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Drohnen-Angriff: Wie Venezuelas Präsident Maduro von dem vermeintlichen Anschlag profitiert

Nach dem mysteriösen Attentat inszeniert sich Venezuelas Präsident als Opfer einer internationalen Verschwörung. Doch egal, wer die Drahtzieher sind: Das Land wird noch härter unter den Launen des Autokraten leiden.

Von Jan-Christoph Wiechmann

Präsident von Venezuela, Nicolas Maduro

Der Präsident von Venezuela, Nicolas Maduro, war am Samstag nach eigenen Angaben während einer Militärzeremonie in Caracas einem Mordanschlag entgangen.

DPA

Bilder lügen nicht, heißt es gemeinhin, und so sah der Drohnenangriff während einer Militärparade in Caracas tatsächlich wie ein Attentat auf Venezuelas Präsident Nicolás Maduro aus: Zwei Drohnen griffen an, eine Einkilo-Bombe explodierte, sieben Soldaten wurden leicht verletzt.

Der erste Mordanschlag auf einen Staatspräsidenten per Drohne. Einen Hauptschuldigen fand das Maduro-Regime schon, bevor die Ermittlungen überhaupt begannen: Meist nennt es dann das "böse Imperium" – die USA –, in diesem Fall aber sei es der böse Nachbar Kolumbien gewesen, insbesondere der scheidende Präsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos. Sechs angebliche Terroristen und Killer nahmen die venezolanischen Sicherheitskräfte daraufhin fest.

Aber Maduro wäre nicht Maduro, wenn er nicht sofort auch "ultrarechte Kreise" in Florida und die Opposition im eigenen Land des Terrorismus beschuldigen würde, die er in den vergangenen Jahren schon der Sabotage, der Wirtschaftskriege und diverser Umsturzversuche beschuldigt hatte.

Wirtschaftskrise, Hunger, Inflation

Nur bei sich sieht der ehemalige Busfahrer keine Schuld. Wirtschaftskrise? Schuld der Unternehmer und der USA! Hunger im Land? Gibt es nicht! Fehlende Medikamente? Nur selten! 13.000 Prozent Inflation in diesem Jahr? Gnadenlos übertrieben! Demokratie ausgehebelt? Feindpropaganda! All das gäbe es nicht im realen Sozialismus des Nicolás Maduro.

Bei meinen letzten drei Besuchen in Venezuela wurde die Situation im Land von Mal zu Mal merklich schlechter. Zuerst, 2015, hungerten nur die Großeltern, damit die Enkel genug zu essen haben; jetzt haben auch die Enkel nichts mehr. Am Anfang fehlten in Krankenhäusern nur Schmerztabletten und Antibiotika, inzwischen längst lebenswichtige Krebsmedizin und Infusionen. Am Anfang opponierten tatsächlich vor allem Regimegegner, inzwischen auch viele ehemalige Anhänger Maduros in den Armenvierteln, wenn sie das Land nicht längst verlassen haben.

Wer steckt hinter dem Attentat?

So ist es kein Wunder, dass sich sofort nach der Drohnenattacke die Verschwörungstheorien verbreiteten: Steckt vielleicht das Regime selber dahinter, um den Crackdown gegen die Opposition zu verstärken? – Nicht wahrscheinlich, aber nach den Erfahrungen der letzten Jahre durchaus möglich. Jemand aus dem Militär? – Auch möglich, aber der Angriff endete doch arg dilettantisch. Rebellen aus der Opposition? Möglich. Kolumbien? Unwahrscheinlich. Die USA? Trotz diverser Drohungen Trumps bis hin zu einer militärischen Intervention eher unwahrscheinlich. Spielt es eine Rolle? Eher nicht. 

Die Reaktion fiele in allen Fällen gleich aus: Maduro wird nun noch härter durchgreifen, noch mehr Macht akkumulieren, jeden kleinen Protest unterbinden, die Demokratie noch stärker beschädigen. Vor allem kann er wieder für ein paar Tage ablenken von den Problemen, die die Menschen in den Wahnsinn treiben – und in die Flucht: Mehr als 600.000 Venezolaner sind schon nach Kolumbien geflohen. 

Das Traurige ist: In Zeiten, da Autokraten und Nationalisten überall auf dem Vormarsch sind und die Demokratie an vielen Fronten unter Druck gerät, hat der Autokrat Maduro momentan vom Rest der Welt wenig zu befürchten.