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Autobiografie "Becoming - meine Geschichte": Michelle Obama auf Lesetour - jeder Satz, jedes Foto, jeder Auftritt penibel geplant

Hunderttausende wollen zuhören, sie zahlen sehr viel Geld für eine Frau, die es an Ausstrahlung mit Popstar Beyoncé aufnehmen kann. Michelle Obama geht auf Lesetour, und die Begeisterung darüber kennt keine Grenzen.

stern-Journalistin Cornelia Fuchs: Michelle Obama: Wie die ehemalige First Lady die Welt beeinflusst

Als Michelle Obama noch First Lady war und im Weißen Haus residierte, ist sie gefragt worden, wer sie gern wäre, wenn sie die Möglichkeit hätte, etwas ganz anderes zu machen. Ihre Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: "Ich wäre gern Beyoncé."

Popstar. Globale Ikone. Das ist sie jetzt tatsächlich. Michelle LaVaughn Robinson Obama, 54 Jahre alt, die es als schwarzes Mädchen aus der South Side von Chicago bis an die Elite-Universität nach Havard geschafft hat und an der Seite ihres Mannes Barack bis nach Washington ins Weiße Haus - sie stößt jetzt in völlig neue Dimensionen vor. Mit dem Erscheinen ihrer Autobiografie "Becoming - meine Geschichte" an diesem Dienstag beginnt in den USA ein nie dagewesener Michelle-Obama-Hype. Größer noch als die Welle der Begeisterung, die vor zehn Jahren das Land erfasste, als das erste schwarze Paar ins Präsidentenamt einzog.

Michelle Obama - der Mensch

Heute steht Michelle Obama allein im Rampenlicht, es geht um sie, nur um sie, um ihre Lebensgeschichte, um ihre Erfahrungen, als Frau, Schwarze, berufstätige Mutter, Präsidentengattin. Ihre Ausstrahlung, ihre Wirkung können es locker mit der von Beyoncé aufnehmen. Das Format ihrer Auftritte sowieso.

Durch zehn amerikanische Städte wird Michelle Obama in den nächsten vier Wochen touren, zwölf Auftritte absolvieren, alle in großen Hallen mit bis zu 25.000 Plätzen. Unter anderem in Chicago, Washington, Boston, Detroit, Denver, New York. Ein "intimes Gespräch" mit dem Star ist angekündigt, Nähe ist im popkulturellen Geschäft schließlich alles, ganz egal, wie viele Hundertausende Fans noch zuhören.

3000 Dollar Eintritt plus Foto

Da ist es nur konsequent, dass Live Nation, die größte Konzertagentur der Welt, die Auftritte von Michelle Obama vermarktet. Die Karten sind sündhaft teuer. Ein paar wenige sind für dreißig, vierzig Dollar zu haben, die meisten kosten zwischen 100 und 800 Dollar, wer es reichlich hat, setzt sich in die erste Reihe und zahlt 3000 Dollar, ein Selfie mit Michelle inklusive. Mit ihr auf Tour, als Gesprächspartnerin oder Moderatorin, sind die ganz Großen des amerikanischen Showgeschäfts wie Oprah Winfrey, Reese Witherspoon und Sarah Jessica Parker.

Als der Literaturagent Steven Barclay, der unter anderem den bekannten  Schriftsteller David Sedaris vertritt, von den Dimensionen der Obama-Buchtour erfuhr, verschlug es ihm die Sprache. "Huh", sagte er. "Wow. Das ist, als wenn du auf eine Madonna-Tour guckst."

Das Land liebt Michelle Obama. Früher schon, heute mehr denn je, da ein gewisser Donald Trump amerikanische Maßstäbe setzt. Die "New York Times" attestierte ihr einst eine "unerreichte, magische Kraft". Die "Chicago Tribune", die Zeitung aus ihrer Heimatstadt, wo sie ihre Tour startet, schreibt anlässlich ihres Auftritts: "Für viele Frauen ist Obama eine Frau wie du und ich." Und weil die Vorstellung in diesen dunklen Zeiten so schön ist, sähen viele Amerikaner Michelle Obama gern wieder im Weißen Haus sitzen. Diesmal nicht als First Lady, sondern als nächste Präsidentin. Natürlich gibt es aus Anlass des neuen Buches gleich die aktuelle Umfrage zum Duell, das es nie geben wird: 62 Prozent würden Michelle Obama wählen, nur 40 Prozent Donald Trump.

