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Pressestimmen

Syrien-Konflikt: "Der Luftschlag war vor allem auch ein Symbol der Hilflosigkeit"

Das Medienecho zu den Luftschlägen gegen das syrische Assad-Regime ist groß. Doch der umstrittene "Warnschuss" werfe eine Frage auf: "Und dann?" Statt einer Strategie sei vor allem Ratlosigkeit zu erkennen.

Internationale Pressestimmen zu Syrien-Konflikt: "Der Luftschlag war vor allem auch ein Symbol der Hilflosigkeit"

Der Leuchtstreifen einer Flugabwehrrakete ist bei einem Luftangriff am Himmel über Damaskus zu sehen. Die USA, Frankreich und Großbritannien haben in der Nacht zu Samstag mit Militärschlägen gegen Syrien begonnen.

AP / DPA

Gemeinsam haben die USA, Großbritannien und Frankreich in der Nacht zum Samstag Ziele in Syrien angegriffen. Die Länder reagierten damit nach eigener Darstellung auf den mutmaßlichen Einsatz von Chemiewaffen im syrischen Bürgerkrieg, für den sie Präsident Baschar al-Assad verantwortlich machen.

Bei der Attacke am 7. April in der Stadt Duma wurden nach Angaben von Helfern mehr als 40 Menschen getötet. Nach Syrien gereiste Experten sollen den Vorfall vor Ort untersuchen. Die Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) hat am Montag mit einer Dringlichkeitssitzung zu dem mutmaßlichen Giftgasangriff auf die syrische Stadt Duma begonnen. Der OPCW gehören 192 Länder an. Die Pressestimmen.

Deutschland

"Bild": "Die obersten Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland haben die Luftangriffe gegen Assad kritisiert. Motto: Gewalt sei keine Lösung. Damit sprechen sie offiziell für Millionen Christen. Für mich nicht! (...) Als oberste Gebote nennt Jesus: Liebe Gott von ganzem Herzen - und deine Nächsten wie dich selbst. Das ist ein Aufruf, aktiv zu werden, statt das Leid in der Welt zu akzeptieren. Ich finde es richtig, dass Assad mit Bomben angegriffen wird. Nicht aus Mordlust, Vergeltung oder Bestrafung. Sondern aus Liebe zu den Menschen - unseren Nächsten - die er mit Giftgas tötet."

"Süddeutsche Zeitung": "Der Luftschlag sollte eine Botschaft der Entschlossenheit aussenden, aber er war vor allem auch ein Symbol der Hilflosigkeit, weil aus den Trümmern einer Giftmischanlage auch keine politische Idee emporstieg. Bald schon wird sich die Welt neuen Krisen zuwenden, bis in Syrien wieder Gas eingesetzt wird oder das Regime Assad auf den Trümmern einer einstigen Hochkultur den Sieg erklärt. (...) Und dann? In dieser Frage steckt all die Ratlosigkeit, die sich beim Blick auf das Schlachtfeld einstellt."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Sollte sich nun das Fenster der Diplomatie öffnen, wäre das nur zu begrüßen. An einigen Gegebenheiten änderte das erst mal nichts: Russland und Iran halten Assad an der Macht und lassen zu, dass er den Endkampf mit großer Brutalität führt. Trumps Amerika will keine ordnungspolitischen Lasten mehr tragen, allenfalls selektiv eingreifen. Wenigstens Britannien und Frankreich, dessen Präsident sich nicht mit einem Tribünenplatz zufriedengibt, bleiben nicht passiv. Europa? Deutschland? Haben keinen Einfluss, stöhnen aber unter den Folgen. Eine Strategie ist nicht in Sicht."

Schweiz

"Neue Zürcher Zeitung": "Natürlich ertönen nun Stimmen, die den Amerikanern, Briten und Franzosen vorwerfen, unbewiesene Anschuldigungen zu erheben und das Völkerrecht zu brechen. Aber wer so argumentiert, blendet aus, dass jene Institution, die solche Militäraktionen völkerrechtskonform bewilligen könnte, der UN-Sicherheitsrat, zur Geisel einer Kriegspartei geworden ist: Russland hat in diesem Konflikt konsequent jedes breit abgestützte internationale Vorgehen durchkreuzt und hält dem Verbrecher Asaad auch jetzt die Stange. Nicht einmal der sehr vernünftige Vorschlag einer UN-Untersuchung der Ereignisse in Duma hatte eine Chance gegen Moskaus Veto-Politik. Unbefriedigend bleibt, dass der Diktator Assad ungeschoren davonkommt. Eine militärische Einmal-Aktion mag als Demonstration dienen, ist aber kein Ersatz für eine längerfristig angelegte Strategie, die neben militärischen Schritten auch diplomatische Initiativen und einen verstärkten humanitären Einsatz umfassen müsste."

