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Nahost-Konflikt: Um Haaresbreite dem Tod entronnen

Noch ist der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas brüchig, die Eindrücke vom Krieg im Gaza-Streifen sind noch frisch. Doch dass selbst Opfer von äußerster Gewalt im Nahost-Konflikt für Frieden und Verständigung sein können, zeigt eine junge Frau aus Jerusalem.

Von Thomas Krause

Wer Daniella Birman begegnet, ahnt auf den ersten Blick nichts von den wohl schlimmsten Momenten ihres Lebens. Am Tag, an dem sie sterben sollte, ist sie gerade einmal 14 Jahre alt. Mit zwei Freundinnen geht sie an diesem Nachmittag im September 1997 nach der Schule die Ben Yehuda-Straße herunter. Sie ist auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk. Die Straße im Westen Jerusalems ist eine sehr belebte Einkaufsstraße, die sich einen Hügel hinunterstreckt. Kleine Geschäfte und Cafés säumen die Straße. Gegen 15 Uhr strömen die Schüler einer nahe gelegenen Schule die Straße herab. Sie haben Schulschluss und sind auf dem Weg nachhause oder wollen noch mit ihren Klassenkameraden etwas unternehmen. Sie bemerken nicht die drei jungen Palästinenser, die sich am unteren Ende der Straße unter die Passanten und Schüler gemischt haben.

Die Männer haben sich im Abstand von fünfzig Metern zueinander in der Einkaufsstraße postiert. Als der erste Attentäter seine Bombe zündet, erschüttert die Detonation die umliegenden Straßenzüge. Nägel fliegen durch die Luft. Sie treffen die umstehenden Passanten, die blutend zusammensacken. Schaufenster bersten. Bevor sich die Verwirrung legt, zündet 20 Sekunden später der zweite Attentäter seine Bombe. Auch sie ist mit Nägeln gespickt und verletzt auch Menschen, die den ersten Opfern zu Hilfe eilen. Wenige Sekunden später detoniert der dritte Sprengsatz. Außer den Attentätern sterben vier Menschen, über 150 Israelis liegen in ihrem eigenen Blut auf der Straße. Auch Daniella Birman ist schwer verletzt: Sie hat großflächige Verbrennungen und von Bombensplittern zerschmetterte Knie. Ihre beiden Freundinnen sind ums Leben gekommen, Tischdecken bedecken ihre Leichen.

"Es wurde viel Unheil angerichtet"

Inzwischen ist Daniella Birman eine große junge Frau mit auffallend kräftigen, dunkelblond gelockten Haaren und einem verschmitzten Lächeln. Ihre wachen Augen mustern den Gesprächspartner, während ihre Zungenspitze schon hinter den Schneidezähnen zu lauern scheint, um schnell die nächste Antwort zu geben oder einen Einwand zu formulieren. "Auf beiden Seiten des Nahost-Konflikts wurde viel Unheil angerichtet und viel Leid erlebt", sagt sie. Und so erzählt sie ohne Groll auf die Täter zu äußern von der Leidenszeit, die sie in den Monaten nach dem Attentat durchlebte und die auch heute noch ihre Spuren hinterlassen haben.

Zehn Monate lang hat sie nach den Selbstmordattentaten in Krankenhäusern verbracht. "Zehn Monate lang wurde ich immer wieder operiert", sagt Birman. Wie viele Operationen es genau waren, daran kann sie sich nicht mehr erinnern. Es waren Operationen, mit denen ihre Knie so weit wie möglich wieder in Ordnung gebracht wurden. Und vor allem: Operationen, mit denen ihre schweren Verbrennungen geheilt wurden, indem nicht verbrannte Haut von ihrem Rücken an die betroffenen Stellen transplantiert wurden. Vielleicht waren es auch elf Monate, die sie in Krankenhäusern verbrachte. So genau weiß Daniella auch das nicht mehr.

