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Räuberpistole oder Realität?: Presseschau zu mutmaßlichen Attentatsplänen des Iran

Angeblich habe der Iran ein Anschlagskomplott in Washington geplant. US-Präsident Barack Obama droht "härteste Sanktionen" an. Die Medien sind sich in Bezug auf Glaubwürdigkeit und Beweise uneinig.

Die Meinungen zum mutmaßlichen Mordkomplott des Iran gegen den saudiarabischen Botschafter in Washington gehen in den Medien auseinander. Einerseits wird dem Iran ein solches Vorhaben durchaus zugetraut. Andererseits ist die Beweislage gegen Präsident Ahmadinedschad sehr dünn.

"Augsburger Allgemeine":

Die Beweislage ist dünn, und viele Fragen stellen sich. Warum sollte eine windige Figur wie der Gebrauchtwagenhändler Arbabsiar die Fäden ziehen? Warum sollten unzuverlässige Drogendealer als Killer angeheuert werden? Warum wurde als Opfer kein Mitglied des saudischen Königshauses ausgewählt? Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder wurde die iranische Spezialeinheit Al-Kuds-Brigade gnadenlos überschätzt und sie ist wirklich so dilettantisch vorgegangen - oder die USA tragen in dieser Räuberpistole zu dick auf.

"Freie Presse":

Obama kommt als 'harter Hund' - wie etwa im Fall der Tötung Osama bin Ladens - im Land gut an. Iran, das wegen seines umstrittenen Atomprogramms und der unsäglichen Tiraden seines Präsidenten eh schon auf der internationalen Anklagebank sitzt, soll weiter isoliert werden. Die außenpolitische Rhetorik lenkt von den großen wirtschaftlichen Problemen und der hohen Arbeitslosigkeit in den USA ab. Obama darf sich keine Schwäche gegenüber den Mullahs erlauben. Schärfere Sanktionen werden aber wohl weniger den Iran treffen als vielmehr die Friedensbemühungen im Nahen Osten. Bei einer Konfrontation mit der regionalen Großmacht würde das Nahostquartett aus USA, EU, Russland und Vereinten Nationen als Vermittler vollends diskreditiert.

"Donaukurier":

Beim launigen Erzählen in geselliger Runde sind Übertreibungen ein beliebtes Stilmittel. Je abstruser eine Geschichte, desto besser kommt sie an. Das iranische Mordkomplott gegen den saudischen Botschafter in den USA ist eine herrlich absurde Geschichte, die sich um einen iranischen Texaner und einen südamerikanischen Drogendealer dreht. Leider handelt es sich nicht um eine Kamingeschichte, sondern um das offizielle Statement der mächtigsten Regierung der Welt, die in der Vergangenheit schon mehr als einmal militärische Aktionen auf ähnliche Anschuldigungen folgen ließ. Ob an der Story wirklich etwas dran ist und die iranische Regierung sich etwas vorzuwerfen hat, erfahren wir wohl nie.

"Der Standard":

Am Persischen Golf stehen sich saudi-arabische und iranische Interessen seit langem frontal gegenüber, dieser Krieg blieb kalt. Nun gibt es aber einen neuen Schauplatz: Saudi-Arabien steckt viel Geld und Energie in den Aufstand gegen das Assad-Regime, mit dem der Iran aus Syrien und dem Libanon vertrieben würde. Vielleicht schlägt Teheran deshalb wild um sich.

"Die Presse":

Teheran ist den Saudis in leidenschaftlicher Feindschaft verbunden. Jede Destabilisierung des sunnitischen Königreichs ist den Iranern recht. Nach einem Attentat auf Botschafter al-Jubeir wäre der erste Verdacht zudem höchstwahrscheinlich gar nicht auf den Iran, sondern auf einen anderen Erzfeind des Hauses Saud gefallen: die al-Qaida.

Doch auch wenn das Gerichtsverfahren in New York Irans Urheberschaft bei den Attentatsplänen in vollem Umfang ans Licht bringt, hat Teheran keine gröberen Konsequenzen zu fürchten. In ein militärisches Abenteuer werden sich die USA in der jetzigen Krisensituation nicht stürzen; und mit US-Sanktionen ist der Iran bereits eingedeckt.

"Le Figaro":

Der Iran unterhält seit langem enge und gut dokumentierte Beziehungen zum Terrorismus. Der Attentatsversuch auf den saudiarabischen Botschafter in Washington ist sehr ungeschickt für so gut ausgebildete Dienste. Er scheint auf alle Fälle sehr wirklichkeitsnah und zeugt von einer schweren Eskalation der unheilvollen Kampagne eines Regimes, das in dem Maß radikaler wird, wie es im Inneren geschwächt ist und in der Außenpolitik an seine Grenzen stößt. (...) In einem Nahen Osten, der eine starke Destabilisierungswelle durchlebt, kann ein Iran, der in den Händen seiner radikalsten Elemente ist, eine Eskalation wollen. Das ist ein sehr gefährliches Spiel, dem man misstrauen sollte.

hw/DPA/AFP / DPA