Pressestimmen II Europa diskutiert die Mohammed-Karikaturen


Die Affäre um die Propheten-Zeichnungen weitet sich immer mehr aus. Während die Islamisten toben, wird in Europa über Pressefreiheit und Medienverantwortung diskutiert - die Meinungen gehen weit auseinander.

Das französische Boulevardblatt "France Soir" verteidigt in seiner Ausgabe vom Freitag seine Entscheidung, die umstrittenen Mohammed-Karikaturen veröffentlicht zu haben. Die britische "Times" gesteht dagegen den Muslimen das Recht auf Protest gegen die Mohammed-Karikaturen zu.

Das "Luxemburger Wort" führt die Empörung in der islamischen Welt über die Mohammed-Karikaturen in Europa auf die kulturelle Kluft zwischen beiden Kulturen zurück. Die niederländische Zeitung "de Volkskrant" plädiert für einen klaren Kurs in der Debatte über die heftig umstrittenen Mohammed-Karikaturen.

Angesichts der teilweise militanten muslimischen Proteste gegen die Karikaturen mahnt Grünen-Fraktionschef Hans-Christian Ströbele zur Vorsicht. Man sollte sich die "Risiken" überlegen, "bevor man solche Karikaturen veröffentlicht", sagte Ströbele am Donnerstagabend in der N24-Sendung "Studio Friedman". Die Folge seien "fürchterliche Reaktionen von durchgedrehten Leuten". Er würde "solche Karikaturen nicht veröffentlichen", so Ströbele. Er würde aber "dafür kämpfen, dass man es tun kann".

"Times": Muslime haben Recht auf Protest gegen Mohammed-Karikaturen

"The Times" (London): "Der Nachdruck der Karikaturen hat etwas von Exhibitionismus und ist nicht neutral. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sie auch moderate Muslime beleidigen. Sie haben deshalb ein Recht darauf, dagegen zu protestieren. Auch der Boykott der Zeitungen, die sie nachgedruckt haben, ist legitim. Aber genau hier hört es auf. Es geht zu weit, wenn man Minister für journalistische Entscheidungen der freien Presse in ihren Ländern verantwortlich macht, alle Produkte aus dem Land boykottiert oder sogar zur Gewalt aufruft. Der Begriff Redefreiheit wird in der islamischen Welt oft missverstanden, und die jetzige Situation zeigt, wie breit der Graben zwischen den Kulturen ist."

"Independent": Bei Karikaturen geht es um Rechte und Respekt

"The Independent" (London): Bei der Ausübung ihrer Rechte müssen die Medien Fingerspitzengefühl zeigen. Die französische Zeitung "France Soir" hatte ein Recht darauf, die Mohammed-Karikaturen zu drucken. Aber damit hat sie nur Öl ins Feuer gegossen, und die Angelegenheit hat inzwischen internationale Dimensionen angenommen. (...) Es ist zu einfach, sich in dieser komplizierten Situation hinter der Pressefreiheit zu verstecken. Bei der Entscheidung um die Veröffentlichung der Karikaturen geht es nicht unbedingt um richtig oder falsch. Journalisten haben Rechte, aber Menschen haben auch ein Recht darauf, in einer sekulären, pluralistischen Gesellschaft zu leben ohne sich so entfremdet und bedroht zu fühlen wie im Moment die Muslime. Es geht letztendlich um Respekt. Die Presse hat neben ihren Rechten auch Verantwortung, und es gibt eine Grenze zwischen kontroversem und unverantwortlichem Journalismus, die nicht überschritten werden darf."

"France Soir": Wir haben unsere Aufgabe erfüllt

"France Soir" (Paris): "'France-Soir' wird sich nicht dafür entschuldigen, die Meinungsfreiheit gegen die religiöse Intoleranz verteidigt zu haben. Wiederholen wir es noch und noch, dass es in dieser Debatte nicht darum geht, den Islam oder die Muslime zu stigmatisieren. Hier geht es nicht um Religion, sondern um Intoleranz. "France Soir" hat das Gefühl, seine Aufgabe erfüllt zu haben, indem es die Debatte um die Karikaturen in die französische Öffentlichkeit getragen hat. Die dadurch ausgelöste Schockwelle zeigt uns, wie richtig es war, die Sturmglocke zu ziehen. Und wir werden unsere Meinung nicht ändern."

"Tages-Anzeiger": Zündeln mit Mohammed

"Tages-Anzeiger" (Zürich): "Der Fall taugt dennoch als Lehrstück, wie explosiv in Zeiten des islamistischen Terrorismus das Verhältnis zwischen dem Westen und der islamischen Welt ist - und welche Verantwortung die Medien im "global village" haben. Meinungsfreiheit, das steht außer Frage, gehört zum Kern demokratischer Gesellschaften, sie ist ein Grundrecht, an dem nicht gerüttelt werden darf. (...) Nach westlichem Wertekodex sind die zwölf Karikaturen allenfalls geschmacklos. Für Muslime aber verstoßen sie gegen das Verbot, den Propheten zu verunglimpfen. Das heisst nicht, dass man die Karikaturen (im Westen) nicht drucken darf, ihrer Wirkung aber muss man sich bewusst sein."

