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Roma in Bulgarien: Apartheid in Europas Hinterhof

Sie leben von einem Euro am Tag, hausen im Müll und werden auch schon mal per "menschlicher Safari" zu Tode gehetzt. Die Diskriminierung der Roma in Bulgarien erinnert stark an Apartheid. Ein erschüttender Blick in den Hinterhof der EU.

Text und Fotos von Ton Koene

"Getrennte Schulklassen. Kein Zugang zu Schwimmbädern, Bars oder Restaurants. Keine Möglichkeit auf eine berufliche Karriere als Beamter oder in einem Büro. Gejagt und zusammengeschlagen von Polizisten. Ein Leben im Ghetto ohne Wasser oder Elektrizität. Süd-Afrika 1975? - nein, Europa im Jahre 2007." Nicolay Kirilov, Vorsitzender der Hilfsorganisation "Roma-Lom", ist hart in seinem Urteil über die Behandlung von Roma Zigeunern in Bulgarien. "Die Apartheid ist jetzt in den Hinterhöfen Europas angekommen."

Durch den Beitritt Bulgariens zur EU im Januar 2007 sind die fast eine Millionen Zigeuner dieses Landes nicht mehr nur ein bulgarisches, sondern auch ein europäisches Problem. Roma Zigeuner, aber auch Türken, die man für Zigeuner hält, werden in Bulgarien systematisch diskriminiert. Laut Hilfsorganisationen soll die Diskriminierung in den Städten Plovdiv und Lom sogar Ausmaße von Apartheid angenommen haben.

"Menschliche Safari" auf Obdachlosen

Schaudern lässt einen etwa die Geschichte eines obdachlosen, geistig verwirrten 45-jährigem Roma aus Lom. Vor einigen Jahren diente er als Soldat in der bulgarischen Armee, bis eines Tages einige betrunkene Offiziere beschlossen eine "menschliche Safari" zu organisieren. Zehn Minuten Vorsprung gaben sie dem Roma um in den Wald zu flüchten, danach begann die Hetzjagd. Mit Taschenlampen nahmen sie die Verfolgung auf - immer wieder schossen die Offiziere auf den Mann. Ziel war es den Flüchtenden zu töten - aus Zeitvertreib. Dennoch schaffte er es zu entkommen. Das erlittene Trauma aber war so groß, dass er in psychiatrische Behandlung musste. "Die menschliche Safari ist bezeichnet dafür, wie grausam die Roma manchmal in Bulgarien behandelt werden", sagt der Sozialarbeiter Kirilov, während seine Hand auf der Schulter des geistig Verwirrten Ex-Soldaten ruht. Kirilovs Organisation kümmert sich um die Bedürfnisse der Zigeuner in der Stadt Lom, im Norden Bulgariens. Glaubt man seinen Aussagen, dann herrscht unter vielen Bulgaren offener Rassismus gegenüber den Roma. "Armut und Depressionen sind die Folge", so Kirilov.

Häuser stehen bis zu einem Meter hoch unter Abwasser

Im Bezirk Stolipinovo der nördlichen Stadt Plovdiv leben rund sechzigtausend Roma in verfallenen alten Sowjet-Hochhäusern. Die Keller der Häuser stehen bis zu einem Meter hoch unter Abwasser. Ratten von der Größe eines Unterarms vermehren sich mit rasantem Tempo und dringen in die Wohnräume ein. Wasser und Elektrizität sind abgestellt, die Abwasserleitungen der Toiletten abgerissen. Den Abfall werfen die Bewohner aus dem Fenster, im Treppenhaus stapelt sich der Müll meterhoch.

Ausgelöst durch die miserablen hygienischen Bedingungen grassierte letztes Jahr eine Hepatitis-A-Epidemie in Stolipinovo. Besonders Kinder erkranken, haben Infektionen. Hier leben die Menschen dicht an dicht, mehrere Familien in kleinen Drei-Zimmerwohnungen sind keine Seltenheit.

Schlecht bezahlte und dreckige Jobs

Die meisten Roma sind arbeitslos. Gibt es ab an doch Arbeit, sind es schlecht bezahlte und dreckige Jobs: Straßenkehrer oder Müllsortierer. Alte Menschen jäten Unkraut in Gärten, um ihre mickrige Rente aufzubessern. Beliebte Roma-Methode um an Geld zu kommen, ist das Blutspenden für Bulgaren. Es gibt kein bulgarisches Krankenhaus vor dem keine Roma Zigeuner warten. Fast eine Million Zigeuner leben von gerade einmal ein bei zwei Euro am Tag.

Die extreme Armut und Perspektivlosigkeit schürt die sozialen Probleme in den Roma-Bezirken wie Stolipinovo. "Sicher fünf Prozent der Anwohner sind Heroinabhängig, erzählt Anjo Michaylov, ein Sozialarbeiter der Roma Organisation "Selbsthilfe Büro". "Und ein Schuss kostet nicht mal einen Euro."

"Korruption mit afrikanischen Ausmaßen

Auch Prostitution ist ein wachsendes Problem im Viertel, so Michaylov. Sogar Kinder, manche nicht einmal 14 Jahre alt, verkaufen ihre Körper, HIV-Infektionen inklusive. Zuhälter und Drogendealer fahren in schwarzen Mercedessen mit abgedunkelten Scheiben im Schritttempo durch Stolipinovo. Die paar anwesenden Polizisten schauen gegen Bezahlungen auch gerne mal in eine andere Richtung. "Korruption nimmt hier afrikanische Ausmaße an", sagt Michaylov.

In die kostenlose Grundschule für Zigeuner in Stolipinovo kommen nicht einmal fünf der dreißig Kinder. Die meisten gehen arbeiten anstatt eine Schule zu besuchen. Der Großteil der Zigeuner des Bezirks haben gar keine Schulbildung, wenn es hochkommt, waren sie einige Jahre in der Grundschule.

In jeder Stadt gibt es einen Roma-Bezirk

In jeder Stadt in Bulgarien gibt es einen Roma-Bezirk wie Stolipinovo, sagen die Sozialarbeiter. Die meisten Bulgaren sagen, dass alle Zigeuner dreckig, dumm und ordinäre Diebe seien. Aus Angst bleiben die Bulgaren in ihren eigenen Stadtvierteln und leben ihr eigenes Leben. Die Zigeuner scheinen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben und resignieren.

"Unser Leben wurde schon so oft beschrieben und abgebildet, aber nie hat sich für uns etwas verändert", sagt Slavka Naidenova. Die Zigeunerin arbeitet mit ihrer ganzen Familie - Vater, Mutter, Ehemann und Schwägerin - auf der Mülldeponie in Lom. Ein Tag bringt jedem 50 Cent. Naidenova wirkt älter als sie mit ihren 57 Jahren ist, ein zynisches Lachen zeigt ihre verfaulten Zähne. "Hau doch ab, wir sind keine Affen, die ihr immer wieder fotografieren könnt."