Fehler bei einer Operation

Denn bei einer der Operationen haben die Ärzte einen Fehler gemacht. Bei welcher genau es passierte, kann sie nicht sagen. Jedenfalls wurde sie kurzzeitig nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Seitdem hat die junge Frau Probleme mit ihrem Gedächtnis und spricht langsam. Jeden Tag wird sie so an jenen Nachmittag im September 1997 erinnert, an dem sich ihr Leben für immer veränderte.

Eine weitere Veränderung im Leben der Daniella Birman brauchte noch einige Jahre. Erst, als sie schon ein Jahr an der Hebräischen Universität Jerusalem Theaterwissenschaften studiert hatte, kam sie mit Mitgliedern von Meretz in Kontakt. Die sozialdemokratische israelische Partei setzt sich für den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern sowie eine Zwei-Staaten-Lösung ein, um den Nahost-Konflikt zu lösen. "Ich merkte sofort, dass sie vollkommen recht haben und nur so dem Konflikt ein Ende gemacht werden kann", sagt Birman. Eine Erkenntnis, die nicht für jedes Anschlagsopfer selbstverständlich ist. Denn Birman erzählt auch, dass kurz nach dem Attentat in der Ben Yehuda-Straße rechte Israelis Kontakt zu ihren Eltern gesucht hatten, um herauszufinden, ob Familie Birman sich nicht politisch für die Hardliner engagieren möchte.

Eltern von Opfern berichten von ihrem Leid

Die Birmans entschieden sich gegen diesen Weg - genauso wie die Eltern von Rami Elhanan, eine der beiden Freundinnen, die bei dem Anschlag ums Leben kamen. Schon vor dem Attentat war Nurit Peled-Elhanan, Ramis Mutter, eine bekannte israelische Friedensaktivistin. Nach dem Anschlag, der ihre Tochter das Leben kostete, gab sie die Schuld der israelischen Unterdrückung der Palästinenser: "Meine kleine Tochter wurde ermordet, weil sie Israelin war und zwar von einem jungen Mann, der so hoffnungslos war, dass er zu Selbstmord, Mord und Unmenschlichkeit bereit war. Und das, weil er erniedrigt und unterdrückt wurde, nur weil er Palästinenser war", sagte sie in einer Rede. Mit anderen Eltern gründete Peled-Elhanan einen Verein, in dem Eltern von Opfern auf beiden Seiten Veranstaltungen organisieren, auf denen sie von ihrem Leid berichten und sagen, warum sie dennoch für die Aussöhnung von Israelis und Palästinensern sind.

Nicht nur in ihren politischen Zielen steht Birman auch Jahre nach dem Anschlag der Familie ihrer Freundin Rami nahe. Sie denkt oft auch an die damals Dreizehnjährige, weil Rami eine Kurzhaarfrisur hatte und versuchte, auch Daniella von kurzen Haaren zu überzeugen. "Doch ich wollte mich nicht von meinen langen Haaren trennen", sagt sie. Eine Entscheidung, die ihr - so glaubt Daniella heute - wahrscheinlich das Leben gerettet hat: "Meine Haare sind so dick gewesen, dass sie meinen Rücken vor Verbrennungen und Verletzungen geschützt haben. So konnten die Ärzte mit gesunder Haut von meinem Rücken die verbrannten Hautstellen ersetzen", sagt Birman. Wäre das nicht so gewesen, hätte sie wohl nicht überlebt. Und so trägt sie auch heute noch ihre Haare so lang, dass ihre Locken über den ganzen Rücken fallen.

"Ich hoffe, der Frieden kommt bald"

Auch ihren Überzeugungen bleibt die Israelin treu - selbst in Anbetracht des dreiwöchigen Gaza-Feldzuges der israelischen Armee. "Die Armee musste in den Gaza-Streifen einmarschieren, damit die Terrororganisation Hamas nicht noch stärker wird", sagt Birman. Allerdings habe der Krieg auch gezeigt, wie leichtfertig im Nahen Osten mit menschlichem Leben umgegangen werde - und wie schnell ein Krieg beginnen könne. "Trotzdem habe ich noch immer Hoffnung, dass eines Tages Frieden herrschen wird", sagt Birman. "Ich hoffe nur, er kommt bald."