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Mord an Theo van Gogh: Mord unter den Augen des Geheimdienstes

Der Mörder Theo van Goghs geriet schon früh ins Blickfeld der Polizei. Lesen Sie im dritten und letzten Teil, wie er trotzdem seine Mordpläne verwirklichen konnte.

Von Albert Eikenaar und Uli Rauss

Am 9. Juni 2004 stellt der holländische Geheimdienst AIVD eine verschlüsselte Meldung im abhörsicheren "Kryptonetz" der EU-Nachrichtendienste. Sie trägt den Vermerk "Höchste Alarmstufe". Drei Terrorverdächtige aus den Niederlanden, alle marokkanischer Herkunft, seien auf dem Weg nach Porto. Dort wird in zwei Tagen wird die Fußball-EM eröffnet. Angeblich wollen sich Männer mit Verdächtigen aus spanischen Terrorzellen treffen.

Die nationale Justizpolizei startet eine Großfahndung und weiß bald, dass die Verdächtigen in einer schäbigen Pension untergekommen sind. Sie verhalten sich konspirativ, tauchen mit einem alten VW-Golf mit niederländischem Kennzeichen mehrmals am Palacio do Freixo auf, in dessen Festsaal das offizielle Festbankett der Uefa zur EM-Eröffnung mit 700 geladenen Gästen geplant ist. Am Flughafen heben sie an verschiedenen Geldautomaten kleinere Beträge ab, kaufen Zünder und Abflussreiniger.

Polizeichef Adelino Salvado geht auf Nummer sicher und lässt das Trio verhaften. Er verhindert, dass Portugals damaliger Regierungschef Jose Manuel Barroso das Gala-Diner besucht. Der hat kurz zuvor Drohbriefe aus Islamistenkreisen erhalten, seine Leibwache war um fünf Bodyguards aufgestockt worden. "Alle Bewegungen des Netzes wiesen auf einen Anschlag hin", sagt Polizeichef Salvado später in kleinem Kreis, "ich hätte nie wieder ruhig geschlafen, wenn ich Gewalt hätte vorbeugen können und doch nichts dagegen getan hätte." Der Kriminalbeamte wurde später vom Dienst suspendiert und versetzt.

Der alte VW, in dem die Verdächtigen in Porto herumfuhren, war der Golf von Mohammed Bouyeri. Sein Mitbewohner Nouredine al Fahtnie führt das Trio an, das in Portugal festgenommen und zehn Tage später in die Niederlande abgeschoben wird. Dort befragen ihn Fahnder des AIVD, er streitet Anschlagspläne ab. Als er nach seinem Märtyrer-Testament gefragt wird, das Ermittler acht Monate zuvor in Bouyeris Wohnung fanden, belastet er seinen Freund. Er sagt, Bouyeri sei Mitglied der Gruppe "Takfir Wal Hijra" und "tödlich gefährlich". Das Papier sei bedeutungslos und ohnehin auf Bestreben von Bouyeri zustande gekommen.

Ein Freispruch, der Kopfschütteln hervorruft

Die Hofstad-Gruppe ist weiter aktiv. In Rotterdam wird Samir Azzouz beim Überfall auf einen Supermarkt erwischt und festgenommen. Bei der anschließenden Wohnungsdurchsuchung finden Ermittler Pläne und Zeichnungen von mehreren Gebäuden: dem Parlament, dem Hauptquartier des Geheimdienstes AIVD, dem Kernkraftwerk Borssele, dem Amsterdamer Flughafen Schiphol. Zudem werden bei dem 18-jährigen, der gerade geheiratet hat, Munitions-Magazine, Schalldämpfer, eine schusssichere Weste, elektrische Zündsysteme und Chemikalien sichergestellt.

Neun Monate später, am 6. April 2005, wird Samir Azzouz von einem Gericht in Rotterdam freigesprochen - wieder ein Urteil in einem Terroristenprozess, das Kopfschütteln hervorruft. Die Richter sind zwar überzeugt, dass er Straftaten vorbereitete, aber die Beweise reichten ihnen nicht. "Gedanken und Absichten sind nicht strafbar", heißt es in der Urteilsbegründung. Die Staatsanwaltschaft stuft Azzouz als "tickende Zeitbombe" und legt Berufung ein. Aber der junge Mann kann seinen einjährigen Sohn wieder sehen. Für ihn hat er aus der Untersuchungshaft einen Brief geschrieben: "Lebe später für den Dschihad".

