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Pakistan: Musharrafs gefährliches Spiel

Pakistan, die USA und der Kampf gegen den Terrorismus. Militärmachthaber Pervez Musharraf hat große Mühe, allen Erwartungen gerecht zu werden. Sein lasches Vorgehen gegen Islamisten und Terroristen ist ein Spiel mit dem Feuer.

Die US-Regierung ist voll des Lobes für Pakistans Leistungen im Kampf gegen den Terror. Bei seinem letzten Besuch in Islamabad ernannte US-Außenminister Collin Powell Pakistan sogar zu einem ihrer wichtigsten Partner außerhalb der NATO. US-Präsident George W. Bush sei sich der großen Opfer bewusst, die Pakistan im Kampf gegen den internationalen Terror auf sich nehme, so Powell.

Verbündeter der USA?

Pakistans Militärmachthaber Pervez Musharraf sicherte der USA im Nachklang der Anschläge vom 11. September 2001 die volle Unterstützung seines Landes im Kampf gegen die Taliban und gegen das Terrornetzwerk Al-Kaida zu. "Entweder ihr seid auf unserer Seite oder auf der Seite unserer Feindes": Eine Wahl war das nicht, sondern ein Ultimatum der Amerikaner, das Musharraf akzeptieren musste. Fast drei Jahre nach Beginn des Terrorkampfes hat Pakistan nur vereinzelt Erfolge vorzuweisen. Die Festnahme von hochrangigen Al-Kaida-Terroristen brachte Pakistan einiges an Lob der Amerikaner ein. Immer wieder werden aber auch Stimmen laut, die Pakistan noch immer eine unterschwellige Unterstützung und Duldung der Taliban vorwerfen.

Das Bündnis mit den USA bedeutete für Pakistans Regierung eine 180-Grad-Kehrtwende ihrer Taliban-Politik. Sieben Jahre lang war Pakistan der "Hauptsponsor" der Taliban-Bewegung gewesen. Auf der politischen, finanziellen und militärischen Ebene war die Unterstützung kein Geheimnis. Die Rekrutierung und Schulung von Taliban-Kämpfern in pakistanischen Koran-Schulen, den so genannten Madrassahs, wurde geduldet sowie die militärische Führung der "Gotteskrieger" bei ihrem Kampf gegen die afghanische Nord-Allianz von pakistanischen Offizieren beraten und unterstützt. Pakistan war einer von drei Staaten, die das Taliban-Regime in Kabul sehr schnell offiziell anerkannten, nur Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate wagten den gleichen Schritt.

Geostrategische Ziele stehen im Vordergrund

Die offene Unterstützung war zu keinem Zeitpunkt durch eine überschwängliche Sympathie für die fundamentalen Ziele der Taliban motiviert, vielmehr standen immer geostrategische Ziele im Vordergrund. Pakistans Armee ist zum größten Teil an der Grenze zum "Erzrivalen" Indien gebunden. Einen weiteren Krisenherd im Westen konnte und wollte die Regierung nicht riskieren. Mit ihrer Taliban-Politik versuchte die Regierung sich im Westen ein "freundliches Umfeld" aufzubauen. Eine starke und stabile Regierung in Kabul hätte auf jeden Fall eines bewirkt: sichere Straßen durch Afghanistan, auf denen der Handel zwischen Pakistan mit den Ländern Zentralasiens floriert hätte. Die Taliban wurden als Instrument gesehen, als einen einsetzbaren Chip in einem großen Spiel.

Nach der Entmachtung des Taliban-Regimes durch die US-Streitkräfte, bot sich für die versprengten Taliban und Al-Kaida-Kräfte vor allem ein Rückzugsgebiet an: die pakistanische Grenzregion. Die "North Western Frontier Province" (NWFP) und seinen Stammesgebiete ("Tribal Areas"), genießen innerhalb Pakistans eine weit gehende Autonomie, staatlicher Machteinfluss ist hier praktisch nicht vorhanden.

"No foreigners allowed beyond this point"

Drogenhandel und illegale Waffenherstellung sind wesentliche wirtschaftliche Faktoren in dieser von archaischen Stammesfürsten kontrollierten Provinz. Ein Zugang für Journalisten oder Ausländer ist selten erlaubt, freie Bewegung in dem Gebiet ist gar unmöglich. Bereits am Schlagbaum der Provinzgrenze warnen Schilder den Fremden: "No foreigners allowed beyond this point". Ein Besuch der Region ist nur mit offizieller Genehmigung des pakistanischen Geheimdienstes "ISI" und unter Begleitung einer Militäreskorte möglich.

