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Mord an Menschenrechtlerin: Aktivisten beschuldigen tschetschenischen Machthaber

Gab es im Fall der getöteten Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa einen Mordauftrag von ganz oben? Das zumindest vermutet die russische Menschenrechtsorganisation "Memorial" - sie gibt dem tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow die Schuld. Die EU reagierte bestürzt auf die Tat.

Nach dem Mord an der russischen Bürgerrechtlerin Natalja Estemirowa haben Kollegen der Verstorbenen schwere Vorwürfe gegen die kremltreue Regierung in Tschetschenien erhoben. "Ich bin überzeugt, dass hinter diesem Mord die Führung der Teilrepublik Tschetschenien steht", sagte Oleg Orlow, der Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation Memorial, für die Estemirowa gearbeitet hatte.

Der Memorial-Chef Orlow sagte, der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow habe Estemirowas Aufklärungsarbeit in der Vergangenheit scharf kritisiert und sie massiv bedroht. Orlow erinnerte daran, dass Kadyrow die Menschenrechtlerin "beleidigt" und als "seine persönliche Feindin" bezeichnet habe. "Ich weiß nicht, ob Ramsan Kadyrow persönlich den Mordauftrag gegeben hat oder ob es einer seiner Untergebenen war", so Orlow. Kadyrow bestritt dies und erklärte, das Verbrechen sei auch ein Anschlag auf den Frieden in Tschetschenien.

Schweigeminute im Europaparlament

Die Bluttat vom Mittwoch sorgte weltweit für Entsetzen. Das Europaparlament in Straßburg hielt am Donnerstag eine Schweigeminute zu Ehren der Ermordeten ab. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hatte "diese feige Tat auf das Schärfste" verurteilt. Estemirowa sei eine mutige Kämpferin für die Menschenrechte im Nordkaukasus gewesen. Die jüngsten Mordfälle werfen "ein Schlaglicht auf die innere Entwicklung Russlands", sagte der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Gert Weisskirchen, dem Radiosender NDR Info. In Russland fürchten Freunde der Ermordeten, dass das Verbrechen wie schon frühere Morde an Bürgerrechtlern unaufgeklärt bleibt.

Die schwedische EU-Ratspräsidentschaft forderte die russischen Behörden auf, den Mord "schnell und gründlich aufzuklären" und die Täter zur Verantwortung zu ziehen. "Der Mord an Natalja Estemirowa im Nordkaukasus richtet die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit, Menschenrechtler in Russland zu schützen", hieß es in der in der Nacht auf Donnerstag veröffentlichten EU-Erklärung weiter. Kremlchef Medwedew hatte das Verbrechen verurteilt und als Motiv für die Tat ihre Tätigkeit als Menschenrechtlerin vermutet. Eine Sprecherin teilte mit, er habe unverzüglich eine Untersuchung eingeleitet.

Morgens in ein Auto gezerrt

Die Menschenrechtlerin war am Mittwochmorgen in Grosny, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tschetschenien, entführt worden. Die Menschenrechtsorganisation Memorial, für die Estemirowa arbeitete, berichtete, die 50-Jährige sei am Morgen nahe ihrer Wohnung in Grosny in ein Auto gezerrt worden. Zeugen berichteten, sie habe sich schreiend gegen die Entführung gewehrt, erklärte Memorial. Wenige Stunden später wurde Estemirowas Leiche an einer Autobahn an der Grenze Inguschetiens zu Tschetschenien gefunden. Wie die russische Staatsanwaltschaft mitteilte, wurde die Menschenrechtsaktivisten mit Schüssen in Kopf und Brust getötet.

Die Aktivistin galt, ähnlich wie die 2006 getötete regierungskritische Tschetschenien-Reporterin Anna Politkowskaja, als Kämpferin für die Menschenrechte im Nordkaukasus. Estemirowa hatte sich mit kritischen Berichten über das Verschwinden von Zivilisten in Tschetschenien wiederholt den Zorn der moskautreuen Machthaber zugezogen. "Mehr als einmal" hätten die moskautreuen tschetschenischen Behörden ihren Unmut über die Arbeit Estemirowas geäußert, teilte Memorial mit. Wie Politkowskaja schrieb sie regelmäßig Beiträge für die oppositionsnahe Zeitung "Nowaja Gaseta". Für ihre Arbeit wurde sie 2007 mit dem Anna-Politkowskaja-Preis bedacht.

Estemirowas Material hatten neben Politkowskaja auch der Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow und die Journalistin Anastassija Baburowa genutzt. Beide waren im Januar gemeinsam auf offener Straße in Moskau erschossen worden. Das Verbrechen wurde ebenso wie der Fall Politkowskaja bis heute nicht aufgeklärt.

Die mehrheitlich von Muslimen bewohnten Kaukasusrepubliken im Südwesten Russlands sind immer wieder Schauplatz von Anschlägen und Entführungen. Ein Großteil der Gewalttaten wird mit dem Tschetschenien-Konflikt in Verbindung gebracht. Dort kämpfen Rebellen seit Jahren für die Unabhängigkeit von Moskau. Die russische Regierung erklärte im April ihren Anti-Terror-Einsatz in Tschetschenien für beendet, der mit dem zweiten Tschetschenien-Krieg im Jahr 1999 begonnen hatte.

AFP/DPA / DPA