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Krieg in der Ukraine Mobilisierung – Putins letztes Spiel vor der Niederlage oder der Bombe

Junge Männer alte Sturmgewehre - einberufene Reservisten
Junge Männer alte Sturmgewehre - einberufene Reservisten
© Russian Defence Ministry/ / Picture Alliance
Russlands Truppen in der Ukraine sind abgekämpft. Deshalb hat Putin die Mobilisierung ausgerufen. Können die Reservisten die Lage der russischen Streitkräfte nicht ändern, bleiben Putin wenig Möglichkeiten.

Die Zeiten, in denen Putin, der Schreckliche, gefürchtet wurde, sind vorbei. Zumindest in den westlichen Medien wird der Kreml-Herrscher inzwischen als Looser gebrandmarkt. Der Glanz seiner Armee ist mehr als verblasst – nach den jüngsten Erfolgen scheint ein Sieg der Ukraine und damit eine Niederlage Russlands fast unausweichlich.

Spott und Witzchen

Auch die jüngsten Maßnahmen Putins können das siegessichere Bild kaum trüben. Die Mobilisierung? Junge Russe verlassen das Land in Scharen, wer einberufen wird, torkelt entweder hoffnungslos betrunken vor der Kamera herum oder er bekommt ein komplett verrostetes Gewehr aus dem Zweiten Weltkrieg in die Hand gedrückt. Diese Bilder kursieren und werden spöttisch kommentiert. Gleichzeitig versichern namhafte Experten, dass es mindestens sechs Monate dauern wird, bis diese traurigen Gestalten an der Front auftauchen werden. Und wenn das geschieht, dann werden sie keine Ausrüstung mehr haben, da alle Magazine Russlands bis dahin von Verlusten aufgezehrt werden.

Falsch ist das nicht, aber nur ein Teil des Bildes. Das fängt schon damit an, dass es keineswegs nur Videos mit verrosteten Mosin-Nagant-Gewehren gibt. Auf anderen sind die Rekruten für den ersten Tag recht normal ausgestattet, die neuen Soldaten aus Tschetschenien tragen sogar Ausrüstung mit sich herum, bei deren Anblick viele Bundeswehrsoldaten neidisch werden könnten.

Schnelle Verstärkung zu erwarten

Mit der Mobilmachung hat Putin das drängende Personalproblem der Streitkräfte gelöst – um den Preis, dass der Krieg nun in den Familien angekommen ist. Sechs Monate wird es dauern, wenn aus den Rekruten ganz neue Großverbände aufgestellt werden. Doch das wird höchstens bei einem Teil des Personals geschehen. Der Großteil der Soldaten wird dazu genutzt werden, die Verluste der in der Ukraine eingesetzten Einheiten zu ersetzen und sie darüber hinaus weiter zu verstärken.

Die Truppen aufzupowern, aus einer abgekämpften Brigade mit halber Sollstärke kann jetzt eine verstärkte Brigade weit über Soll werden. Idealerweise geschieht so etwas mit Reservisten, die vor wenigen Jahren in diesen oder vergleichbaren Einheiten gedient haben. Diese Verstärkung dürfte schon in den nächsten Wochen geschehen.

Darüber hinaus kann der Kreml weitere bereits existierende Verbände der regulären Armee aus dem Osten des Landes lösen und Richtung Ukraine schicken. Deren bisherige Aufgaben können dann Reserveeinheiten übernehmen, die sich noch formieren müssen. Ob sich die Zahl der russischen Soldaten in der Ukraine innerhalb von vier Wochen verdreifachen wird, wie manche Experten fürchten, kann man bezweifeln. Dass aber Zehntausende von Soldaten innerhalb kurzer Zeit die Invasionstruppen verstärken werden, ist anzunehmen.

Die freie Wahl des Militärs

Im Westen wird vorrangig über Pech und Pannen bei der Mobilisierung berichtet. Vergessen wird dabei, dass Kiew seit Monaten Reservisten einberuft. In der Ukraine ist die Bereitschaft zu Dienen vermutlich größer als in Russland, aber Videos, auf denen Reservisten vor der Einberufung fliehen, sich im Wald verstecken oder in der Straßenbahn rekrutiert werden, gibt es auch aus der Ukraine. Bekannt ist auch, dass keineswegs alle Ukrainer, die derzeit in Westeuropa sind, willig dem Ruf der Waffen folgen.

Russland zieht derzeit die erste Mobilisierungswelle ein. Dabei spielen politische Erwägungen eine Rolle, etwa wenn Demonstranten gleich auf der Wache eingezogen werden, oder die "Prinzlinge" der Putin-Freunde verschont bleiben, doch im Grundsatz heißt das: Der Staat hat bei der ersten Welle noch die freie Wahl, wen er einziehen will.

Das werden in der Menge jüngere Männer sein, die das Militär erst von wenigen Jahren verlassen haben. Und dazu dringend benötigte Spezialisten. Es dürfte kein Problem, jetzt Mechaniker oder Informatiker zielgerichtet einzuziehen. Es fehlen Fahrer von Trucks oder Personen, die schweres Räumgerät bedienen und warten können? Unter insgesamt 30 Millionen Reservisten wird man sie finden können.

Aus Putins Sicht muss der Einsatz der Reserve vor allem schnell geschehen. Weil der Kremlchef selbst so lange gezögert hat, wird den Soldaten Zeit für Ausbildung und Einweisung fehlen. Es wird hohe Verluste geben, doch das wird Putin kaum abschrecken. Die derzeit in der Ukraine eingesetzten Truppen können Kiews Soldaten nicht aufhalten. Das Gros der Invasoren steckt im Donbass fest. Dort können die Truppen nicht abgezogen werden, ohne die mühsamen Eroberungen der letzten Monate zu gefährden.

Andere Frontabschnitte leiden unter eklatantem Personalmangel. Östlich von Charkiw versuchen die Russen, ihre Linie zu stabilisieren. Dabei kommen sie aber nicht über einzelne Widerstandspunkte hinaus, die früher der später von Kiews Soldaten umgangen werden.

Akzeptiert Putin eine Niederlage? 

Sollte der Einsatz der Reservisten wirkungslos bleiben oder sollten sie zu spät eintreffen, kann Russland den Krieg am Boden in den nächsten Monaten verlieren. Beziehungsweise: Es können alle Eroberungen seit der Invasion verloren gehen. Sollte der Widerstand in der Region von Cherson unter den fortgesetzten Angriffen der ukrainischen Armee so zusammenbrechen wie im Osten von Charkiw, wird es für die geschlagenen russischen Truppen kein Halten mehr geben. Dann werden die ukrainischen Truppen im Süden bis zur Krim vorstoßen können und im Norden die russischen Truppen von ihren Verbindungslinien nach Russland trennen.

Der Einsatz der mobilisierten Reservisten ist Putins letzte konventionelle Karte in diesem Krieg. Sollte die nicht stechen, gibt es kaum Alternativen für den Kreml-Herrscher. Eine vollständige Niederlage seiner Truppen könnte Putin politisch nicht überleben. Es bliebe ihm und seinen Gefolgsleuten dann nur eine Wahl: die zwischen Rücktritt oder doch der nuklearen Option. Putin oder Kiew, das wäre dann die Frage.

Kriegen zwischen Russland und Ukraine: Ukrainische Gegen-Offensive zeigt Erfolge

Sehen Sie im Video: stern-Militärexperte Gernot Kramper ordnet die überraschende und sehr erfolgreiche Gegenoffensive der Ukraine ein. Wie schwach ist Russland wirklich? Und wie beeinflusst das Putins Entscheidungen? Die Analyse im Video.

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