Keine US-Präsidentin Michelle Obama

An diesem Traum ändern auch die Sätze nichts, die Michelle Obama in ihrem Buch schreibt: "Ich sage es ganz klar: Ich habe keine Absicht, jemals für ein Amt zu kandidieren. Ich war nie ein Fan der Politik, und das, was ich in den vergangenen zehn Jahren erlebt habe, hat nicht dazu beigetragen, dass ich meine Meinung geändert hätte."

So klug, so zeitgemäß, so bodenständig und so lässig Michelle Obama auch ist, dem Zufall überlässt sie nichts. Wie es sich für einen Megastar gehört, ist jeder Schritt, jeder Satz, jedes Foto, jeder Auftritt, jede Etappe ihrer Buch-Kampagne generalstabsmäßig geplant, selbstbewusster Forderungen inklusive. Der Buchdeal, der ihre Memoiren sowie die ihres Mannes im kommenden Jahr umfasst, soll den Obamas 65 Millionen Dollar eingebracht haben. Nicht alle finden das so toll, auch wenn Michelle Obama versprochen hat, zehn Prozent ihrer Tour-Einnahmen an Wohltätigkeitsorganisationen, Schulen und lokale Gruppen in den jeweiligen Städten zu spenden.

Anand Giridharadas, Autor eines kritischen Buches über die Weltverbesserungshaltung amerikanischer Superreicher, sagt in der "New York Times": "Das Argument, der erste schwarze Präsident und seine First Lady sollten nicht tun, was allen anderen erlaubt war, sehe ich sehr kritisch. Aber eine Arena mit preislich so unterschiedlichen Sitzreihen ist eine machtvolle Metapher für alles, was die beiden beseitigen wollten. Das Ganze zeigt mir, dass das Kassemachen unsere gemeinsame Kultur geworden ist, in einer Weise, die wir gar nicht realisieren. Es ist das Wasser, in dem wir alle schwimmen."

Jungen Menschen Kraft geben

Von den ersten Kapiteln, die aus ihrem Buch bereits durchgesickert sind, über ihr erstes großes Fernsehinterview am Sonntagabend auf ABC, bis hin zu ihren Lesungen und ihrer Cover-Story in der Dezember-Ausgabe der Modezeitschrift "Elle" - Michelle Obama erzählt stets aus ihrem Leben, von ihrem sozialen Aufstieg, ihren Kämpfen, ihren Ängsten, ihrer Liebe, ihrer Fehlgeburt, ihren Eheproblemen. Aber sie möchte, dass sich ihre Leserinnen und Leser, dass sich viele Amerikaner darin wiedererkennen, dass vor allem junge Menschen daraus Mut und Kraft für ihr eigenes Leben schöpfen.

"Unsere Eheberatung war einer der Wege, auf dem wir gelernt haben, wie wir über unsere Unterschiede reden können", erzählt Michelle Obama in dem ABC-Fernsehinterview. Sie kenne viele junge Ehepaare, die damit kämpften und glaubten, mit ihnen sei irgendetwas falsch. "Ich möchte, dass sie wissen, Michelle und Barack Obama, die eine tolle Ehe führen und einander lieben, haben an ihrer Ehe gearbeitet. Wir haben Hilfe bekommen, als wir sie brauchten."

Nur ein paar Sätze über Trump

Diese offenen, ehrlichen Worte sind es, die viele Amerikaner begeistern. Das sind sie von einer ehemaligen First Lady nicht gewohnt. Diese Botschaft Michelle Obamas ist allemal stärker, als es die paar Sätze über Donald Trump sind, die sie in ihrem Buch schreibt. Michele Norris, eine frühere Radiomoderatorin und Freundin von Michelle Obama, sagt in der "Washington Post", "Becoming" sei viel mehr als nur ein Buch über Politik. "Es enthält Lektionen aus dem wirklichen Leben."

Lesen Sie im neuen stern, der am Donnerstag erscheint, oder bereits ab Mittwoch um 18 Uhr im stern emagazine das exklusive stern-Interview mit Michelle Obama über Ängste und Hoffnungen im Weißen Haus, ihre Zukunftspläne und das, was sie von Angela Merkel gelernt hat.