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Kim und seine Provokationen Nordkorea-Konflikt: Warum alle militärischen Optionen keine Option sind

Raketentest Südkorea Nordkorea
Start einer südkoreanischen Hyunmoo-2-Rakete als Reaktion auf den jüngsten Atomtest Nordkoreas
© South Korea Defense Ministry/DPA
Chirurgische Angriffe oder Invasion: An militärischen Optionen in Nordkorea herrscht eigentlich kein Mangel. Und doch zeigt sich schnell, dass jeder Waffengang gegen die isolierte Diktatur unvorhersehbare Folgen haben kann.

Nordkorea testet ungerührt Atombomben und Raketen. Trotz Verbots. Trotz immer härterer Sanktionen. Trotz heftiger Proteste von chinesischer Seite, dem letzten Verbündeten der bettelarmen Diktatur. Machthaber Kim Jong Un, so wirkt es, kann der Welt auf der Nase herumtanzen, denn er weiß: Im Grunde sind ihr die Hände gebunden, ein Militäreinsatz gegen sein Hungerreich ist keine ernsthafte Option. Auch wenn die USA unter Präsident Donald Trump selbst den nicht länger ausschließen will: Die "Besänftigungspolitik" gegenüber Nordkorea sei gescheitert, sagte er, notfalls werde er die Vereinigten Staaten sowie deren Verbündeten auch mit Atomwaffen verteidigen.

Die Worte Trumps spielen Kim in die Karten

Zynischerweise würde ein wie immer gearteter Angriff auf Nordkorea genau dem Bedrohungsszenario entsprechen, das die Kim-Führung der Bevölkerung schon seit Jahrzehnten einimpft. Seit dem Korea-Krieg ist die Diktatur in Pjöngjang davon überzeugt, dass seine hochgezüchtete Armee die einzige Lebensversicherung des Regimes ist. Japan als ehemalige Kolonialmacht ist der Erzfeind, die mit dem Westen verbündeten Brüder und Schwestern im Süden sind der Erzfeind, die USA als das Böse schlechthin sowieso. Mit der Entwicklung des nuklearen Arsenals ab Mitte der 2000er Jahre hat die Kim-Familie die ultimative Abschreckung in der Hand - und, so das Kalkül des Diktators, endlich Ruhe vor dem "Aggressor" aus dem Westen.

Nach Ansicht nahezu aller Experten ist es für militärische Optionen deshalb zu spät. Natürlich wäre die Armee der Amerikaner in der Lage "chirurgische Angriffe" zu fliegen,  also gezielt nur strategisch wichtige Rüstungs- und Forschungsanlagen auszuschalten. Allerdings haben die Nordkoreaner ihre bedeutenden Militärbasen weitgehend in den unzugänglichen Bergen im Norden verschanzt und versteckt - was die Chance mindert, sie vollständig unschädlich zu machen. Zwei Autoren des Wirtschaftsdiensts "Bloomberg", Isabel Reynolds und Enda Curran, weisen darauf hin, dass Nordkorea selbst im Fall hoher Angriffspräzision noch in der Lage wäre, mit an anderen Orten stationierten Raketen weiter die Metropolen wie Seoul und Tokio zu erreichen.

  • Dazu komme nach Einschätzung des kalifornischen Rüstungsexperten Jeffrey Lewis, dass jeder Angriff, ganz gleich wie klein oder chirurgisch er angelegt sein mag, von der Führung in Pjöngjang als Auftakt zu einer größeren Auseinandersetzung verstanden werden könnte - es sei denn, die USA machen unverständlich klar, dass es sich dabei um ein begrenzten Einsatz handelt.
  • Eine Invasion des Landes scheidet als Option auch aus. Allein schon die Mobilmachung in der Region (der sich Südkorea und Japan notgedrungen anschließen würden) könnte zu einer Kurzschlussreaktion in Pjöngjang führen. Und auch wenn die Ausrüstung der nordkoreanischen Armee als veraltet und marode gilt - die USA würden sich immer noch mit einer der größten Armeen der Welt anlegen: mit schätzungsweise 1,3 Millionen Soldaten und fast fünf Millionen Reservisten. Allein die schiere Masse dürfte selbst einer hochmodernen Streitkraft wie den Amerikanern Probleme bereiten. Zudem hat der Norden an der innerkoreanischen Grenze bis zu 15.000 Artilleriegeschützen stationiert, deren Schussweite bis in die Hauptstadt des Südens reicht.
  • Konkurrenzfähig sind die Nordkoreaner in der Raketentechnik. Das Land verfügt bei Kurz- und Mittelstrecken über ein Arsenal, das zumindest in der Lage ist, sämtliche Ziele in Südkorea anzugreifen. Möglichweise auch bestückt mit Atomwaffen. Ein Exportschlager ist etwa der Typ Hwasong-5, der unter anderem in den Iran verkauft wurde. Die genaue Anzahl an Nuklearwaffen ist nach wie vor ein Rätsel. Die Regierung in Pjöngjang gibt sie mit 50 an, westliche Experten schätzt sie eher auf ein Dutzend.
  • Und ob Nordkorea tatsächlich im Besitz der Wasserstoffbombe ist, wie sie nach den beiden jüngsten Tests angegeben haben, ist fast schon nebensächlich. Selbst ein "geboosteter" konventioneller Nuklearsprengstoff kann immer noch unvorstellbare Zerstörung anrichten.
  • US-Militärschläge könnten darüber hinaus eine Flüchtlingswelle in Nordkorea auslösen. China und Südkorea fürchten schon lange, dass bei einem Zusammenbruch des Regimes Abermillionen von verarmten Nordkoreanern über die Grenzen in die Nachbarstaaten fliehen. Das wiederum wollen die Staaten um (fast) jeden Preis vermeiden.

 

Weil so gut wie alle militärischen Optionen auf die jüngsten Atombombentests vermutlich eine Eskalation des Konflikts nach sich ziehen würden, versuchen Staaten wie China und Russland mäßigend auf die Beteiligten einzuwirken. Der deutsche Raketen-Experte Robert Schmucker sagte jüngst dem stern, dass man die Provokationen des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un besser ignorieren soll: "Unartige Kinder machen das, damit die Erwachsenen auf sie schauen. Und das ist genauso. Er will Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit ... und wir reagieren so. Das ist falsch. Wir sollten sagen: Ja, ist nett, was Du machst, aber uns beeindruckt das nicht."


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