Müllkrise in Neapel Die Armee macht die Drecksarbeit


Die seit zwei Wochen vor sich hin rottenden Müllberge in Neapel lösen in Italien eine politische Krise aus. Ministerpräsident Romano Prodi hat den nationalen Notfall ausgerufen und das Militär abkommandiert, den Unrat wegzuschaffen. Wegen des Abfalls kam es sogar zu Unruhen in der betroffenen Region.

Der liegengebliebene Müll in Neapel wird zum Politikum. Auf Anordnung von Italiens Ministerpräsident Romano Prodi muss die Armee des Landes den Dreck wegmachen. Damit soll die drohende Schließung zahlreicher Schulen verhindert werden. Die Direktoren hatten zuvor angekündigt, die Weihnachtsferien für die Schüler aus hygienischen Gründen verlängern zu wollen. Es gehe nicht an, dass auch die Erziehung der Kinder unter dem Müllproblem leide, sagte Prodi.

In der Region Kampanien haben die Müllfirmen seit zwei Wochen keinen Abfall mehr abgeholt, weil keine Müllkippe mehr zur Verfügung steht. Verzweifelte Anwohner zündeten Abfallhaufen in den Straßen an; die Feuerwehr musste zu zahlreichen Löscheinsätzen ausrücken. Die Stadt hat wegen Missmanagements, Korruption und der Verwicklungen der Mafia ein notorisches Müllproblem. An Plänen für die Wiedereröffnung einer alten Deponie entzündeten sich zuletzt massive Anwohnerproteste, die sich schließlich in Krawallen entluden.

Italiens Ruf könnte leiden

Prodi hat die Müllkrise zum nationalen Notfall erklärt und davor gewarnt, dass Italiens Ruf darunter leiden könnte. "Die Regierung übernimmt die gesamte Verantwortung für diesen Notfall, weil dieser die ganze Nation gefährdet", sagte Prodi vor Journalisten. Noch am Montag will sich der Regierungschef mit mehreren Ministern treffen, um die weitere Strategie auszuarbeiten. In Kampanien, einer der schönsten Mittelmeerregionen, stapeln sich mittlerweile rund 100.000 Tonnen Abfall. Am Montag kam es im neapolitanischen Stadtteil Pianura erneut zu Zusammenstößen der Bürger mit der Polizei. Die Anwohner wollen um jeden Preis die Wiedereröffnung einer 1996 stillgelegten Deponie verhindern, weil sie gesundheitliche Schäden fürchten.

Über die Müllkrise ächzt auch die italienische Presse, wie etwa die Mailänder Zeitung "Corriere della Sera": Das Schöne (oder besser Schlimme) daran war, dass die Bilder Neapels zusammen mit anderen Naturkatastrophen, Überflutungen und den Slums von Nairobi gezeigt wurden. Wir müssen uns endlich damit abfinden: In der internationalen journalistischen Darstellung erscheinen wir selbst wie ein Land der "Dritten Welt", falls diese Definition überhaupt noch Sinn macht: Wir sind ein Land, das sich von Abfällen überhäufen und unterdrücken lässt, ein Land, das einst Lebensstil vormachte und heute im Müll schwimmt."

DPA/Reuters/AP AP DPA Reuters

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