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Planet Indien: Die Selbstmordbauern von Vidarbha

Indien ist einer der aufstrebenden neuen Großmächte. In einer siebenteiligen Serie hat stern.de den faszinierenden Subkontinent porträtiert. Diesmal: Aus Scham und Verzweifelung haben sich fast 6000 Bauern in den letzten Jahren das Leben genommen. Zurück bleiben Witwen und Waisen, die nicht wissen, wie es weitergehen soll.

Von Swantje Strieder, Mumbai

Die mageren Beine ragen unter dem viel zu kurzen lila Kleidchen hervor. Payel ist neun Jahre alt und steht allein in der kleinen Hütte ihrer Eltern. Wo ist denn die Mama? "Sie ist mit meiner älteren Schwester zu einer Tante gegangen", sagt die Kleine artig. Und ihr Vater? "Hier", sagt Payel und zieht mich an der Hand in die düstere, aber blitzblanke Küche und zeigt auf den Deckenbalken. "Papa sagte zur Mama, 'geht schon alle vor zum Dorffest, ich komme gleich nach', aber er kam nicht." Ich blicke hoch zum blanken Dachgestühl, verstehe erst nicht. "Da hat er sich halt am Balken erhängt, ihr Vater!" übersetzt ein Nachbar im dreckigen Baumwollgewand holprig aus dem Hindi, "Gangaran hatte Schulden, wie wir alle hier im Dorf."

Hohe Schulden? "65.000 Rupien", sagt Payel, die in die 3. Klasse geht und zeigen will, dass sie etwas von den ernsten Dingen der Erwachsenen versteht, etwa 1000 Euro. "Aber zu einem Zinssatz von 40, 50, ja 80 Prozent kommst du nie mehr aus der Schuldenfalle der Kredithaie raus!", erklärt der Nachbar, die anderen Bauern, die uns stumm umstehen, nicken bedächtig. "Hier im Dorf haben sich schon viele von uns kleinen Farmern umgebracht!" Man nennt sie auch die Killing Fields, die Baumwollfelder von Vidarbha, einer einstmals wohlhabenden Provinz im Bundesstaat Maharashtra, rund 600 Kilometer nördlich von Mumbai.

"Die Opfer der Globalisierung"

"Da, sehen Sie sich unser Elend nur an", schimpft Kishor Tiwari, Vorsitzender der Bauerngenossenschaft Jan Andolan Samiti und zeigt auf die Landkarte von Vidarbha, die an der kahlen Wand seines Büros hängt." 20.000 Farmer-Selbstmorde gab es in Indien in zehn Jahren! Aber bei uns in Vidarbha ist es am allerschlimmsten!" Ich erkenne viele schwarze Punkte auf der Karte, dann, als ich nähertrete, sehe ich, dass die Punkte Totenköpfe sind, daneben die Selbstmordziffern pro Landkreis buchhalterisch auf Hindi vermerkt: 2663 Tote im Jahr 2005, 1444 im drauffolgenden Jahr, die dreistellige Zahl für 2007 säuberlich durchgestrichen, auf 1242 nach oben korrigiert. Und in den ersten drei Monaten von 2008? "Über 300", sagt Tiwari mit bebender Stimme, "gestern haben sich schon wieder zwei umgebracht." Und die Politiker tun nichts? "Versprechungen, nur leere Versprechungen", sagt Tiwari, "Unser Ministerpräsident von Maharashtra sprach sogar von Medienhype! Fragen Sie doch mal die Witwen, ob die vielen Toten alle Propaganda sind?"

Das Bauernsterben in Vidarbha bedeutet nicht mehr und nicht weniger als das Scheitern der grünen Revolution. "Eure Multis haben hier gut verdient", sagte Tiwari und zählt die Heuschrecken auf, die den Welt-Agrarweltmarkt dominieren: Monsanto, Bayer, Dupont. Da wurde armen Kleinbauern, die nicht einen Pfennig auf der Naht hatten, von Experten eingeredet, dass sie mit dem neuen genmanipulierten Saatgut ihre Erträge irrsinnig steigern könnten, mit den neuen Pestiziden die alten Schädlinge loswürden und mit teurem Kunstdünger - statt Kuhdung und Kompost - die schlechten Böden wettmachen könnten. Dürren und mangelnde Regenfälle, Schädlinge, die gegen das Gift resistent werden, Geldnöte der Bauern- ist das etwa die Schuld der Multis? "Früher hatten wir Farmer 500 Rupien (zehn Dollar) Input und 5000 Rupien (100 Dollar) Gewinn pro Hektar, der Staat garantierte uns den Absatz der Baumwolle", rechnet Tiwari bitter vor, "heute müssen wir für 10.000 Rupien (200 Dollar) Saatgut und Pestizide kaufen und verdienen bestenfalls 8000 Rupien (160 Dollar). Sie können doch rechnen oder?" Die Börsenmakler in Chicago, die die Weltmarktpreise hoch- und runterschaukeln, die lokalen Zwischenhändler, die fette Gewinne einstreichen und die Kredithaie, die den Bauern Geld zu Wucherzinsen bis 100 Prozent verleihen, können es ganz sicher. "Wir Baumwollbauern sind die Opfer der Globalisierung."

"Mein Leben ist ruiniert"

Reka steht an der Wasserpumpe und wäscht das Geschirr ihrer Familie, beziehungsweise ihrer Restfamilie: Schwiegervater, Schwager und Schwägerin, deren Kinder und ihre achtjährige Tochter Neha. Sitzt da wie eine Grazie in ihrem türkisfarbenen Sari und schrubbt und reibt am Blechgeschirr, bis es in der Sonne glänzt. Wozu nur, scheinen ihre großen Augen zu fragen. Es macht Chandrakhand, ihren Mann auch nicht wieder lebendig und das Elend nicht besser. Aber wenn die 30-Jährige es nicht täte, würde ihre Schwiegerfamilie vielleicht verärgert sein. Eine Witwe hat keinen leichten Stand in Vidarbha, erst recht, wenn sie noch jung und attraktiv ist.

