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Analyse zum Terror in Mali: Sie zielen auf den lebensbejahenden Islam Afrikas

Der Terroranschlag auf ein Hotel in Mali ist auch ein Angriff auf die einstige Kolonialmacht Frankreich. Vor allem aber soll der dem Leben, der Freude und dem Genuss zugewandte Islam getroffen werden.

Von Marc Goergen

Zwei malische Sicherheitskräfte evakuieren zwei Frauen aus dem Areal rund um das Hotel Radisson Blu

Zwei malische Sicherheitskräfte evakuieren zwei Frauen aus dem Areal rund um das Hotel Radisson Blu, das von mehreren bewaffneten Terroristen angegriffen wurde

Jetzt also auch Mali. Noch ist nicht endgültig klar,  wer genau hinter der Geiselnahme im Radisson-Hotel in der Hauptstadt Bamako steckt – sicher ist aber soviel: ein weiterer Ort, der für Lebensfreude, für Tanz, für Musik steht, ist zum tragischen Tatort des Terror verkommen.

Mali, dieses Land in Form eines ungleichen Schmetterlings, das war noch vor wenigen Jahren ein etwas verschlafener, friedlicher Staat im Westen Afrikas, den Touristen von Nord bis Süd ohne Probleme bereisen konnten. Und Mali, das stand für Lebenslust und vor allem Musik. Die Musikfestivals etwa von Timbuktu und Segou waren dabei, sich von Abenteuerzielen zu Großveranstaltungen zu entwickeln, die schon hunderte Ausländer anlockten.


Hauptstadt Bamako Zentrum der Lebenslust

Zentrum dieser Lebenlust war die Hauptststadt Bamako. Hier konnte man abends durch Bars ziehen, die an Schwarz-Weiß-Bilder aus den Hochzeiten des Jazz erinnern. Männer in Anzügen, die an Kontrabässen zupfen. Alte Verstärker, große Bierflaschen auf den Tischen, Scheinwerfer, deren funzeliges Licht kaum den Rauch der Kneipe durchdringen konnte. Musiker wie Toumani Diabaté wurden in Mali zu Volkshelden. Diabaté spielt die Kora, ein harfenähnliches Instrument, seine Alben haben auch im Westen Erfolg. In Mali aber ist er einer der wichtigsten Persönlichkeiten des Landes. Diabaté ist ein Griot, das heißt, seine Vorfahren spielten an den Adelshöfen des Landes, er macht in der 53. Generation Musik.


Der Norden des Landes war immer unruhig. Tuareg leben hier, sie fühlten sich seit Langem von der Zentralmacht benachteiligt. Doch erst mit dem Sturz von Muammar Gaddafi in Libyen verschärfte sich die Situation. Waffen flossen zu den Tuareg, Islamisten gewannen an Macht, binnen Kurzem wurde aus dem Wüstenparadies ein Paradies des Wütens. Timbuktu, die alterwürdige Karawanenstadt, wurde zu einem Ort der Tristesse. Musik hören und Fußball wurden verboten.

Wer steckt hinter dem Angriff?

Als schließlich 2012 auch noch Offiziere in Bamako putschen, wurde plötzlich klar, dass das Musterland Mali, seine Demokratie, seine Ruhe, kaum mehr war als Fiktion. Frankreichs Soldaten waren es, die schließlich die Islamisten in Richtung algerischer Grenze vertrieben. Seit letztem Jahr begann in Mali wieder so etwas wie Lebensfreude einzuziehen.

Ob hinter der Geiselnahme tatsächlich al-Kaida steckt? In den vergangenen Jahren war es deren Filiale im Maghreb, die für viele Entführungen hier verantwortlich war. Oder die Konkurrenz von Ansar Dine? Ob sich die Islamisten von den Taten von Paris inspiriert fühlten? Ob der Islamische Staat mit lokalen oder ausländische Kämpfer ins Radisson stürmte?

Sicher ist bislang nur. Das Angriff zielt auf Frankreich: die einstige Kolonialmacht hat enge Verbindungen zu Mali, viele Franzosen leben hier, ohne den Schutz der französischen Truppen würde das Land rasch zusammen brechen. Und der Angriff zielt auf die Lebensfreude. Er zielt auf einen dem Leben, der Freude, dem Genuss zugewandten Islam, wie er typisch ist für Afrika. Und besonders für Mali.