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Neues Woodward-Buch: "Er hat nicht die Wahrheit gesagt"

In seinem neuen Buch rechnet US-Starjournalist Bob Woodward mit George W. Bush ab. Er beschreibt, wie der Präsident und seine Mannschaft die grausige Realität des Irak-Krieges immer mehr verleugnen - und dem Wahlvolk zugleich einen Sieg vorgaukeln.

Von Katja Gloger, Washington

An einem Montag im August, gerade mal zwei Monate ist es her, da hatte Präsident George W. Bush Gäste zum Mittagessen. Man wollte über den Irak diskutieren. Die Berater des Präsidenten hatten eigens Teilnehmer von außen eingeladen und sie ausdrücklich ermuntert, auch Kritisches zu erwähnen. Dem Präsidenten sollte wohl auch eine Portion wahres Leben serviert werden. Man sprach über eine Demonstration in Bagdad. Dort seien 10.000 Menschen gegen die Amerikaner auf die Straße gegangen. Erstaunte Teilnehmer erinnerten später, Präsident Bush habe mit völligem Unverständnis, gar ärgerlich auf diese Nachricht reagiert.

Als ob er es nicht wahrhaben wolle.

Als ob der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika die grausige Realität im Irak einfach verleugne. "State of denial" heißt dieser Zustand auf Englisch. Und so heißt auch das jüngste Buch des US-Journalisten Bob Woodward, das zurzeit in Washington Furore macht. Auf 560 Seiten berichtet es aus dem Innenleben des Weißen Hauses in den Zeiten des Krieges.

Der Superstar packt aus

Eigentlich wäre dies nichts Besonderes. Mittlerweile beschreiben viele Bücher die Katastrophe im Irak, das Scheitern der US-Außenpolitik: zu wenig Soldaten, keinerlei Nachkriegsplanung, Korruption und Desaster beim Wiederaufbau, dazu der wachsende Realitätsverlust im White House, die Propaganda, die "Kabale" im Weißen Haus. Es sind gute Bücher, sie stehen auf den Bestseller-Listen, sie tragen Titel wie "Das Tor der Attentäter" oder "Hybris" oder schlicht "Fiasko.".

Doch "State of denial" stammt von Bob Woodward, und was er schreibt, ist quasi amtlich. Denn Woodward ist nun einmal der Superstar des US-Journalismus, seit er vor gut 30 Jahren den Watergate-Skandal enthüllte. Und das ist er sicher auch, weil er weiß, wie man sich gut verkauft. Mit einem PR-Tsunami brach sein Buch jetzt über Amerika - Startauflage 825.000.

Es ist sein drittes Werk über "Bush im Krieg" - doch jetzt bezieht er zum ersten Mal wirklich Position. Hatte er doch in den beiden vorangegangen Bestsellern so neutral die Ereignisse im Weißen Haus nachgezeichnet, das ihn böse Zungen schon als "Stenographen" der Bush-Regierung bezeichneten. Stets hatte Woodward exklusiven Zugang zum Weißen Haus. Bush hatte ihm lange Interviews gewährt, ihn gar persönlich ermuntert, zu schreiben. Für dieses Buch aber stand der Präsident nicht mehr zur Verfügung. Denn dieses Buch ist, wenn man so will, die nunmehr offizielle Abrechnung mit dem Kriegspräsidenten Bush. Und das macht es so gefährlich.

Ein Schocker aus Zuckerwatte

Denn es kommt zu verdammt unpassender Zeit. Die wichtigen Kongresswahlen stehen kurz bevor, die oppositionellen Demokraten wittern Morgenluft. Die Umfragwerte des Präsidenten wackeln, das Volk lässt sich den Irak-Krieg nicht mehr so schön reden. Gerade haben US-Generäle öffentlich vor dem eskalierenden Bürgerkrieg im Irak gewarnt. Dann wurden auch noch Teile der sonst so hochgeheimen Lageeinschätzung der Geheimdienste bekannt. Mit dem Krieg im Irak steige die Gefahr neuer Terroranschläge in Amerika, heißt es darin ebenso knapp wie vernichtend. Und jetzt auch noch Woodward. Das Weiße Haus versucht Schadensbegrenzung. Das Buch beruhe doch nur auf "Mythen", heißt es, es sei wie "Zuckerwatte, die bei Berührung schmilzt."

