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Nach Wahlschlappe: Brown räumt sich selbst aus dem Weg

Mit einem Paukenschlag verkündete der britische Premier Gordon Brown das Ende seiner politischen Karriere: Nun hat Großbritannien zwar noch immer keinen neuen Regierungschef, aber dafür viel Stoff für Spekulationen.

Von Cornelia Fuchs, London

Es war ein Coup, eines Shakespeare-Stückes würdig: Gemessen schritt Gordon Brown die kleinen Stufen vor der glänzend schwarzen Tür in der Downing Street zu einem Stehpult in der Mitte der Straße, er sortierte seine Papiere, holte Luft mit dieser schnappenden Bewegung, die ihm so viel Spott eingebracht hat in den vergangenen Jahren - und zeigte seinen Gegnern noch ein letztes Mal, was für Schläge ein politisches Schwergewicht austeilen kann.

Seine Worte waren gemessen und staatsmännisch. Sie sprachen von nationalen Interessen, vom Weg des wirtschaftlichen Aufschwungs und Konsequenzen, die aus der Wahlniederlage Labours gezogen werden müssten. Und dann kam es: Er, Gordon Brown, nur mehr Statthalter einer machtlosen Regierung, werde sich zurückziehen, sobald das Land eine neue politische Führung habe und durch die schwersten politischen Stürme gelenkt worden sei.

Er empfehle seiner Partei die Vorbereitung der Wahl eines neuen Parteivorsitzenden: "Ich werde keinen Kandidaten unterstützen und selber nicht teilnehmen." Danach schien, als könnte man für einen kleinen Moment eine fassungslose Stille in Westminster vernehmen. Dann brach der Sturm los.

Brown und Clegg - das passte nicht

Gordon Brown hatte sich geopfert, um seiner Partei eine neue Chance zu geben. Es ist bekannt, dass Brown sich mit dem Vorsitzenden der Liberaldemokraten Nick Clegg nicht versteht. Das erste Telefongespräch der beiden Politiker nach der Wahl soll von Brown mit heftigen Worten beendet worden sein. Clegg habe ihm mitgeteilt, dass es Zeit sei für seinen Rücktritt.

Doch Clegg ist derjenige, mit dem ein neuer Premierminister zusammenarbeiten muss. Die 52 Parlamentarier seiner Fraktion sind es, die entweder der Labour-Partei oder den Konservativen zur Mehrheit verhelfen könnten. Vier Tage lang hatte Clegg mit dem konservativen Parteichef David Cameron verhandelt. Die Gespräche verliefen "glänzend", hieß es - kamen aber bisher nicht zu einem Ergebnis.

Während die Konservativen und Liberalen redeten, planten die erfahrenen Ränkeschmieder der Labour-Partei, wie der sich abzeichnende Lauf der Dinge noch aufzuhalten sei. In der Downing Street saß wieder die alte Mannschaft zusammen, die Tony Blair 1997 zu einem Erdrutschsieg und Labour zu 13 Jahren an der Macht verholfen hat. Alte Feindseligkeiten wurden begraben, Spindoktoren ausgegraben.

Linke Liberaldemokraten beginnen zu murren

Ein nicht unerheblicher Teil der Liberaldemokraten, die politisch links stehen und eine Zusammenarbeit mit den Konservativen von Anfang an skeptisch beobachteten, beginnen indes zu murren. Erste Stimmen sind zu hören, die von einer "Mehrheit der Progressiven" sprechen - von den über 50 Prozent der Wähler, die für Labour und Liberale und damit für eine Koalition links von der Mitte gestimmt haben.

David Cameron musste sich sehr schnell etwas einfallen lassen. Sein designierter Außenminister William Hague trat vor die Presse, das Gesicht verkniffen, die Stimme etwas gepresst. Angesichts der Entwicklungen seien sie bereit "einen Schritt weiter zu gehen": Er bot Nick Clegg ein Referendum zur Wahlrechts-Reform an. Noch kurz zuvor wäre dieser Schritt undenkbar gewesen. Konservative und Labour befinden sich in einer Auktion um die Gunst Cleggs.

Nun sollen sich die Liberalen schnell entscheiden

Aber auch Cameron erhöht den Druck nun. Er darf als Browns Konkurrent um den Platz in der Downing Street schließlich nicht weniger Durchsetzungskraft zeigen als der alte Haudegen. Er kündete nun an, dass er Nick Clegg nur noch einen Tag gebe, eine Entscheidung müsse nun fallen. Die Zeit sei gekommen.

Britische Medien melden unterdessen, die Koalitionsgespräche zwischen Labour und Liberaldemokraten seien bereits geplatzt. Die Regierung hätte erkannt, dass es keine Einigung geben könne. Offiziell bestätigen wollen das aber bisher weder die Liberalen noch die Labour-Partei.

Im Hintergrund sammelt sich währenddessen die nächste Generation der Labour-Politiker: Außenminister David Miliband war seltsam wortkarg, als er nach Browns großer Ankündigung aus der Downing Street nach Hause ging. Man habe sich geeinigt, erst einmal nicht über mögliche Nachfolger des Labour-Chefs zu sprechen, sagte er. Daran werde er sich halten. Wenn die kurze Trauerphase bei Labour vorbei ist, so ist anzunehmen, wird er nicht der einzige sein, der antreten wird im nächsten Machtkampf in Westminster.