Im Sommer 2004 werden die Texte, die Mohammed Bouyeri unter dem Pseudonym "Abu Zubair" ins Internet stellt, immer drastischer. Sie eskalieren zu verbalen Gewaltakten: "Das Herz von Tony Blair soll aufhören zu schlagen." "Bushs Körperzellen sollen sich vermehren, bis sie explodieren". "Der Schweinekörper von Scharon muss in Stücke gerissen werden." "Allah möge sie alle ausrotten." Einmal schreibt der spätere Mörder von Theo van Gogh ein Märchen über einen Eskimo. "Wie man einen Wolf erlegt", heißt es. "Er schmiert sein Messer mit Tierblut ein und lässt die Waffe in der Kälte gefrieren. Dann schmiert er sie nochmal ein, und nochmal, und nochmal. Bis das Messer ganz mit gefrorenem Blut bedeckt ist. Sieht aus wie Erdbeeren. Der Eskimo steckt das Messer in den Schnee. Der Wolf kommt und leckt das Messer, spürt aber nicht, dass er sich damit in die Zunge schneidet. Der Wolf verblutet."

"Übungsmord" an einem Schaf

Mohammed Bouyeri brennt diesen Text auf eine CD. Sie enthält zudem 26 Videoclips, 85 kurze Filmszenen und 24 Dokumente mit den Hasstexten radikal-islamistischer Ideologen. Zehn Videos aus Tschetschenien zeigen, wie russische Soldaten geköpft werden, andere enthalten die Enthauptungen von Daniel Pearl in Pakistan, Nick Berg und Eugene Armstrong im Irak. Nach Angaben eines Zeugen spielt Bouyeri diese CD wieder und wieder ab, geradezu berauscht von der Gewalt.

Irgendwann in den Wochen vor dem grausamen, blutigen, geradezu rituellen Mord an Theo van Gogh hat Bouyeri die Tat offenbar sogar an einem Tier geprobt. Im Flur seiner Wohnung in der Marianne Philipsstraat finden Ermittler Blutspritzer. Sie stammen von einem Schaf.

Der Geheimdienst hört nun fast die gesamte Hofstad-Gruppe ab. Auch Bouyeri taucht immer wieder in den täglichen Lageberichten des AIVD auf, insgesamt 15 Mal. Aber in den Reihen des Inlandsdienstes ist ein Maulwurf: Ein marokkanischer Dolmetscher, dessen Risikoüberprüfung der Geheimdienst versäumt, spielt einem Mitglied der Hofstadt-Gruppe streng geheime Protokolle und Ermittlungsergebnisse zu. So erfährt Bouyeri, dass man ihm auf den Fersen ist. Seit dem 21. Oktober führt er kein Telefonat mehr mit seinem Handy. Später stellt sich heraus, dass Bouyeri in dieser Zeit mit Mohammed Achraf telefonierte. Der ist in Spanien inhaftiert und gilt als Mitglied der Gruppe "Märtyrer für Marokko". Angeblich wollte er den Nationalen Gerichtshof in Madrid mit 500 Kilo Sprengstoff auf einem Lastwagen angreifen. Der Kreditkartenfälscher steht im Verdacht, spanische Terrorzellen und die Hofstad-Gruppe mitfinanziert zu haben.

Mit falschem Pass durch die Polizeikontrolle

Zehn Tage vor dem Mord an Theo van Gogh stoppt die Polizei nachts um halb im Zierikzee in der niederländischen Provinz Zeeland eine betagten Opel Omega. Am Steuer sitzt ein der Polizei bekannter Menschenhändler, Beifahrer ist Bouyeris Mentor, der radikale Prediger Abu Khaled, Chef des Hofstad-Netzes mit Kontakten zu international gesuchten Terroristen. Er zeigt den Beamten einen gefälschten Pass. Er hält sich illegal in den Niederlanden auf. Die Polizisten beanstanden lediglich das mangelhafte Nummernschild des Autos und lassen die beiden weiterfahren. Wenig später kauft Abu Khaled in einem Reisbüro in Zeeland ein Flugticket nach Griechenland. Abflugdatum: 2. November 2004, der Tag des Mordes an Theo van Gogh.

Vier Tage vor dem Mord an Theo van Gogh beschließen Polizei und Inlandsgeheimdienst, die Ermittlungen zum Hofstadt-Netz noch einmal gänzlich neu zu bewerten und Einsatztaktiken zu diskutieren. Termin: Mitte November.

Am Tag vor dem Attentat verschwindet Nouredine al Fahtnie, Bouyeris Freund, der Mann, dem nicht nachgewiesen werden konnte, dass er einen Anschlag während der Fußball-Europameisterschaft in Portugal plante. Vermutlich reist der Marokkaner mit einem gefälschten Pass aus den Niederlanden aus. Er hielt sich zwischendurch mehrmals in Deutschland auf. Am 26. Juni jedoch wird er in Amsterdam verhaftet, er trägt ein durchgeladenes Maschinengewehr bei sich. Vermutlich rekrutierte al Fahtnie Kämpfer für den Dschihad, wie der stern aus niederländischen Geheimdienstkreisen erfährt.

Am 2. November 2004, um 6.45 Uhr im Morgennebel, liegt Theo van Gogh tot auf der Linnaeusstraat in Amsterdam. Der Brief, den sein Mörder ihm mit einem Messer in den Bauch rammte, beginnt mit den Worten: "Dies ist mein letztes Wort, durchsiebt von Kugeln, in Blut getaucht, wie ich gehofft hatte."