Menschen, die Mut machen Der gute Engel von Negros


In der Adventszeit stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, den sein Engagement für andere oder der Umgang mit dem eigenen Schicksal auszeichnet. Heute: Norma G. Mugar. Sie versorgt Zuckerrohrbauern auf den Philippinen, die früher wie Sklaven der Willkür von Großgrundbesitzern ausgeliefert waren, mit Krediten und Know-How.
Von Carsten Stormer

Norma G. Mugar droht in ihrem Schreibtischsessel zu versinken. Ein 68 Jahre altes kleines Energiebündel, elegant, dunkel getöntes Haar. Sie erzählt von den Ungerechtigkeiten auf den Philippinen, gegen die sie schon ihr ganzes Leben ankämpft. Es kann doch nicht angehen, sagt sie, dass die Provinz Negros 60 Prozent des philippinischen Zuckerbedarfs deckt und 51 Prozent ihrer drei Millionen Einwohner trotzdem in Armut und Arbeitslosigkeit leben.

Norma G. Mugar studierte Theologie und Philosophie. Mitte der sechziger Jahre beschloss sie Nonne zu werden. Sie wollte als Sozialarbeiterin durch die ländlichen Gegenden von Negros ziehen, den Zuckerrohrbauern Lesen und Schreiben beibringen und Gottesdienste halten.

Als Nonne in humanitärer Mission auf dem Land lernte sie, unter welchen Bedingungen die Zuckerrohrbauern lebten: wie Sklaven, in völliger Abhängigkeit von den Großgrundbesitzern, ohne Rechte, der Willkür ihrer Herren ausgeliefert. Je mehr Zeit sie auf den Dörfern verbrachte, desto wütender wurde Norma G. Mugar. Gerechtigkeit und Nächstenliebe sah ihrer Meinung nach anders aus und so entschloss sich Norma G. Mugar dazu, dem nicht länger zuzusehen.

Während die Zuckerbarone die Bauern ausbeuteten, saugte der Diktator Ferdinand Marcos die Reichtümer des Landes ab - bis das Volk Marcos 1986 stürzte. Es folgte eine Bodenreform. Großgrundbesitzer mussten Land an die Regierung abtreten, das diese dann billig an die Armen weiterreichte. Die wussten zwar, wie man Zuckerrohr anbaut, aber nicht, wie man ihn vermarktet. Dieses Problem war der Ausgangspunkt für eine von Norma G. Mugar gegründete Organisation, deren Aufgabe es ist, "Geschäfte für das Volk mit Leuten aus dem Volk zu machen". Die Alter Trade Cooperation war geboren.

Kleinkredite und Know-How für Zuckerrohrbauern

"Das Prinzip von Alter Trade ist so einfach wie wirksam", sagt Norma G. Mugar: Man gibt den Kleinbauern Kleinkredite, damit sie sich Saatgut oder Material leisten können. Dazu unterrichten Experten die Kreditnehmer in modernen Anbaumethoden, halten Workshops und Schulungen zu Fair Trade und ökologischem Anbau ab. "Alter Trade übernimmt dann den Vertrieb der Ernte." Seit der Gründung vor 19 Jahren hat sich das Leben vieler Zuckerrohrbauern grundlegend geändert.

So auch das Leben des 52-jährigen Torrino Tomaro, der Vorsitzender der Zuckerrohrbauern-Vereinigung von Santa Rita ist. Früher hat er für den Reichtum der Zuckerbarone geknechtet. Heute gehört seiner Kooperative das Land, das sie bearbeitet. Hundert Pesos verdient er jetzt am Tag, umgerechnet 1,50 Euro. "Das mag sich nach sehr wenig anhören, aber es reicht, um die Kinder zur Schule zu schicken und dreimal täglich zu essen", sagt Norma G. Mugar. Zudem konnte sich die Kooperative drei Wasserbüffel leisten, um die Felder besser zu bestellen, und einen Lastwagen, um das Zuckerrohr in die Fabrik zu karren.

Es sind Lebensläufe wie dieser, die Norma G. Mugar Kraft geben. Trotzdem, nicht jeder ist von ihrer Organisation angetan. Ein Lastwagen von Alter Trade wurde schon einmal angezündet und hin und wieder bekommt sie anonyme Drohungen vom bewaffneten Arm der Kommunistischen Partei, der seit Jahrzehnten einen Guerillakrieg gegen die Regierung führt. Die Kommunisten behaupten, Alter Trade sei eine kapitalistische Vereinigung und beute die Bauern aus, um Gewinn zu machen. Die Rebellen fordern von diesem angeblichen Gewinn ihren Teil und verlangen Schutzgeld. Doch Norma Mugar zuckt nur mit den Schultern. Hat sie keine Angst? "Ach wo, die wollen nur Geld erpressen, damit sie ihren Kampf fortsetzen können", sagt sie. "Wir lassen uns nicht einschüchtern."


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