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NAHOST: Ägypten bricht Kontakte zu Israel ab

Israel hat entgegen internationaler Appelle seine Militäroffensive im Westjordanland ausgeweitet. Ägypten bricht offizielle Kontakte zu Israel ab.

Israel hat entgegen internationaler Appelle seine Militäroffensive im Westjordanland ausgeweitet und fast alle Autonomiestädte unter seine Kontrolle gebracht. Truppen besetzten am Mittwoch auch die Stadt Dschenin. Israel ist nach den Worten seines UN-Botschafters Jehuda Lancry derzeit nicht bereit, der Forderung des UN-Sicherheitsrates zu folgen und seine Truppen aus den Palästinenserstädten zurückzuziehen. Die spanische EU-Ratspräsidentschaft berief für den Abend die EU-Außenminister zu einer Sondersitzung in Luxemburg ein. Zuvor hatte der EU-Ratsvorsitzende José María Aznar ein 90-minütiges Telefonat mit dem israelischen Regierungschef Ariel Scharon geführt. Einzelheiten wurden nicht bekannt. Ägypten fror am Mittwoch seine Kontakte zu Israel ein.

Heftige Kämpfe in Dschenin

Bei heftigen Kämpfen in Dschenin und in dem ebenfalls besetzten Ort Salfit wurden mindestens acht Palästinenser getötet, unter ihnen eine 30-jährige Ärztin, die ins Kreuzfeuer geraten war. An den Kämpfen beteiligten sich nach übereinstimmenden Angaben Hunderte von bewaffneten Palästinensern. Israel setzte Panzer und Kampfhubschrauber ein. Ein Soldat sei schwer verwundet worden, teilte die Armee mit.

EU halt an Freihandelsabkommen fest

EU-Kommissionspräsident Romano Prodi hält trotz der Eskalation der Gewalt an dem EU-Freihandelsabkommen mit Israel fest. »Dies ist ein Instrument des Dialogs. Wir wollen nicht, dass es als Mittel des Drucks und der Erpressung genutzt wird«, sagte Prodi in Brüssel. Das Assoziationsabkommen aus dem Jahr 2000 sichert den freien Handel von Industrieprodukten zwischen Israel und der EU ab. Prodi forderte vor Beginn des Sondertreffens einen »Runden Tisch« wichtiger internationaler Politiker: Die USA, die EU, die UN, die »gemäßigten arabischen Staaten«, Russland, Israel und die Palästinenser müssten zusammen beraten. Die Araberliga will am Samstag in Kairo tagen.

Ägypten, das seit Jahren eine wichtige Vermittlerrolle im Nahost-Konflikt einnimmt, fror am Mittwoch nach Angaben seines Informationsministeriums die Kontakte zu Israel ein. Zuvor hatte der ägyptische Präsident Husni Mubarak den US-Präsidenten George W. Bush vor gefährlichen politischen Konsequenzen der »unzivilisierten israelischen Kampagne« für die gesamte Nahost-Region gewarnt. Bush müsse sofort eingreifen, um das Vordringen der israelischen Armee in immer mehr palästinensische Autonomiestädte zu stoppen. Erneut kam es am Mittwoch in Ägypten zu anti-israelischen Großdemonstrationen.

Israel »nicht bereit, UN-Forderung zu folgen«

Israel ist nach Worten seines UN-Botschafters derzeit nicht bereit, der Forderung des UN-Sicherheitsrates zu folgen und seine Truppen aus den Palästinenserstädten zurückzuziehen. Erst müsse Israel die Infrastruktur der Terroristen beseitigen und »ein deutliches Zeichen« für die Bereitschaft zur Waffenruhe bei den Palästinensern sehen, sagte der israelische Botschafter, Jehuda Lancry, in New York. Zuvor hatten ihn die 15 Mitglieder des Sicherheitsrates zu einem »persönlichen Gespräch« gebeten und darauf gedrungen, dass Israel der am Ostersamstag verabschiedeten Resolution 1402 Folge leistet und seine Truppen aus den Palästinensergebieten zurückruft.

Blutvergießen in Bethlehem

In Bethlehem, wo sich in der Nacht zum Dienstag bis zu 150 Palästinenser in der berühmten Geburtskirche verschanzt hatten, wurden zwei bewaffnete Männer von Soldaten erschossen. Augenzeugen berichteten ferner von vier toten Palästinensern, die auf dem Gelände neben der Kirche lagen, unter der nach der Überlieferung die Geburtsgrotte Jesu liegt. In der offiziellen vatikanischen Tageszeitung »Osservatore Romano« wurde das Vorgehen Israels gegen die Palästinenser scharf kritisiert. Es seien diplomatische Schritte als Reaktion auf die Kämpfe in Bethlehem unternommen worden. Das Heilige Land sei täglich das »Opfer einer Aggression, die zur Vernichtung wird«, schrieb das Blatt.

Aus der palästinensischen Verwaltungsstadt Ramallah wurden keine neuen Zwischenfälle gemeldet. Hier hielt die Armee den dichten Belagerungsring um das Amtsgebäude von Palästinenserführer Jassir Arafat auch sechs Tage nach Beginn der »Operation Schutzwall« geschlossen. Die im Hauptquartier festsitzenden Friedensaktivisten aus Deutschland können das Gebäude »jederzeit und unversehrt« verlassen, falls sie dies wünschen, teilte das Außenministerium in Berlin mit. Einwohner Ramallahs berichteten, die Versorgungslage habe sich weiter verschlechtert.

Wird Nablus als nächstes besetzt

Zahlreiche israelische Panzer verstärkten nach palästinensischen Angaben den Belagerungsring um die Stadt Nablus. Die Bewohner befürchten, dass auch diese Stadt in den nächsten Tagen besetzt wird. Neben Nablus stehen die israelischen Truppen nur noch in Hebron und Jericho außerhalb der Stadtgrenzen.