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Piraten-Plage: Die neue Macht der Seeräuber

Die Überfälle nehmen zu, selbst Supertanker werden gekapert: Die moderne Piraterie ist zum massiven Problem geworden. Wie konnten die Seeräuber so mächtig werden, welche Waffen nutzen sie und was ist zu ihrer Abwehr geplant? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Von David Böcking

Am Wochenende begann im Indischen Ozean ein neues Kapitel der Piraterie: Erstmals kaperten moderne Freibeuter einen so genannten Supertanker. Die 330 Meter lange "MV Sirius Star" hat bis zu zwei Millionen Barrel Rohöhl an Bord, Schiff und Ladung sind laut der Reederei rund 200 Millionen Euro wert. Inzwischen wurden bereits die nächsten Opfer gemeldet: Schiffe aus Griechenland, Thailand und dem Pazifikinselstaat Kiribati gerieten in die Hände von Piraten.

Vor allem die Piraterie vor der Küste Ostafrikas ist inzwischen zur massiven Bedrohung geworden, auch deutsche Reeder fordern die Politik zum Handeln auf. Wir geben einen Überblick über die Hintergründe des Problems.

Wo ereignen sich die Überfälle?

Der Golf von Aden vor der Ostküste Somalias ist wie keine andere Region von Piratenüberfällen betroffen. Hier wurden nach Angaben des Internationalen Maritimen Büros (IMB) allein 2008 bislang 95 Schiffe angegriffen, in 39 Fällen kam es zu Entführungen. Derzeit sind laut IMB vor Somalia 17 Schiffe und 340 Besatzungsmitglieder in der Gewalt von Piraten. Als besonders gefährlich gelten außerdem die Gewässer vor Indonesien und Nigeria. Im Jahr 2007 verzeichnete das IMB insgesamt 263 Überfälle.

Was ist die Ursache für die Zunahme der Überfälle?

Die erhöhte Gefahr im Golf von Aden hängt eng mit der Lage in Somalia zusammen. Es zählt zu den ärmsten Ländern der Welt und befindet sich seit 1991 im Bürgerkrieg. Eine funktionierende Justiz gibt es nicht, zudem sind weite Teile des Landes entweder de facto unabhängig oder stehen unter der Kontrolle rivalisierender Clans - die mit der Beute aus der Seeräuberei auch ihre Machtkämpfe finanzieren.

In Somalia gibt es eine regelrechte Piratenindustrie. Rekrutiert werden die Seeräuber aus einem Heer von rund 3000 Milizionären, die im Bürgerkrieg geschult werden. Die das Rauschmittel Kat kauenden Männer gelten als die skrupellosesten Söldner der Welt. Verbesserte Technik erleichtert die Piraterie: Mit wendigen Motorbooten und modernen Waffen können Piraten schwerfällige Frachter leicht aufbringen.

Wo haben die Piraten ihre Stützpunkte?

Die Seeräuber operieren von so genannten Mutterschiffen aus, die bei früheren Überfällen erbeutet wurden. Oft täuscht ein Mutterschiff eine technische Panne vor und sendet dann Schnellboote aus, sobald sich ein Helfer genähert hat.

Innerhalb von Somalia gilt die autonome Region Puntland als Rückzugsgebiet der Piraten. Allein nahe der Küstenstadt Eyl werden laut Amnesty International gegenwärtig mehr als 130 Geiseln festgehalten. Auch die nun entführte "Sirius Star" steuerte Eyl an.

Welche Waffen nutzen die Piraten?

Auf die Schiffe gelangen die Kriminellen oft noch wie vor hunderten von Jahren: Mit Tauen und Enterhaken und häufig im Schutz der Nacht. Umso moderner ist ihr Waffenarsenal, Schnellfeuergewehre und sogar Raketenwerfer zählen dazu. Vor wenigen Monaten schossen Piraten sogar ein Loch in einen japanischen Tanker, konnten ihn aber anschließend nicht entern.

Welchen Schutz gibt es?

Der Begleitschutz für Schiffe vor der Küste Ostafrikas ist bislang begrenzt (siehe auch folgenden Absatz). Zurzeit eskortiert die französische Kriegsmarine zwar Schiffe durch den Golf von Aden, diese "Wasserkarawane" findet jedoch nur alle paar Tage statt und erfordert eine Anmeldung zehn Tage im Voraus.

Mangels staatlichen Schutzes versuchen sich die Reeder so gut wie möglich selbst zu wappnen. Die Abwehrmaßnahmen reichen dabei vom Verschweißen der Luken bis zu einem elektrischen Hochsicherheitszaun, der in den Niederlanden angeboten wird. Die Bewaffung der Crew, wie sie auf israelischen Schiffen üblich ist, bleibt aber bislang die Ausnahme.

Was plant die Politik gegen die Überfälle?

Angesichts der zunehmenden Überfälle beschloss die EU Anfang November die "Mission Atlanta": Mindestens fünf Kriegsschiffe sowie mehrere Aufklärungsflugzeuge sollen am Horn von Afrika patrouillieren. Auch Deutschland will sich mit einer Fregatte beteiligen.

Strittig war in Berlin aber bislang, wie mit festgenommenen Piraten umgegangen werden soll. Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (CSU) schlug vor, sie mit Hilfe von Bundespolizisten per Videolink der zuständigen Staatsanwaltschaft in Hamburg vorzuführen und dann gegebenenfalls vor ein deutsches Gericht zu stellen.

Das Auswärtige Amt fürchtet aber, arme Somalis könnten Interesse an einer Auslieferung haben und will die Piraten deshalb lediglich entwaffnen lassen. Das Innenministerium wiederum ist gegen den Einsatz von Bundespolizisten und will die Piraten allein durch die Bundeswehr verhaften lassen.

Angesichts dieser Unstimmigkeiten war bislang unklar, ob es bis Ende des Jahres einen Bundestagsbeschluss zu dem Einsatz geben kann. Ein Regierungssprecher sagte, die Regierung strebe einen solchen Beschluss an. Das Kabinett hat nach einem Bericht der "Welt" seinen internen Streit beigelegt und will bis zum 3. Dezember entscheiden.

Wer sind die Mittelsmänner der Piraten?

Bei ihren Überfällen assistieren den Piraten zunehmend "Agenten", die Informationen über Schiffsrouten und -ladungen beschaffen. Wenn die Schiffe erst einmal entführt sind, kontaktieren Reeder, Journalisten und Angehörige oft den Kenianer Andrew Mwangura. Der ehemalige Seemann ist in der Region gut verdrahtet und vermittelt zwischen Reedereien und Seeräubern. Weil Mwangura enthüllte, dass eine von Piraten entführte und offziell von Kenia bestellte Schiffsladung mit 33 Kampfpanzern eigentlich an den Sudan gehen sollte, wurde er kürzlich verhaftet und fürchtet nun um sein Leben.

Weltkarte der Piraterie

FTD