"Libération": Demokratie und Meinungsfreiheit verteidigen

"Libération" (Paris): "Millionen Muslime können sich legitimer Weise beleidigt fühlen von Zeichnungen, die den Islam und den Terrorismus vermengen, und hasserfüllte Islamphobie ist genauso abscheulich wie Antisemitismus und Rassismus. Die Stärke der Demokratie und der Freiheit liegt aber darin, selbst ihre Gegner zu Wort kommen zu lassen, solange diese die Gesetze beachten. Und das heißt nicht, sie damit zu unterstützen, weit gefehlt. Es geht vielmehr darum, an diesen Grundsatz zu erinnern in einer Welt, die ihm täglich etwas mehr die Zügel anzulegen trachtet."

"Neue Zürcher Zeitung": Meinungsfreiheit und Menschenwürde

"Neue Zürcher Zeitung": "Es gibt kein Menschenrecht auf Verletzung der menschlichen Würde. (...) Die herabwürdigende Kraft der Karikaturen in der Zeitung "Jyllands-Posten" mag gering oder gar nicht vorhanden sein. Ihr Potenzial, Missverständnisse zu erregen, ist aber, ganz zur Überraschung ihrer Urheber, groß. Politische Klugheit hätte es geboten, die westliche Sicht auf Mohammed in ernsthafterer Form zu behandeln und - um der Wahrung des Religionsfriedens willen - auf Leichtfertigkeiten zu verzichten. Auf arabisch-muslimischer Seite sind die Reaktionen maßlos ausgefallen."

"Le Monde": Gesetz und Recht setzen die Grenzen

"Le Monde" (Paris): "Wie beim Rassismus, dem Antisemitismus, dem Sexismus oder dem Schwulenhass stößt die Meinungsfreiheit auch in diesem Fall an ihre Grenzen, die von Gesetz und Recht festgelegt worden sind. So erging es im vergangenen Jahr einer Werbung für eine Kleidermarke, bei der zwölf Männer und eine Frau in erotischer Pose in Leonardo da Vincis "Abendmahl" zu sehen waren. Dies verletzte Christen, so dass die Werbekampagne von Gerichten verboten wurde. Einen Muslim kann eine Zeichnung von Mohammed, vor allem eine bösartige, schockieren. Eine Demokratie sollte allerdings keine Meinungspolizei aufstellen, denn eine solche träte die Menschenrechte mit Füßen."

"Der Standard": Gefühlvoll und zum Fürchten

"Der Standard" (Wien): "Wenn es nur eine Meinungsfreiheit gäbe, die keine Gefühle verletzt, dann bräuchte man diese Meinungsfreiheit nicht. Vom amerikanischen Supreme Court, der in demokratischen Grundsatzfragen keinen Spaß versteht, gibt es eine Judikatur, wonach selbst Gruppendiffamierungen (!) im Sinne einer robusten öffentlichen Debatte zulässig sein können. Eine Alternative dazu wäre, dass sich der Humor der Zeitungen künftig nach der Sensibilität religiöser Autoritäten zu richten hat. Eine gefühlvolle Vorstellung. Gefühlvoll und zum Fürchten."

"Trouw": Streit über Mohammed-Karikaturen stellt Welt auf den Kopf

"Trouw" (Niederlande): "Journalisten bieten Entschuldigungen an, werden entlassen oder üben sich in Selbstzensur. In Deutschland gab es in den 30-er Jahren einen Begriff dafür: "Einschüchterung". Das beschreibt genau, was zur Zeit passiert. Langsam und schleichend. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, ob man Verständnis hat für Muslime, die sich durch die Karikaturen verletzt fühlen. Und auch nicht darum, wie vernünftig es ist, die Zeichnungen zu veröffentlichen oder wie geschmackvoll (und geistreich) sie sind. Darüber muss man unterschiedlicher Ansicht sein dürfen. Es geht darum, dass es unannehmbar ist, wie einige Muslime und Regierungen ihre Gefühle ausdrücken. Respekt vor der Religion kann kann nicht erzwungen mit Einschüchterung durch diejenigen, die keinen Respekt vor der Freiheit haben. Und tatsächlich - Entschuldigungen stellen die Welt dann auf den Kopf."

