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Olympischer Fackellauf: "Ich hoffe, Thailand läßt Protest zu"

Wenn die olympische Fackel durch Bangkok getragen wird, schützen mehr als 2000 Polizisten die Fackel vor Protesten wegen Chinas Tibetpolitik. Dabei sorgt eine Fackelläuferin selbst in Thailand für Furore: Im stern.de-Interview erklärt Narisa Chakrabongse, warum sie ihre Teilnahme an dem Lauf abgesagt hat.

Frau Chakrabongse, Sie boykottieren den Fackellauf hier Bangkok. Warum?

Ich bin Gründerin der Green World Foundation hier Thailand. Wir klären Thais über Umweltprobleme und Umweltschutz auf und zeigen ihnen, wie sie selbst durch einfache Maßnahmen zum Umweltschutzbeitragen können. Wegen dieser Arbeit bin ich voriges Jahr im Herbst gebeten worden, die olympische Fackel zu tragen. Obwohl ich schon damals einige Vorbehalte wegen Chinas Politik und Menschenrechtsbilanz hatte, dachte ich, sie würden beginnen, einige der Probleme anzugehen. Als das IOC China den Zuschlag für die Olympischen Spiele erteilte, hatte es ja die Menschenrechtssituation als ein großes Problem benannt und China hatte damals Änderungen versprochen. Als dann diese Dinge in Tibet passierten wurde mir klar, dass ich nicht länger mitmachen konnte.

Tibet ist jetzt weltweit in den Schlagzeilen. Aber es gibt auch noch andere Krisengebiete, in denen China eine zentrale Rolle bei der Konfliktlösung spielen könnte, es aber nicht tut. Zum Beispiel in Birma oder Darfur...

... ich weiß. Als Steven Spielberg im Dezember (aus Protest gegen Darfur als künstlerischer Berater für die Olympischen Spiele in Peking, d. Red.) zurückgetreten war hatte ich mich auch gefragt, ob ich meine Teilnahme an dem Fackellauf absagen sollte. Nach Beratungen mit meinen Kollegen bei Green World hatte mich dann aber dagegen entschieden, weil ich dachte, es gibt über die Zusammenarbeit mit anderen Nicht-Regierungs-Organisationen noch immer die Möglichkeit des Dialogs. Ich glaube, das war sehr naiv gedacht. Aber es gibt immer den Moment, an dem sich durch eine Sache plötzlich alles umdreht und man sagt: "Jetzt reicht es, ich mache nicht mehr mit." Der Moment war für mich mit der Niederschlagung der Proteste in Tibet gekommen. Da wurde mir klar, dass ich nicht mehr mitmachen konnte. Ich war immer eine große Bewunderin des Dalai Lama und bin selbst Buddhistin.

Kritiker der Protestaktionen bei dem Olympischen Fackellauf und Boykottforderungen wegen Tibet sagen, man sollte Sport und Politik trennen.

Die Olympischen Spiele sind doch immer ziemlich politisch gewesen. Zudem ist ja bisher der Fackellauf noch nie so lang gewesen wie dieser. China nutzt den Fackellauf mehr als Werbung für sich selbst als für die Olympischen Spiele. So, wie der Lauf in Szene gesetzt wird, hat China selbst den Fackellauf politisiert. Darüber hinaus ist ein Event wie die Olympischen Spiele, zu dem Hunderte von Ländern zusammenkommen, unweigerlich politisch.

Ich hatte übrigens nicht erwartet, dass mein Rücktritt als Fackelläuferin so sehr von den Medien aufgegriffen wird wie es geschehen ist. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich die erste weltweit war.

Sind Sie enttäuscht, dass nur wenige Fackelläufer Ihrem Beispiel gefolgt sind?

Das muss jeder mit seinem Gewissen ausmachen. Ich sage anderen Menschen nicht, wie sie sich zu verhalten haben. Jeder muss für sich entscheiden, was er als richtig ansieht. Das ist doch der Punkt in einer Demokratie zu leben: Jeder kann Position zu Themen beziehen, die ihm oder ihr wichtig sind.

Werden Sie hier in Bangkok an der Pro-Tibet-Kundgebung teilnehmen?

Nein. Als ehemalige Fackelträgerin fände ich das nicht richtig. Was andere machen, ist deren Sache. Ich weiß auch nicht, was geplant ist. Ich hoffe aber, dass die thailändische Polizei friedliche Proteste zulassen wird und es den Demonstranten erlaubt, ihre Meinung auszudrücken. Das ist doch das Merkmal einer Zivilgesellschaft, eines entwickelten Landes, dass unterschiedliche Standpunkte frei vertreten werden können.

Haben ihre familiären Bande mit der thailändischen Königsfamilie auch eine Rolle gespielt haben, Sie Sie als Fackelträgerin auszuwählen?

Nein, das glaube ich nicht. Die Spiele verstehen sich ja als "Green Olympics" und ich bin als Umweltaktivistin ausgesucht worden.

Glauben Sie, dass die Spiel wirklich 'grün' sind?

Sie sind es wahrscheinlich nicht wirklich. Aber selbst wenn nicht, ist die Idee, es wenigstens versucht zu haben, schon gut. Das schafft öffentliches Bewusstsein für das Thema und China hat ja massive Umweltprobleme. Wenn man erstmal anfängt, grün zu denken, dann schafft das langfristig ein Bewusstsein auch für die wirklich großen komplexen Umweltprobleme wie zum Beispiel den Welthandel. Es ist ein Anfang.

Haben Sie seit ihrem Rücktritt als Fackelträgerin mal versucht, ein Visum für China zu bekommen?

Nein, habe ich nicht. Was meinen Sie: Würde ich eines bekommen oder eher nicht? Ich würde gerne wieder nach China reisen, trotz aller Probleme. Ich war schon da und ich finde, es ist in vielen Beziehungen ein tolles Land mit einer großen Kultur. Ich bin davon überzeugt, dass dieses Jahrhundert das chinesische Jahrhundert wird.

Meine Entscheidung, von dem Fackellauf zurückzutreten, ist nicht gegen das chinesische Volk gerichtet. Viele der chinesischen Studenten im Ausland haben nicht verstanden, dass die Kritik eines bestimmten Punktes, zum Beispiel der Tibetpolitik, nicht bedeutet, dass die Welt China hasst. Sie reagieren mit einer Abwehrhaltung, die nicht notwendig ist. Ich bin zudem davon überzeugt, dass es Millionen von wunderbaren Chinesen gibt, die genauso denken wie ich. 29 chinesische Intellektuelle haben in einer Petition einen Dialog mit Tibet gefordert. Dialog ist einzige Weg, kontroverse Themen anzusprechen und Probleme zu lösen.

Hat die chinesische Regierung oder die Botschaft hier in Bangkok auf Ihren Rücktritt reagiert?

Jemand von der Botschaft hat mich angerufen und gesagt, wir respektieren Ihre Entscheidung. Am Dienstag kommen Vertreter der Botschaft hierher zu Green World um mit mir zu sprechen. Ich bin ja für den Dialog. Wir werden sehen, wie wir miteinander klarkommen.