"Tages-Anzeiger": "Etwas verändern werden die Luftschläge nur, wenn sie jedes Mal erfolgen, wenn Assad Giftgas einsetzt. Auch dann, wenn es davon keine Bilder von toten Kindern gibt. Und verbunden sein müssen sie mit größerer Hilfe des Westens an Syriens Nachbarn, mit der Aufnahme von Flüchtlingen (die Trump gestoppt hat) und mit verstärktem Druck auf Russland und den Iran. Ansonsten mögen die Bomben noch so präzise sein - sie werden das Leid in Syrien nicht mindern."

Großbritannien

"Guardian": "Der syrische Präsident wird darin keine Bedrohung seiner Macht und keine Veränderung des Kriegsverlaufs in Syrien sehen. Schlimmer noch: Einfache Syrer dürften sich verwundert fragen, wieso der Westen reagiert, nachdem 1900 Menschen durch chemische Waffen getötet wurden, wo doch in diesem grauenhaften Krieg 400.000 ihr Leben durch konventionelle Waffen verloren haben. Syrien wird eine Zone der Instabilität bleiben, solange Assad mit seiner Minderheitsherrschaft der Alawiten im Amt bleibt, die sich - unterstützt von Russland, das die Baath-Partei bevorzugt, und vom schiitischen Iran - gegen das sunnitisch-arabische Kernland verschanzt haben. Die Militäraktionen am Wochenende mögen Assads vollständigen Sieg verhindert haben, aber sie werden seine Niederlage nicht beschleunigen." 

Niederlande

"De Volkskrant": "Das Assad-Regime zeigt sich nicht sonderlich beeindruckt von der Botschaft aus dem Westen. Es lässt einen Film verbreiten, ob nun inszeniert oder nicht, in dem Präsident Assad nach dem Anschlag ungerührt auf dem Weg ins Büro ist - bereit für einen neuen Arbeitstag. Westliche Raketen auf Damaskus? Der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur Sana zufolge wurden die von der kriegsgehärteten Bevölkerung als 'Feuerwerk' empfunden."

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"De Telegraaf": "Die scharfe Reaktion der USA, Großbritanniens und Frankreichs auf den Gebrauch chemischer Waffen durch das Regime des syrischen Diktators Assad war nicht nur notwendig, sondern auch angemessen und gerechtfertigt. Es war von großer internationaler Bedeutung, ein deutliches Signal gegen den barbarischen Einsatz chemischer Waffen zu setzen. Die Anwendung dieser grauenhaften Mittel ist unzulässig und diese Waffen sind nicht umsonst verboten. Ihr Einsatz ist ein Kriegsverbrechen und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit." 

Frankreich

"Ouest-France": "So verspätet und zeitlich wie örtlich beschränkt werden die Luftschläge des französisch-amerikanisch-britischen Trios gegen Syrien den Lauf des syrischen Konflikts nicht verändern. Das war übrigens auch nicht ihr erklärtes Ziel. (...) Es ist vor allem ein Warnschuss, den der Westen ausgesendet hat, und keine große militärische Intervention, die ausgelöst wurde (...). Um abzuschrecken. Um zu zeigen, dass der Einsatz von Chemiewaffen nicht zu tolerieren ist. (...) Die maßvollen Schläge gleichen daher stark einem Versuch, aus diesem strategischen Schlamassel herauszukommen. Um wieder Einfluss zu haben gegenüber der Achse Russland-Iran-Syrien (...)."

Italien

"La Repubblica": "Papst Franziskus appelliert zum x-ten Mal an alle Verantwortlichen, damit in Syrien Recht und Frieden vorherrschen. Er bitte, dass dafür gebetet wird. Vielleicht machen es einige, im intimen Gebet mit Gott. Aber sie sind nicht die Mehrheit, keine kritische Masse, es gibt keine Bewegung mehr. Seit einiger Zeit sind die Friedensfahnen in den Regenbogenfarben aus der Öffentlichkeit verschwunden, niemand demonstriert mehr ohne Wenn und Aber gegen Krieg. Auch im letzten Fall des Nahen Ostens überwiegen die Wenns und die Abers. Gegen Donald Trump zu sein, bedeutet den Diktator Assad zu verteidigen?

Gegen Assad zu sein, bedeutet auf der Seite jener Rebellen zu stehen, denen dschihadistische Einstellungen zugesprochen werden? Und wer hat wirklich Chemiewaffen eingesetzt? Die Fragezeichen, alle legitim, sind jedoch das Feigenblatt eines Engagements, das schon viel länger am Ende ist. Der Pazifismus war schon sterbenskrank, erstickt an der eigenen Impotenz. Grund ist eine Reihe historischer Niederlagen, die Frust und Ernüchterung hervorgerufen haben."

fs / DPA