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Wikileaks-Informantin: Die Frau, der einst Bradley Manning war

Erst das Urteil, dann das Outing. In einem mutigen Schritt bekennt sich die Frau, die einst Bradley Manning war, zu ihrer Transsexualität. Eine Ehrenbezeigung

von Volker Königkrämer

Es klang zunächst wie eine letzte skurrile Wendung in dem Verfahren gegen den Wikileaks-Informanten: Bradley Manning will in Zukunft als Frau leben. Gerade erst war der 25 Jahre alte Gefreite in einem spektakulären Hochverratsprozess zu einer 35 Jahre langen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Streckenweise mutete die Verhandlung wie der Rachefeldzug einer persönlich beleidigten Supermacht an. Zudem sollte das Urteil ein klares Signal an zukünftige Whistleblower senden: Seht her, mit Verrätern kennt Uncle Sam keine Gnade!

Und nun dies: "Jetzt, da ich in diese nächste Phase meines Lebens eintrete, möchte ich, dass jeder mein wahres Ich kennt." So steht es in einem Brief, den Mannings Anwalt David Coombs am Donnerstag im TV-Sender NBC verlas "Ich bin Chelsea Manning. Ich bin eine Frau", heißt es weiter. "So bald wie möglich" wolle Manning eine Hormontherapie beginnen. "Ich bitte auch, mich ab heute mit meinem neuen Namen anzureden und das weibliche Personalpronomen zu verwenden", schließt das Bekenntnis.

Frau mit Courage

Ein Wunsch, dem man entsprechen sollte. Denn was auch immer Chelsea Manning sein mag - Heldin oder Verräterin - für ihre Haltung in den vergangenen drei Jahren gebührt ihr Respekt. Respekt, den ihr auch die Reporterin Meredith Clark von NBC erweist, als sie auf Twitter um Feedback bittet und dazu schreibt "wir wollen diese Geschichte richtig erzählen".

Doch was heißt "richtig" bei dieser Geschichte? Unbestritten kann man wohl behaupten, dass Chelsea Manning eine bemerkenswert couragierte Frau ist. Sie, die damals noch ein er war, ist erst 22, als sie Wikileaks rund 700.000 US-Geheimdokumente zuspielt, darunter das berüchtigte Video "Collateral Murder" das zeigt, wie 2007 bei einem US-Hubschrauberangriff im Irak ein Dutzend Zivilisten getötet werden. Manning arbeitet damals als Nachrichtenanalyst in der US-Armee. Viele andere hatten wie sie Zugriff auf solche Dokumente des Grauens. Doch nur sie hat den Mut und die Moral, die Gräuel öffentlich zu machen.

Mehr noch: Auch unter Haftbedingungen, die an Folter erinnern (Einzelhaft unter Dauerbeobachtung, Nacktappelle vor der Zelle) knickt sie nicht ein, übernimmt allein die volle Verantwortung für ihr Tun - gegen den massiven Druck des Justizministeriums, das unbedingt Wikileaks als Auftraggeber brandmarken wollte.

Und nun das Bekenntnis zur Transsexualität. Ganz bewusst erst nach dem Urteil, weil sie nicht gewollt habe, "dass das Thema den Prozess überschattet", so Anwalt Coombs auf NCB.

Druck in "hypermaskuliner" Umgebung

Die Aussicht, nach dieser Ankündigung 35 Jahre in einem Männergefängnis zu verbringen, konnte Chelsea Manning offenbar nicht von ihrem Wunsch abbringen, endlich reinen Tisch zu machen. Zu lange hatte sie ihre Transsexualität unterdrücken müssen. Im US-Militär galt zu ihrer aktiven Zeit noch die "Don't ask, don't tell"-Verordnung, nach der Homosexualität zwar nicht verboten ist, aber verschwiegen werden muss. Inzwischen, auch das gehört zur bitteren Ironie der Geschichte von Chelsea Manning, ist das Gesetz aufgehoben. Auch in der US-Armee dürfen sich Schwule und Lesben heute zu ihrer Sexualität bekennen. Doch Manning litt damals unter der offenkundigen Homophobie der Truppe.

Eine Tatsache, die ihre Verteidiger in das Verfahren einbrachten, um zu belegen, unter welchem emotionalen Stress ihre Mandantin zum Zeitpunkt der Übergabe der Wikileaks-Dokumente stand. Zwei Psychiater diagnostizierten bei Chelsea Manning Probleme mit ihrer sexuellen Orientierung. Manning habe in dieser "hypermaskulinen und schwulenfeindlichen" Umgebung der Kampfzone im Irak unter "unglaublichem Druck" gestanden.

Die Zerrissenheit sollte auch ein Bild belegen, das Manning an ihren damaligen Vertrauten geschickt hat. Es zeigt sie, die damals noch als Mann galt, mit einer blonden Perücke und geschminkten Lippen. "My Problem" - mein Problem, stand darunter.

Keine Verlegung in Frauengefängnis

Ein Problem, um das sich die US-Justiz nicht scheren will. Manning sitzt im Militärgefängnis Fort Leavenworth im Bundesstaat Kansas. Im Statement einer Sprecherin heißt es kühl: "Die Armee sieht keinerlei Hormontherapie oder Geschlechtsumwandlung vor für Personen mit Problemen bei ihrer sexuellen Orientierung."

Ihrem Anwalt zufolge besteht Chelsea Manning nicht darauf, in ein Frauengefängnis überstellt zu werden. Nach einem Drittel der 35-jährigen Haftzeit kann Manning die vorzeitige Entlassung beantragen. Das ist in sieben Jahren der Fall, da die seit 2010 andauernde Untersuchungshaft angerechnet wird. Außerdem läuft ein Gnadengesuch bei Präsident Barack Obama.

Es ist Mannings Anwalt, der auf NBC ein würdiges, vorläufiges Schlusswort findet: "Bei allen Herausforderungen, die vor liegen: Ihr ultimatives Ziel ist es, sich endlich wohlzufühlen in ihrer Haut."

Das ist ihr in der Tat zu wünschen, der Frau, die vormals Bradley Manning war.