"De Volkskrant": Weiche Knie in Debatte über Mohammed-Karikaturen

"De Volkskrant" (Niederlande): "Auch wenn der ganze Protestlärm zu einem guten Teil aus Pflichtnummern besteht, gibt es genug Gründe für Europa deutlich zu machen, dass hier ein zentrales Stück unserer Demokratie auf dem Spiel steht, die freie Meinungsäußerung. Es kommt nun darauf an, den Rücken gerade zu halten und nicht einzugehen auf den Ruf nach offiziellen Zurechtweisungen und politischer Einmischung, wie er vor allem von Regimes und Gruppen kommt, die mit Freiheit und Toleranz nicht sehr viel zu tun haben. Natürlich ist die Pressefreiheit nicht unbegrenzt und ist Kritik an den Mohammed-Karikaturen erlaubt. Wer meint, dass sie die Grenzen des Erlaubten überschreiten, wende sich an einen Richter. Das sind die demokratischen Spielregeln. Leider sind in Europa schon wieder weiche Knie zu sehen."

"Luxemburger Wort": Tiefe Kluft zwischen Europa und islamischer Welt

"Luxemburger Wort": "Europas Kultur ist säkular, die muslimische ist es nicht. Von dem radikalen Unterschied zwischen beiden Kulturkreisen zeugt die Veröffentlichung von zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed durch die dänische "Jyllands Posten", die zu einem Politikum mutiert ist. Satire muss (...) schon krass sein, um in Europa überhaupt noch Entrüstung zu erregen, gerade wenn christliche Symbole, Jesus, oder der Papst ihr Ziel sind. Im Vergleich harmlose Mohammed-Karikaturen werden dagegen in der muslimischen Welt als Provokation empfunden.

Schon die Fälle des ermordeten niederländischen Filmemacher Theo van Gogh und des mit einem Todesurteil belegten Autors der "Satanischen Verse", Salman Rushdie, haben verdeutlicht, wie tief der Graben zwischen den beiden Kulturkreisen heute ist. Dass heißt nicht, dass die westlichen Medien Öl ins Feuer gießen sollen; jedoch sollten sie auch nicht vor den Extremisten einknicken."

"Dagens Nyheter": Mohammed-Streit positiv und deprimierend zugleich

"Dagens Nyheter" (Stockholm): "Die Aufregung um die dänischen Mohammed-Karikaturen nimmt zu. Dabei vollzieht sich mit einer gemeinsamen europäischen Debatte um europäische Werte etwas selten Erlebtes. Die Debatte ist willkommen. (...) Das Niederschmetternde an dem Konflikt ist die Verstärkung der Gegensätze zwischen "denen und uns", Christen und Muslimen, hier Geborenen und Zuwanderern, Ost und West. Voltaire hat (bei seinem Eintreten für Meinungsfreiheit) nach oben geschlagen. Jyllands-Posten hat nach unten getreten. Rassistische Karikaturen sind in einer multikulturellen Gesellschaft immer eine zweifelhafte Angelegenheit, und ganz besonders dann, wenn die Absicht dabei Verletzung ist. Allerdings hat sich der Mohammed-Konflikt längst von diesem einleitenden Problem gelöst. Schlechter Geschmack ist eine Frage, die man diskutieren oder vielleicht vor Gericht bringen kann. Drohung mit Gewalt bleibt inakzeptabel."

"Tribune de Genève": Auch die Meinungsfreiheit verdient Respekt

"Tribune de Genève" (Genf): "Die Meinungsfreiheit, es ist angemessen daran zu erinnern, ist eine der Grundlagen unserer Sozialordnung. Dank ihrer konnten wir im Laufe der Geschichte aus blutigen religiösen Konflikten entkommen, die uns zerrissen haben. Diese Meinungsfreiheit wird schon durch politisches Wohlverhalten heimtückisch bedroht, die dazu neigt, jede Form von Übertreibung auszuradieren.(...) Der Respekt schließt sicherlich Meinungsverschiedenheiten nicht aus. Aber wenn eine Karikatur Befindlichkeiten verletzt, muss man das sagen. Auch lautstark. Aber dass Staaten eingreifen, wie sie es jetzt tun, und dass ein ganzes Land für die Tat einer Zeitung an den Pranger gestellt wird, ist unannehmbar."

"El Mundo": Der Westen muss seine Freiheitsrechte verteidigen

"El Mundo" (Madrid): "Die wütenden und zum Teil gewaltsamen Aktionen in Ländern der arabischen Welt zeigen, dass es dort kein Verständnis gibt für ein demokratisches System, in dem die Presse frei ist und nicht im Namen der Herrschenden spricht. Noch Besorgnis erregender freilich sind gewisse Reaktionen im Westen wie die Entlassung des Chefs von 'France-Soir' oder die Erklärung der Organisation Reporter ohne Grenzen, die um 'Verständnis' für die Empörung der Muslime wirbt.

Auf die rabiaten Proteste der Muslime darf man nicht reagieren, indem man sich entschuldigt. Der Westen muss vielmehr sein Recht auf Meinungsfreiheit standhaft verteidigen, denn dieses ist einer der Grundpfeiler eines jeden demokratischen Systems."

DPA DPA

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