagandamaschine des Landes läuft auf Hochtouren und hat ihr erstes Ziel erreicht: der vergreisten Führung ein junges, modernes Gesicht zu geben.

Kann er es? Ja, er ist verheiratet

Nun läuft Teil zwei des Plans an: Die Antwort auf die Frage, ob der junge Kim, der zwischen 28 und 30 Jahren sein soll, auch Verantwortung übernehmen und führen kann. Die nun verkündete Ehe mit der etwa gleichaltrigen Ri Sol Joo soll den Nordkoreanern beweisen: Ja, er kann. Denn er ist verheiratet. Er ist ein echter Mann. Dass die beiden schon länger ein Ehepaar sein könnten, spielt dabei keine Rolle. Südkoreanische Zeitungen glauben, dass sie bereits 2009 vor den Altar getreten sind, auch von einem gemeinsamen Kind ist die Rede. Die Kimsche Öffentlichkeitsarbeit jedenfalls hat sich gewandelt. Die menschenverachtende Politik dagegen verweigert sich noch hartnäckig.