Aber so einfach ist es nicht. Denn für sein Buch führte Woodward 300 Interviews. Seine Recherchen zeichnen das Bild eines Präsidenten und seiner Getreuen, die sich immer weiter von der Realität entfernen. Und dem Wahlvolk gleichzeitig vormachen, alles werde gut.

Mehr als 100 Angriffe auf amerikanische Truppen zähle man jetzt - und zwar jeden Tag. "Es ist die Strategie der Verleugnung", schreibt Woodward. "Es gab keine Strategie für den Irak. Präsident Bush hat dem amerikanischen Volk nicht die Wahrheit über den Irak gesagt."

Seniors Sorgen

Und er beschreibt, wie Bushs Vater schlaflose Nächte hat, als sein Sohn entscheidet, gegen Saddam in den Krieg zu ziehen, um in einem gewaltigen Schlag die Landkarte des Nahen Ostens zu verändern. Doch der Senior dringt nicht durch, das Verhältnis der beiden ist nicht gut. "Ich will nicht so sein wie mein Vater, ich will sein wie Ronald Reagan", sagte Bush junior einmal. Und deswegen macht er wohl auch Donald Rumsfeld zum Verteidigungsminister. Den konnte sein Vater nämlich noch nie leiden.

Woodward beschreibt, wie sich dieser Verteidigungsminister weigert, Anrufe der damaligen Nationalen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice überhaupt zu beantworten. Erst als sich "Condi" beim Präsidenten beschwert und der interveniert, lenkt der Mann im Pentagon ein.

Und eiskalt reagiert Rumsfeld, als ihn der damalige Irak-Beauftragter Jay Garner bereits im Herbst 2003 auf " schreckliche Fehler" im Irak aufmerksam macht. "Wir gehen nicht zurück", entscheidet er, erklärt die Angelegenheit für beendet. Da warnen Generäle vor dem Bürgerkrieg, vor dem wachsenden Aufstand, vor dem Chaos, fordern Zehntausende Soldaten mehr für den Irak. Sie werden nicht gehört, abgebürstet, zusammengebrüllt. Sie gehorchen. Einmal warnen ihn hohe Militärs vor dem wachsenden Aufstand im Irak. Da muss Rumsfeld in einem Lexikon nachsehen, was das Wort "Aufstand" militärisch bedeutet. Er habe alle Glaubwürdigkeit verloren, sagt der Oberbehlshaber der Truppen im Irak, General John Abizaid. Das sagt er Freunden. Nie öffentlich.

Gummi- oder Samthandschuhe?

Wie maßlos dieser Mann ist, wie sehr Zyniker der Macht, macht selbst einen seiner engsten Vertrauten fassungslos: "Unentschlossen, ganz im Gegensatz zum Image", schreibt er. "Will nicht akzeptieren, dass Andere klüger sein können als er. Ist sehr, sehr vorsichtig. Gummi-Handschuh-Syndrom - die Tendenz, keinerlei Fingerabdrücke auf Entscheidungen zu hinterlassen." Doch Bush hält an Rumsfeld fest. Obwohl er ihn selbst einmal als "arrogant, zu selbstsicher und machtbesessen" bezeichnet - Rumsfeld ist sein Mann, basta, es scheint fast egal, was der Mann anrichtet.

Im Weißen Haus macht sich First Lady Laura Bush Sorgen um das miserable Image ihres Gatten. Sie will, dass Rumsfeld gefeuert wird. Doch sie kann sich nicht durchsetzen, ebenso wenig wie Bushs langjähriger Stabschef Andrew Card, der Rumsfelds Entlassung gar zweimal fordert.

Und der mächtige Vizepräsident Richard Cheney? Er verliert, so Woodward, immer mehr den Bezug zur Realität. Bunkert sich ein, lässt sich beraten von seiner Frau und seiner Tochter, die ihm einreden, alles sei gut. Einmal im Monat erhält er Besuch vom großen, alten Staatsmann Henry Kissinger. Der sieht Irak als eine Art Fortsetzung von Vietnam, damals, als er selbst Außenminister war. Die einzige Strategie sei der "Sieg", rät Kissinger, an Truppenabzug aus dem Irak sei gar nicht zu denken. Er befürworte den Irak-Krieg: " Afghanistan war nicht genug. Der radikale Islam will uns demütigen. Und wir müssen sie demütigen." Kissinger trifft auch Präsident Bush. "Er ist fast wie ein Familienmitglied", sagt Woodward.

