Nato-Gipfel Obama auf Partnersuche


Die US-Regierung unter Barack Obama will eine Totalreform der Nato. Damit verbunden ist natürlich mehr Engagement in Afghanistan. Doch statt direkt um mehr Soldaten zu bitten, versucht es der US-Präsident mit einer stärkeren strategischen Einbindung. Letztlich wird es aber trotzdem Obamas Krieg bleiben.
Von Katja Gloger

Ach, wie nett es bei der Nato so zugeht. Freundschaftsgesten, hehre Worte. Frühlingslächeln. Schöne Frauen wie Michelle Obama und Carla Bruni herzen einander. Jubelnde Zuschauer, und zum Auftakt am Abend greift Anne Sophie Mutter im Kurhaus zur Geige. Ein wenig Erleichterung macht sich breit. Nach dem mühsamen Ringen um Kompromisse, den Krächen der G-20 in London soll der Nato-Gipfel rund laufen, Harmonie und Entschlossenheit gezeigt werden. 60 Jahre Nato - ein historisches Freudenfest. Schließlich tritt sogar das als Mafia-Staat verschriene Albanien dem Bündnis bei.

Am liebsten würde man an diesem Wochenende diese verdammte Sinnfrage erst gar nicht stellen. 60 Jahre Nato - eine Erfolgsstory! 40 Jahre davon hatte es das Wirtschaftswunder im Westen gegen den bösen, roten Osten geschützt. Zwar eiert man nun seit 20 Jahren auf der Suche nach einer neuen Mission herum (Einsatz im Kosovo? Aufnahme Georgiens?, Verteidigung der Menschenrechte?) - doch wenigstens kehrt la Grande Nation Frankreich jetzt in die Arme der Allianz zurück.

Und schon wieder sind die Amerikaner die Spaßbremse. Als "Party Pooper" fungiert ausgerechnet jemand, der es wirklich weiß. Jim Jones, ein General, ehemaliger Nato-Oberkommandierender. Jetzt ist General James Jones der Sicherheitsberater von US-Präsident Obama, einer seiner wichtigsten Berater. Und weil der General ein Mann von besten Manieren und der Disziplin eines ehemaligen Marines ist und außerdem niemandem auf die Füße treten darf, formuliert er Amerikas Anspruch und Kritik verhalten und höflich: man brauche eine "neue Nato", eine "neue strategische Vision," das Militärbündnis eine "Überholung und Modernisierung". Also: eine Totalreform.

Deutlicher kann General Jones nicht formulieren, dass Amerika mehr will von seinen Alliierten, mehr Engagement in Afghanistan erwartet. Bush hatte erfolglos gedrängelt, Obama versucht es mit Schweigen. Man werde seine Freunde nicht um etwas bitten, was die Freunde nicht geben könnten, so hatte es US-Vizepräsident Joe Biden im Februar dem deutschen Außenminister Steinmeier versprochen. Im Klartext: man werde die Deutschen nicht um mehr Truppen für Afghanistan bitten. Denn ein Nein will sich Obama nicht einfangen. Man schweigt, so Karen Donfried, die besonnene Vize-Direktorin des German Marshall Fund in Washington. "Und das ist nun wirklich ein Alarmzeichen."

An ihr Versprechen haben sich die USA bislang gehalten. Ganz multilateral haben sie ihre Verbündeten gar um Mitarbeit an der neuen Afghanistan-Strategie gebeten. Als Außenminister Steinmeier unlängst in Washington weilte, ging er auch im Büro von Sicherheitsberater Jones vorbei. Der zeigte ihm drei dicke Stapel Papier - drei Strategieentwürfe. Er müsse jetzt einen daraus zimmern. Hilfe willkommen.

Es geht um die Verantwortung des Westens

Und dieser Krieg ist jetzt Obamas Krieg. Er weiß, er kann ihn nicht gewinnen. Doch er muss diesen Krieg solange führen, bis er seine Truppen ehrenvoll abziehen kann. Und in aller Höflichkeit, in aller Freundschaft mahnt er in Strassburg: "Wir waren manchmal arrogant, herablassend, gar hämisch", sagt er. "Wir suchen Partner. Wir verändern uns. Aber auch Europa muss sich ändern. Es handelt sich nicht um eine amerikanische Mission. Es ist ein internationaler Einsatz." Und er sagte auch: Das Risiko eines Al-Kaida-Anschlages sei in Europa größer als in den USA.

Man nimmt, was man von den Europäern kriegen kann. Zusätzliche Truppen zur Sicherung der Wahlen in Afghanistan, Fachleute zur Ausbildung von 140.000 Polizisten und bis zu 220.000 Soldaten - eine Säule der neuen Strategie. Wunderbar, dieser multilaterale Ansatz, loben die Europäer, endlich werde ihre Arbeit am Hindukusch auch von den USA gewürdigt. Sie nennen es Arbeitsteilung. So schickt Belgien 35 zusätzliche Soldaten, die stolzen Spanier sind mit zwölf weiteren Soldaten zur Armeeausbildung dabei.

Doch die Soldaten im Kampf gegen vermeintliche und echte Taliban und Al-Kaida, die heißen Jim und Bob und Jose und kommen aus den USA. 30.000 zusätzliche US-Truppen werden in den kommenden sechs Monaten Richtung Hindukusch in Marsch gesetzt. 10.000 weitere GIs sollen nach dem Willen des Oberkommandierenden General Petraeus im kommenden Jahr folgen. Dann stünden mehr als 20mal so viele US- wie deutsche Soldaten in Afghanistan. Gerne lästert man in Washington über die ewig zögernden Europäer. Die verstünden unter dem Einsatz-Kürzel "Isaf" wohl nur "I saw America fight". Ich habe Amerika kämpfen gesehen.

Im kommenden Jahr werden die USA das Oberkommando im gefährlichen Süden übernehmen, sie werden das Oberkommando im gefährlichen Osten behalten, sie werden Einsätze auf pakistanischem Staatsgebiet wagen. Im Grunde wiederholt man Amerikas Strategie im Irak. Mehr Truppen für die Sicherheit der Bevölkerung, Geld und Personal für den Wiederaufbau, Verhandlungen mit moderaten Gruppen, gerne auch viel Bargeld, am liebsten Dollar. Im Irak hieß diese Strategie "surge", Truppenaufstockung. Dieses Wort soll es zwar jetzt nicht mehr geben, eine Weisung aus dem Weißen Haus. Jetzt heißt es "Afpak Strategy" - "Strategie für Afghanistan/Pakistan".

Ob Afpak oder surge - dieser Krieg ist nun Obamas Krieg

Gut möglich, dass man diese Amerikanisierung in einigen europäischen Hauptstädten sogar ganz gerne sieht. Afghanistan als Krieg der USA. Liefert dies nicht einen wunderbaren Vorwand, sich aus Afghanistan zurückzuziehen?


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