"Mein Leben ist ruiniert", sagt sie leise, ohne dass die Familie sie hören kann. Chandrakhand wurde depressiv, als die Schuldenlast für seine Baumwollfelder stieg und stieg. "Erst waren es tausend, dann zweitausend, dann dreitausend Euro Schulden, bei einem Zinssatz von 50 Prozent im Halbjahr", sagt Reka, "dann holte er plötzlich das Kerosin für den Herd und hat sich im Hinterzimmer angezündet." Am 1. April vor zwei Jahren. "Ich habe ihn noch aus dem Feuer rausgezogen und ins Krankenhaus gebracht", sagt Pralath, ihr Schwager, und zuckt dann die Achseln. Von dem Witwengeld, das der Staat ihr zahlte, konnte sie einen Teil der Schulden tilgen, dann verkaufte sie die Feigenbäume und verpachtete die Baumwollfelder an den Schwager. " Wie es weitergeht, weiß ich nicht", sagt sie und drückt ihre zappelige Tochter Neha.

Im Nachbardorf Koregeri empfängt uns laute blecherne Musik: eine Hochzeit. Der Bräutigam mit dem orangen Turban sitzt vor dem kleinen Tempel, hunderte von Bauern hocken im Schneidersitz um ihn herum und essen auf Bananenblättern ein simples Mahl aus Chapatis, Fladenbrot und Saucen. Heute ist Junggesellentag, erst morgen wird die Braut im festlich roten Sari dem Bräutigam zugebracht. Endlich ein positives Zeichen, dass das Leben der Bauern von Vidarbha weitergeht? Prakash Gosav Pawar, ein Cousin des Bräutigams kann das Fest nicht genießen. "Vor genau zwei Jahren sollte meine Cousine heiraten", sagt er und bittet uns in sein Haus, ein ordentliches Backsteinhaus in dem sonst so armen Dorf, "mein Vater musste als ältester der Familie die Hochzeit ausrichten, wie es so Sitte ist", erzählt Prakash, "heiraten kostet Geld, viel Geld, und mein Vater hatte doch schon 3000 Euro Schulden." Am Vorabend der Hochzeit ging der alte Gosavi Pawar auf's Feld und trank das giftige Pestizid, das für seine Baumwollpflanzen bestimmt war.

Um von den Schulden seines Vaters herunterzukommen, gab Prakash seinem Onkel die Hälfte seiner Felder ab. "Der muss jetzt alleine die Hochzeit ausrichten", sagt Prakash und fährt seinem kleinen Sohn über den Kopf." Wir können nichts mehr geben." Ich frage nach dem Schuldenerlass-Programm für Kleinbauern, den die indische Regierung vor ein paar Wochen beschlossen hat. "Nie gehört", sagt Pralath, auch die umstehenden Bauern schütteln den Kopf. "Bei den indischen Banken herrscht zu 50 Prozent Unfähigkeit, der Rest ist Korruption", hatte Bauernfunktionär Tiwari schon zuvor erklärt, "der kleine Mann kriegt hier nie was ab, das Bauernsterben wird weitergehen."

Kein Geld für Medizin

Gegen Abend erreichen wir das Haus der Witwe Kunda Shivati im Dorf Piparkuti. Es sei noch keine drei Wochen her, der Schmerz sei noch so frisch, sagt unser Begleiter vom Vidarbha Bauernverband, er wüsste nicht, ob sie uns empfangen wolle. Doch, sie will. Sie will reden. Da sitzt die 26-jährige Kunda in ihrem blass rosa Sari vor uns im Staub, während sie uns, die Gäste, auf die zwei armseligen Plastikstühle winkt. Im Hintergrund meckert eine Ziege, der Hofhund ruht sich in der Abendsonne aus. Und vor uns hockt Kunda und reibt sich mit dem Sarizipfel die nassen Augen. Ihre drei kleinen Kinder drücken sich an sie, die kleinen Mädchen sind verstört. Nur Aditi, der Zweijährige lacht und scherzt, weil er noch nichts verstanden hat. "Wir haben gestritten in der Nacht", schluchzt Kunda, "ich wollte, dass er Medizin für Namritas Bronchitis holt. Aber wir hatten doch kein Geld, nur Schulden. Die letzten Baumwollernten waren zu mies."

Die fünfjährige Namrita hustet noch immer. Damals lief ihr Mann Krishna mitten in der Nacht aus dem Haus. Am Morgen fanden Nachbarn ihn erhängt im Flamboyantbaum vor ihrem Haus, der in den besseren, in Frühlingstagen, immer so feuerrot geblüht hat. Und die Schwiegermutter macht ihr Vorwürfe. Dabei hatte Kunda doch schon all ihren Brautschmuck, Armreifen, Ohrringe, glitzernde Nasenstecker, alles für die Familie verkauft. Nur ein paar Plastikreifen sind geblieben. Sie ist nun ohne echten Schmuck, die einzige finanzielle Sicherheit indischer Frauen. Namrita hustet und küsst das Bild des Vaters im Silberahmen. Es sieht nur aus wie Silber, es ist aus einfachem Blech.

Liebe Leser, die Serie "Planet Indien" ist im September dieses Jahres erschienen - also vor den Terroranschlägen in Mumbai. Wir haben uns entschieden, die Texte nicht entsprechend zu aktualisieren, d. Red.

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