HOME

Türkei: Banu Güven - eine mutige Journalistin

Sie kämpft für das freie Wort und lässt sich nicht einschüchtern. Nun wird Banu Güven mit dem Sonderpreis des Nannen Preises ausgezeichnet.

Von Raphael Geiger

Banu Güven, 47, vor dem Justizpalast in Istanbul.

Banu Güven, 47, vor dem Justizpalast in Istanbul. Sie arbeitet heute mit Smartphone und versendet ihre Beiträge über soziale Medien.

Sie hätte sich anders entscheiden können, oft, schon damals, als sie eine kurdische Politikerin in ihre Sendung einladen wollte, kurz vor einer Parlamentswahl.

Sie wusste, dass die Politikerin auf der Liste der Menschen stand, die nicht im Fernsehen auftreten sollten. 2011 war das, sie hätte jemand anderen einladen können, einen Kompromiss machen und ihren Job retten. Sie hätte sich sagen können: Banu, zerstör nicht deine Karriere. Banu, du allein wirst die Pressefreiheit nicht retten. Aber das sagte Banu Güven nicht, sie sagte: "Da mache ich nicht mit."

Sie war Anfang 40, eines der bekanntesten Gesichter im türkischen Fernsehen, jeden Abend ging sie auf dem privaten Nachrichtensender NTV auf Sendung. Es muss tief in ihr drin gewesen sein, dass Zensur ihr widerspricht; sie wusste, sie warf ihr Leben weg, als sie da ihren Vorgesetzten gegenübersaß und sagte: "Wenn ich sie nicht einladen darf, dann mache ich eben nicht weiter."

Heute, sechs Jahre später, fährt sie mal wieder zum Justizpalast von Istanbul, sie will berichten. Wasserwerfer stehen vor dem Eingang, es findet eine Anhörung statt im Fall von Berkin Elvan, einem Jungen, der während der Gezi-Proteste erschossen wurde.

Sie ist jetzt 47 und seit 30 Jahren Journalistin. Vergangenes Jahr hat sie noch einmal ihren Job verloren, diesmal zusammen mit allen ihren Kollegen. Der Sender, bei dem sie arbeitete, IMC TV, eine Art Stimme der Opposition, wurde geschlossen. Seitdem macht sie in den sozialen Netzwerken weiter. Ihre Plattform, "habersizsiniz" – ihr seid ohne Nachrichten – erklärt den Türken, was ihnen die Presse nicht mehr sagen darf. Sie hat keinen Sender mehr, keinen Verlag, sie hat nur noch ihr Handy und im Rucksack ein Stativ.

"Manchmal bin ich sehr müde, aber ich kann nicht einschlafen"

"Berkin Elvan wird niemals sterben", rufen ein paar Männer vor dem Gericht, sie halten ein Banner hoch; es dauert zwei Minuten, bis Polizisten die Männer zu Boden werfen und abführen. Eine kleine Demonstration, friedlich, harmlos, bedeutungslos, in dieser Türkei genug für eine Festnahme. Banu Güven nimmt ihr Handy in die Hand und läuft hin zu den Polizisten, sie hat zwei Millionen Follower auf Twitter, sie kann Öffentlichkeit herstellen.

Seit ihr damals gekündigt wurde, ist fast die ganze unabhängige Presse verschwunden, mehr als 150 Journalisten sitzen im Gefängnis. Güven zählt ihre Freunde, die im Moment hinter Gittern sind, sind es 11, 12, 13? Es müssen mehr als 20 sein. "Manchmal", sagt sie, "bin ich sehr müde, aber ich kann nicht einschlafen."

Nachts wacht sie auf, wenn sie den Aufzug in ihrem Haus hochfahren hört, sie stellt sich dann vor, dass es gleich gegen die Tür hämmert und es vorbei ist. Sie denkt dann an Freunde, die das Land verlassen haben, irgendwohin, an einen geheimen Ort. Menschen, deren Verbrechen es war, zu schreiben.


Im Oktober vergangenen Jahres zeigte ihr damaliger Sender, IMC TV, zwei Szenen, beide live. Ihr Arbeitgeber war der letzte Sender, der offen über den türkischen Südosten berichtete. Also auch über Erdogans Kampf gegen die Kurden.

Es war der letzte Tag von IMC TV. Die eine Kamera zeigte Banu Güven, die mit ihren Kollegen im Studio protestierte. Die andere Kamera zeigte den Regieraum, in dem die Polizisten dabei waren, den Sender abzuschalten. Irgendwann wurde das Bild schwarz. Tumulte im Regieraum, Lärm bis zur letzten Sekunde, wenigstens sollte das Ende nicht leise sein.

Danach hat sie lange nachgedacht. Weitermachen? Wie? Ihre Mutter lag ihr in den Ohren, sie solle auf sich aufpassen. Nach dem PKK-Anschlag im Dezember in Istanbul vermied sie das Wort Märtyrer. Die Toten, fand sie, waren Opfer. Ein Shitstorm brach gegen sie los. Es dauert eine Sekunde, und man ist das Ziel der Erdogan-Massen, und wer sagt einem, dass nicht einer seine Drohung wahr macht?

"Wir haben schon viel erlebt in diesem Land. Wir wurden erschossen auf der Straße", sagt sie.

Ehrung mit Sonderpreis des Nannenpreises

Gerade, zwei Nächte vorher, hat sie von Hrant Dink geträumt. Dink war Herausgeber der türkisch-armenischen Zeitung "Agos". 2006 bekam er den Henri Nannen Preis für "besonders engagiertes Eintreten für die Unabhängigkeit der Presse", ein Jahr vor seiner Ermordung.

Banu Güven schaute sich damals ein Video der Preisverleihung an, sie erinnert sich, wie Dink die Henri-Nannen-Büste auf der Bühne vergaß und zurückkommen musste. Sie lachte damals. "Hrant", sagt sie, "war so ein netter Kerl." Bis heute trifft sie sich manchmal mit seiner Familie.

Sie hat als Erstes an ihn gedacht, als sie erfuhr, dass sie, elf Jahre später, eine Auszeichnung erhält. stern-Chefredakteur Christian Krug verleiht ihr diesen Donnerstag den Sonderpreis des Nannen Preises in Hamburg.

Danach wird sie zurückfliegen in die Türkei, weitermachen. Vielleicht gehört sie einfach nicht zu den Menschen, die unter Druck zusammenbrechen, die irgendwann nicht mehr können.

Banu Güven und ihre Kollegen stehen unter dem Druck eines diktatorischen Präsidenten, sie haben jede Nacht Angst, dass er sie abholen lassen könnte. Es ist so nah. Aber diese Menschen, scheint es, macht das Unrecht nur stärker.