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Japans Küste: Die mysteriösen Leichenschiffe aus Nordkorea

Wieder werden zehn Leichen in verwaisten Booten an Japans Küste gefunden. Das Phänomen der Geisterschiffe häuft sich in den letzten Jahren. Offenbar stammen die Menschen aus Nordkorea. Aber was steckt dahinter?

In diesem simplen Holzschiff wurden die Leichen in Japan entdeckt. Vermutlich stammt es aus Nordkorea.

In diesem simplen Holzschiff wurden die Leichen in Japan entdeckt. Vermutlich stammt es aus Nordkorea.

Es muss ein grausiger Anblick gewesen sein, der sich der japanischen Küstenwache am Wochenende bot: In einem verwaist auf dem Meer treibenden Holzschiff fanden die Beamten acht Leichen - teilweise bis zur Unkenntlichkeit verwest, von einigen war nur noch das Skelett übrig. Wenige Stunden zuvor waren bereits ganz in der Nähe zwei weitere Leichen angespült worden. Doch so grausig solch ein Anblick auch ist - er überrascht die Menschen dort schon lange nicht mehr. Hunderte Geisterschiffe aus Nordkorea wurden in den vergangenen Jahren an Japans Küsten angespült.

Internationale Aufmerksamkeit erhielt das Thema erstmals Ende 2015. Damals tauchten kurz hintereinander 14 herrenlose Fischerboote vor Japans Küste auf, an Bord insgesamt mindestens 30 Leichen, wie die "LA Times" wenig später berichtete. Zunächst standen die japanischen Behörden vor einem Rätsel: Wer sind diese Menschen? Wo kommen sie her und wie sind sie gestorben? Die an Bord gefundenen Gegenstände und Bootsbeschriftungen erhärteten schnell den Verdacht, dass die Schiffe aus Nordkorea stammen. Doch vom dem weitgehend abgeschotteten kommunistischen Regime war wenig Mithilfe bei der Aufklärung der Todesfälle zu erwarten. Das Verhältnis der beiden Länder ist mehr als angespannt. Drohungen gegen Japan aus Pjöngjang sind quasi an der Tagesordnung.

Geisterschiffe aus Nordkorea: Todesursachen unklar

Bei der Ermittlung der Todesursachen machten die Zustände der Leichen den Behörden in den meisten Fällen zudem einen Strich durch die Rechnung, wie die "LA Times" berichtet. Die Toten waren zu stark verwest, als dass noch Rückschlüsse hätten gezogen werden können. Bei den meisten handelte es sich Medienberichten zufolge um Männer, alle trugen zivile Kleidung. Zunächst gingen die Ermittler davon aus, dass es sich um Deserteure handeln könnte, die vor dem Hunger und der Unterdrückung geflohen waren. Normalerweise bevorzugen diese allerdings die Landroute nach China.

Eine andere Theorie ging bereits Ende 2015 davon aus, dass es sich bei den Toten auf den Schiffen um Fischer handeln müsse. Pjöngjang übt Medienberichten zufolge starken Druck auf die staatlichen Fischereibetriebe aus, fordert demnach seit einigen Jahren sehr hohe Fangquoten von den Fischern ein. Die Boote aber sind teilweise in einem desolaten Zustand und mit mangelhafter Ausrüstung ausgestattet, die See zwischen Japan und Nordkorea ist zudem sehr rau. Entsprechend geraten viele Fischer in Seenot und sterben dann auf hoher See, möglicherweise an Erschöpfung oder Unterkühlung. Die Geisterschiffe treiben anschließend wochenlang durchs Meer, ehe sie auf die japanische Küste treffen.

Phänomen nimmt seit Jahren zu

Satoru Miyamoto, Professor an einer japanischen Universität und Experte für Nordkorea, sagte im Interview mit CNN, das Geisterschiff-Phänomen habe seit 2013 stark zugenommen, weil Nordkoreas Machthaber Kim Jong-Un seitdem vermehrt auf die Fischerei setze. Wie der "Independent" berichtet, wurden 2017 bereits 43 Holzschiffe an Japans Küsten angespült, von denen man glaubt, dass sie aus Nordkorea stammen. Im Jahr zuvor sollen es insgesamt 66 gewesen sein. Manchmal ist niemand mehr an Bord, manchmal verwesen Leichen auf den Schiffen, aber immer wieder kommt es auch vor, dass die Besatzung noch lebt. Auch so ein Fall hat sich gerade erst wieder ereignet. Am Freitag tauchten an einem Strand acht nordkoreanische Fischer auf, die nach eigenen Angaben nach technischen Problemen auf ihrem Boot im Meer getrieben waren.