Still halten, stramm stehen

Und auf diesen Sieg um jeden Preis setzen sie, aller Realität zum Trotz. Diesen Sieg verkaufen sie dem Volk, allen Mahnungen zum Trotz. Aber - und auch das gehört zur Lüge dieser Präsidentschaft - niemand macht seinen Protest öffentlich, seine Zweifel, die schrecklichen Zahlen. Niemand tritt zurück. Weder CIA-Chef George Tenet noch Außenminister Colin Powell - der Ex-General hält sogar bis zum demütigenden Ende durch, als er von Bush faktisch entlassen wird. Sie murren, sie mahnen, sie schreiben Aktenvermerke. Doch sie alle halten still. Denn das Land steht im Krieg. Wahlen sollen gewonnen werden. Da liefert man keine schlechten Nachrichten. Man hält sich alle Optionen offen. Man sagt: "Wir gewinnen den Krieg nicht. Aber wir verlieren den Krieg auch nicht."

Und man könnte durchaus einige Fragen an Condoleezza Rice stellen. An die Frau, die offenbar gerne hört, wenn man sie "Krieger-Prinzessin" nennt. Die ihr Ohr stets nah an der Macht hat. Ganz nah am Präsidenten. Am 10. Juli 2001, schreibt Woodward, drei Monate vor den Terroranschlägen, erhielt die damalige Nationale Sicherheitsberaterin einen Anruf von CIA-Chef George Tenet. Man müsse reden, sofort. Eine dringende Angelegenheit.

Russisches Roulette

Was Rice dann von Tenet und seinem erfahrenen Anti-Terror-Chef Cofer Black zu hören bekommt, hätte sie eigentlich in höchste Alarmbereitschaft versetzen müssen. Man habe "intelligence", abgehörte Telefonate von al Kaida-Mitgliedern und E-Mails, es werden immer mehr, mahnt Tenet. Darin rede man von der "Stunde Null". Tenet und Black warnen vor einem Terroranschlag von Osama bin Laden. "Die Gefahr ist real." Man müsse dringend etwas unternehmen, fordern sie. Sie hoffen, Rice kann den Präsidenten überzeugen. Sie wissen, Condoleezza Rice kann bei Bush Gehör finden.

Doch "Condi" bleibt höflich, so wie sie immer höflich bleibt, doch sie lehnt ab. Er habe das Gefühl, sie habe nicht verstanden, um was es wirklich ging, würde George Tenet später sagen. Sein Vize Cofer Black wurde noch deutlicher: "Wir hielten ihr die Pistole doch schon an den Kopf. Hätten wir etwa abdrücken sollen?"

Irak? Ein wunderbares Land

Die "Krieger-Prinzessin" war eine von nur zwei Beratern, die der Präsident um ihre Meinung fragte, bevor er im Herbst 2001 seine Entscheidung für den Irak-Krieg fällte. Und sie wusste früh von den Mahnungen, den Warnungen, sie las die geheimen Memos - auch den Bericht ihres Vertrauten Philipp Zelikow, der erschüttert von einer Reise nach Bagdad zurückkehrte: "Der Irak ist ein gescheiterter Staat", lautete sein vernichtendes Urteil. Und trotzdem redete auch sie offenbar alles schön, verbreitete Optimismus. Ließ den Präsidenten hören, was er hören wollte. Sie wurde Außenministerin. Noch im vergangenen Jahr kam sie aus Bagdad zurück, aus dem Epizentrum des Aufstandes gegen die USA, gegen ihre Politik. Sie rief den Präsidenten an. Sie sagte: "Mr. President, der Irak wird ein wunderbares Land."

Und Mr. President? Er macht Wahlkampf. Er redet über den Krieg gegen den Terror, die Strategie des Sieges. Er redet die Welt schön. Steht stramm, im Zweifel gegen die ganze Welt, er fühlt sich ja von Gott berufen. Wenn man über die Gefahren im Irak spricht, tut er das als "Feindpropaganda" ab. "Wir werden nicht abziehen" sagt er. "Auch wenn nur noch Laura und Barney zu mir halten sollten." Laura, seine Frau. Und Barney, der Hund.