In dem anarchischen Gebiet werden hochrangige Al-Kaida- und Talibanführer vermutet, auch Osama bin Laden und Mullah Omar sollen sich hier aufhalten und sich bei den traditionell gastfreundlichen Paschtunen versteckt halten. Der Einfluss religiöser Fundamentalisten sowie eine ausgeprägte anti-westliche Haltung und Taliban-Sympathie machen diesen rechtsfreien Raum zu einem idealen Rückzugsraum für radikale Islamisten und Al-Kaida-Terroristen, die aus der Grenzregion heraus immer noch ungehindert nach Afghanistan hinein agieren können.

Musharrafs Spagat

Musharraf steht unter dem Druck der USA. Die Regierung ist gezwungen, Anstrengungen zu unternehmen, um gegen Al-Kaida und Taliban-Kräfte im Land vorzugehen. Untätigkeit würde den Zorn der Amerikaner heraufbeschwören, und Pakistan könnte sich selber wieder in die politische Isolation katapultieren, aus der es sich gerade erst befreit hatte. Kampf gegen den Terror im Land bedeutet für Musharraf, sich gegen die immer stärker werdenden radikalislamischen Kräfte zu stellen. Musharraf vollzieht einen Spagat. Auf der einen Seite muss er mit den USA kooperieren, auf der anderen Seite darf die Zusammenarbeit nicht zu stark ausfallen, da sonst die Fundamentalisten im Land rebellieren würden.

Die mächtige islamistische Opposition, die drittstärkste Kraft im pakistanischen Parlament, sieht in Musharraf längst eine Marionette der verhassten USA: Erst im Dezember 2003 entging der Machthaber nur knapp zwei Anschlägen mutmaßlicher Terroristen. Unterstützung findet er in der städtischen, gebildeten Mittelklasse. Hier machte sich schon lange die Befürchtung breit, dass Pakistan seine säkulare Ausrichtung verlieren und es zu einer "Talibanisation" des Landes kommen könnte. Viele Beobachter halten Pakistan schon lange für ein Pulverfass, das jeder Zeit explodieren könnte

Jagd auf Al-Kaida in unwegsamen Gelände

Erstmals seit der Staatsgründung von 1947 wurden Ende 2001 reguläre pakistanische Truppen in den Stammesgebieten eingesetzt. Die Aufgabe: Jagd auf gesuchte Al-Kaida-Terroristen und Bekämpfung der Taliban-Kräfte in der unwegsamen Grenzregion. Große Erfolge gab es bislang kaum. Afghanistan beklagt, dass Pakistan zu wenig mache, um die Grenze zu sichern, und westliche Diplomaten werfen der pakistanischen Regierung vor, die Taliban weiter zu unterstützen, um ihren Einfluss in Afghanistan zu behalten.

Musharraf selber räumt ein, im Grenzgebiet keine vollkommene Kontrolle über die radikalen Gruppen zu haben, gleichzeitig verkündet er aber auch Erfolgsmeldungen. So seien bislang mehr als 500 Al-Kaida-Kämpfer inhaftiert wurden. Ob diese Erfolgsmeldungen der Wahrheit entsprechen oder ob es sich hier um reine Propaganda handelt, lässt sich schwer feststellen, eine unabhängige Berichtserstattung fehlt gänzlich. Viele voreilige Meldungen stellten sich letztendlich als "Enten" heraus. Anfang 2004 heizten die Spekulationen an, der Al-Kaida-Chefideologe Eiman el Sawahiri sei im Stammesgebiet umzingelt worden. Die Euphorie kam zu früh, er wurde nie gefasst. Niemand weiß, ob er überhaupt vor Ort war.

Die USA "bei Laune halten"

Mit vereinzelten Erfolgen, wie zum Beispiel der Festnahme des Terroristen Ahmed Khalfan Ghailani im Juli oder die Verhaftung von Khaled Sheikh Mohammed im vergangenen Jahr, versucht sich die pakistanische Regierung als treuer Partner im Kampf gegen den Terror zu präsentieren. Das Lob der USA lässt bei solchen Anlässen nicht lange auf sich warten. Pakistan wird auch zukünftig versuchen, mit einer überschaubaren Anzahl von Operationen gegen Al-Kaida und Taliban-Kräfte die USA "bei Laune zu halten". Dass es sich hier um eine vorgespielte Kooperationsbereitschaft handelt, ist offensichtlich.

Tim Stahnke