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Reaktionen auf Griechenland-Einigung: Erleichterung in der Politik - aber die Wirtschaft ist entsetzt

Eine Stimmung zwischen Hoffen und Bangen: Die Staats- und Regierungschefs sind bereit, über ein neues Griechenland-Hilfspaket zu verhandeln. Die Reaktionen sind gespalten - so mancher sieht den unvermeidlichen Grexit nur hinausgezögert.

Angela Merkel vor der Presse

Angela Merkel vor der Presse: Die Liste an Forderungen an Griechenland ist lang. Neben Privatisierungen von Staatsbesitz soll es unter anderem auch eine Verwaltungsreform geben.

Die Staats- und Regierungschefs der 19 Euro-Staaten haben sich darauf verständigt, dass mit Griechenland über ein neues, dreijähriges Hilfspaket im Volumen von über 80 Milliarden Euro verhandelt werden soll.

Die Meinungen über die Einigung von Gläubigern und Schuldnern gehen weit auseinander. Viele haben das Vertrauen in die Regierung von Alexis Tsipras verloren - oder sehen den Kompromiss als Aufschiebung des Unvermeidlichen. Wie die Reaktionen auseinanderdriften sehen Sie hier im Überblick.

Das sagen die Volkswirte:

Experten von Banken und Forschungsinstituten reagieren zurückhaltend auf die Einigung im Schuldenstreit mit Griechenland: Immerhin sei die Wahrscheinlichkeit eines Ausscheidens Griechenlands aus dem gemeinsamen Währungsraum etwas gesunken, erklärte Chefvolkswirt Ulrich Kater von der Dekabank. "Aus unserer Sicht liegt die Wahrscheinlichkeit nun wieder bei unter 50 Prozent."

Aus Sicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sind noch nicht alle Probleme Griechenlands gelöst. "Es ist lediglich ein erster Schritt, die wirtschaftliche Abwärtsspirale Griechenlands aufzuhalten", teilte DIW-Präsident Marcel Fratzscher mit. Jürgen Michels von der BayernLB hält das Risiko eines Euro-Abschieds von Griechenland nach wie vor für größer als die Chancen für einen Verbleib in der Währungsunion. Er glaubt an einen 'Grexit' nicht heute, aber später."

"Der Euro-Raum ist tief gespalten", so Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. "Deutschland und die nordosteuropäischen Länder wollen eine Währungsunion nach dem Maastricht-Vertrag, der auf solide Staatsfinanzen, Marktwirtschaft und eine unabhängige Zentralbank setzt. Dagegen wollen die südlichen Länder unter Führung Frankreichs eine Währungsunion ohne konsequente Haushaltsregeln und eine Zentralbank, die nach der Pfeife der Politiker tanzt."

So reagiert die deutsche Wirtschaft:

Aus der Industrie kommt scharfe Kritik am Schuldendeal mit Griechenland. "Die europäischen Steuerzahler werden wieder einmal genötigt, für viel Geld ein bisschen Zeit zu erkaufen", sagte der Präsident des Verbandes der Familienunternehmer, Lutz Goebel, der Nachrichtenagentur Reuters. "Das ist Insolvenzverschleppung. Griechenland wird seine Schulden nie zurückzahlen können. Es wird nur weiteres Geld ins Feuer geworfen."

Jeder Bürger müsse für einen Kredit Sicherheiten oder Liquidität nachweisen. "Griechenland kann das kaum und bekommt trotzdem Milliarden", ergänzte Goebel. "Keine private Bank würde sich darauf einlassen." Der Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB) forderte die Regierung in Athen auf, die vereinbarten Reformen nun auch durchzusetzen. "Jede weitere Unsicherheit oder Verzögerung wird den Euro zusätzlich schwächen", sagte VÖB-Hauptgeschäftsführerin Liane Buchholz. "Griechenland muss nun liefern."

So reagieren die Börsen:

Die Anleger haben mit Erleichterung auf die Einigung im griechischen Schuldenstreit reagiert. Der Dax legte 1,5 Prozent auf 11.485 Punkte zu, der EuroStoxx50 sogar um 1,7 Prozent auf 3589 Zähler. Die Kurse der als sicher geltenden, aber renditeschwachen Bundesanleihen gaben dagegen nach. Der Euro profitierte hingegen nur kurz von dem Hellas-Deal.

Die schwindende Furcht vor einem Überschwappen der Griechenland-Krise gab den Anleihen Italiens und Spaniens Auftrieb. Dies drückte die Renditen der jeweiligen zehnjährigen Titel auf 2,112 von 2,148 Prozent beziehungsweise auf 2,096 Prozent von 2,135 Prozent.

So reagiert die SPD:

Europa hat mit der Griechenland-Einigung nach Ansicht von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) seine historisch gewachsene Kompromissfähigkeit bewiesen. Auch weitere führende SPD-Politiker haben die Einigung auf Verhandlungen über ein drittes Rettungspaket begrüßt, zugleich aber Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble kritisiert. "Es ist gut, dass ein gemeinsamer Weg in der Euro-Zone gesucht wird", sagte Vizeparteichef Ralf Stegner. "Alle diejenigen, die gesagt haben, ein Grexit wäre besser, liegen falsch."

Der für Europa-Politik zuständige Vizefraktionschef Axel Schäfer warf Schäuble vor, dieser habe auf einen Abschied Griechenlands vom Euro gesetzt. "Das ist erfolgreich verhindert worden mit dem Engagement der SPD, weil wir gesagt haben - auch Schäuble gegenüber -, das machen wir nicht mit", sagte Schäfer Reuters.

So reagiert die CDU:

In der Unionsfraktion des Bundestages herrscht großer Unmut über weitere Milliardenhilfen für Athen. Zuletzt hatten mehr als 100 Abgeordnete von CDU und CSU zu Protokoll gegeben, einem dritten Rettungsprogramm nicht mehr zustimmen zu wollen. CDU-Vize Armin Laschet rechnet dennoch mit einer breiten Unterstützung des Deutschen Bundestags für Verhandlungen über ein drittes Hilfsprogramm für Griechenland. "Ich bin sicher, dass es im Bundestag eine Mehrheit gibt. Ich bin auch sicher, dass es in der Unionsfraktion eine Mehrheit gibt", so Laschet.

Angesichts des Widerstands in der Union gegen neue Griechenlandhilfen hat Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Vertrauensfrage im Bundestag aufgefordert. "Es wäre für Frau Merkel mehr als nur eine Blamage, sollte sie keine eigene Mehrheit bekommen". Schnell machte die Kanzlerin klar: "Nein. Die Vertrauensfrage erwäge ich nicht zu stellen".

So reagiert der linke Flügel von Syriza:

Der linke Flügel der Syriza-Partei von Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras ruft zum Widerstand gegen die Ergebnisse des Euro-Gipfels auf. "Nach 17-stündigen Verhandlungen haben die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone eine Vereinbarung geschlossen, die Griechenland und die Griechen demütigt", erklärte die Partei-Linke auf ihrer Internetseite. "Das griechische Volk darf sich dadurch nicht entmutigen lassen, im Gegenteil: Es muss hartnäckig bleiben, wie es das im Referendum und den landesweiten Protesten für ein 'Nein' bis ganz zum Ende war."

amt / DPA / AFP / Reuters