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Prozess gegen Wikileaks-Informanten Ein Obergefreiter landet den Jahrhundert-Coup


Der Prozess gegen den mutmaßlichen Wikileaks-Informanten Bradley Manning hat begonnen. Sollte er schuldig gesprochen werden, droht ihm lebenslange Haft. Seine Unterstützer feiern ihn als Helden.

Bradley Manning war nur ein einfacher US-Obergefreiter, doch als Spezialist für nachrichtendienstliche Analyse hatte er im Irak-Einsatz Zugang zu einer mächtigen Waffe: Informationen. Bei Voranhörungen hat der heute 25-Jährige eingeräumt, zwischen November 2009 und Mai 2010 Tausende von US-Geheimdokumenten der Öffentlichkeit zugespielt zu haben. Allerdings will er sich in dem Prozess vor dem Militärgericht in Fort Meade bei Washington, wo am Montag der Prozess gegen ihn begann, nur in zehn von 22 Punkten schuldig bekennen. Den zentralen Vorwurf der Unterstützung des Feindes weist er zurück. Sollte er schuldig gesprochen werden, droht ihm eine lebenslange Haftstrafe.

Manning soll die Waffe des Zugangs zu Geheiminformationen gezielt gegen sein Heimatland gerichtet haben. Über die Internetplattform Wikileaks soll er die Regierung in Washington und das US-Militär bloßgestellt und damit einen Jahrhundert-Coup der Enthüllung von Geheimnissen gelandet haben. Besonders eklatant war die Video-Aufzeichnung von Angriffen mit zwei Apache-Helikoptern auf eine Gruppe von Irakern in Bagdad, bei denen zwölf Männer getötet und zwei Kinder verletzt wurden. Aber es geht auch um Enthüllungen darüber, dass 150 Häftlinge grundlos in Guantanamo festgehalten wurden.

Eines der bekanntesten Fotos Mannings zeigt ihn lächelnd in einer grünen Ausgehuniform, das Barett in sein knabenhaftes Gesicht gezogen. Seine Unterstützer haben T-Shirts, Poster und Anstecker mit diesem Bild bedrucken lassen. Für sie ist Manning ein Held, ein Kämpfer für transparente Demokratie. Das Unterstützernetzwerk hat mit derartigen Aktionen 1,1 Millionen Dollar eingenommen, die für seine Verteidigung ausgegeben werden können.

"Ich bin schon lange isoliert"

Die US-Medien haben versucht, Mannings Weg aus der Provinz im Mittleren Westen in die Zelle eines Militärgefängnisses nachzuzeichnen. Sie erzählen die Geschichte eines Außenseiters, der als Computerfreak in der Schule und als Homosexueller in der Armee Zurückweisung erfahren habe.

Einen Teil seiner Kindheit verbrachte Manning im Tausend-Seelen-Dorf Crescent im Bundesstaat Oklahoma, nach der Scheidung seiner Eltern zog er mit seiner aus Wales stammenden Mutter nach Großbritannien. Nach schwierigen Schuljahren schickte diese ihn zurück in die USA. Als der Vater von der Homosexualität seines Sohns erfuhr, warf er ihn der "New York Times" zufolge aus dem Haus. Nach einer kurzen Beschäftigung bei einer Softwarefirma und Minijobs im Einzelhandel sei er 2007 schließlich bei der Armee gelandet.

Die US-Armee verlangte bis vor Kurzem, dass Soldaten ihre homosexuelle Orientierung geheimhalten. "Ich bin schon lange isoliert", schrieb Manning dem Hacker Adrian Lamo, der ihn später verraten sollte. Bei den Voranhörungen in Fort Meade stellte Manning heraus, wie wichtig es ihm sei, "die Wahrheit herauszufinden".

Mannings Psyche "ausgesprochen labil"

In den Protokollen des Internetchats, die Lamo den US-Behörden übergab, scheint Manning zu beschreiben, wie er Geheimdaten an Wikileaks-Gründer Julian Assange weiterleitete. Dem "verrückten weißhaarigen Australier" habe er die Dokumente zugespielt, damit die "Wahrheit" ans Licht komme. Wikileaks machte mehr als 250.000 diplomatische Depeschen der USA und zehntausende Geheimunterlagen zum Afghanistan-Einsatz publik.

In Fort Meade wird es auch um die Psyche des Angeklagten gehen, die zum Teil als ausgesprochen labil geschildert wurde. In der Haft soll er im Schlaf an den Gittern der Zelle geleckt und sich weinend mit den Händen auf den Kopf geschlagen haben. Er wurde daher einer speziellen Überwachung für Selbstmordgefährdete unterworfen. Mannings Anwalt David Coombs bestreitet solche Selbstmord-Anwandlungen. Er sagt, Manning träume davon zu studieren und sich "im Dienste der Öffentlichkeit" einzusetzen, möglicherweise einmal als "Kandidat" bei einer Wahl anzutreten.

kave/DPA/AFP DPA

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