Roma in Südosteuropa Geduldeter 'Abschaum'


Während in Deutschland eine hitzige Debatte über Kinderbetreuung geführt wird, haben Roma-Kinder in Südosteuropa - nur wenige hundert Kilometer von uns entfernt - ganz andere Probleme: zwei Drittel leben in bitterer Armut.

Alle Menschen sind gleich? Sicher nicht! Alle Kinder sind gleich? Ganz sicher auch nicht! Deshalb hat Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, die Regierungen in Europa dazu aufgerufen, für Roma-Kinder die gleichen Rechte auf Gesundheit, Bildung und Schutz sicher zu stellen, wie für alle anderen Kinder auch. Die acht bis zehn Millionen Roma sind die größte Minderheit Europas. Und ihr Schicksal ist hart: Die überweigende Mehrheit der Kinder lebt unterhalb der Armutsgrenze, zeitweise hungern zwei von drei Familien - und die Kinder natürlich auch.

Brutaler Rassismus

Anlässlich der Konferenz "Roma-Kinder in Europa - Zwischen Integration und Isolation" in Paris appelliert Unicef an Politik, Medien und Behörden sich dafür einzusetzen, Vorurteile gegenüber der mit acht bis zehn Millionen Angehörigen größten Minderheit Europas abzubauen und den verbreiteten Rassismus gegenüber Roma zu bekämpfen. Bei der Tagung hatte Unicef einen Bericht zur Lage der Roma-Kinder in sieben Ländern Südosteuropas (Albanien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Mazedonien, Montenegro, Rumänien, Serbien) sowie im Kosovo erstellt.

Dabei ist laut Unicef die Lage der Roma in den neuen EU-Mitgliedstaaten kaum besser als in den ehemaligen Kriegsgebieten Bosnien und Kosovo. In Rumänien lebte etwa ein Drittel der Roma in "gettoartigen Wohnsiedlungen" meist ohne fließendes Wasser.

Roma-Kinder werden oft nicht eingeschult

Insbesondere in Südosteuropa, wo die meisten Roma in großer Armut am Rande der Gesellschaften leben, müssen massive Anstrengungen unternommen werden, damit alle Roma-Kinder die Schule besuchen können und medizinisch versorgt werden. In Ländern wie Albanien, Bulgarien und Rumänien werden gegenwärtig zwischen 20 und 40 Prozent der Roma-Kinder nicht einmal eingeschult. In Bosnien-Herzegowina gehen sogar 80 Prozent nicht zur Schule.

Fast die Hälfte der Roma in Südosteuropa sind Kinder und Jugendliche. Bei aller Unterschiedlichkeit haben sie eines gemeinsam: die meisten sind arm und wachsen in Verhältnissen auf, die oft nicht viel besser sind als in den Endwicklungsländern. Vor allem die Kinder leiden unter Armut, Diskriminierung und Perspektivlosigkeit.

Teufelskreis aus Ausgrenzung und Armut

"Roma-Kinder müssen die Chance bekommen, den Teufelskreis aus Armut, Ausgrenzung und Vorurteilen zu durchbrechen. Wenn mitten in Europa dauerhaft Hunderttausende Kinder in Ghettos ohne gute Ausbildung und Perspektiven aufwachsen, ist dies nicht allein eine Katastrophe für die Betroffenen. Ablehnung, Frustration und Aggression können sich aufschaukeln. Die sozialen und politischen Folgekosten wären enorm", sagte Reinhard Schlagintweit, Vorstandsmitglied von Unicef Deutschland.

Von Karin Spitra

Armut

Hunderttausende Roma leben isoliert in Ghettos und Slums. Etwa zwei Drittel haben keine Toilette und kein Badezimmer. Die schlechten Wohnverhältnisse am Rand der Städte und Ortschaften stigmatisieren die Bewohner und fördern Vorurteile. In fast allen Ländern muss mehr als die Hälfte der Roma mit weniger als 100 Euro im Monat auskommen.

Bildungsniveau

Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus und den Balkankriegen sank das Bildungsniveau in den meisten Ländern weiter. So ist in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, in Serbien und im Kosovo der Anteil der Roma, die nicht lesen und schreiben gelernt haben, bei den 14- bis 24-Jährigen deutlich höher als bei der mittleren Generation der heute 25- bis 34-Jährigen.

Gesundheit

Zwei Drittel der Roma-Haushalte haben nicht genug zu essen. Die Kinder werden seltener geimpft und ihre Familien können sich keine Medizin leisten, wenn sie krank sind. 20 Prozent der Kinder sind nicht gesund, verglichen mit nur sieben Prozent der Kinder aus Nicht-Roma-Familien.

Roma in Deutschland

In Deutschland leben etwa 70.000 Sinti und Roma mit deutschem Pass. Sie bilden seit Jahrhunderten eine nationale Minderheit. Weiter gibt es etwa 50.000 Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, die schon seit vielen Jahren hier leben und deren Kinder zum Teil hier geboren sind. Wie in den anderen europäischen Ländern teilen die unterschiedlichen Roma-Gruppen auch in Deutschland die Erfahrung, als "Zigeuner" beschimpft und diskriminiert zu werden. Besonders schwierig ist die Lage der Flüchtlinge, wie eine Untersuchung des Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin in Zusammenarbeit mit UNICEF ergab.

Roma-Kinder in Deutschland

Für Roma-Familien, die als Flüchtlinge nach Deutschland kamen und deren Kinder hier geboren oder zum größten Teil aufgewachsen sind, setzt sich Unicef für eine großzügige Aufenthaltsregelung ein. Von den rund 50.000 Roma-Flüchtlingen sind zwei Drittel lediglich geduldet. Diese Familien sind jeden Tag von Abschiebung bedroht. Sie dürfen nicht arbeiten und an Sprach- und Integrationskursen teilnehmen. Für die Kinder gilt vielerorts keine Schulpflicht oder sie haben sogar kein Anrecht, zur Schule zu gehen.

Roma in Rumänien

Die Roma (oder Zigeuner, wie sie früher auch genannt wurden) verließen in einer großen Völkerwanderung den Norden Indiens im zehnten und elften Jahrhundert und kamen um das Jahr 1407 herum in Europa an. Fast direkt nach ihrer Ankunft wurden sie versklavt, im 16. Jahrhundert begann dann die erste Welle der Verfolgung, die in ihrem Ausmaß und ihrer Grausamkeit nur noch von dem Nazi-Terror übertroffen wurde. Noch 1837 schrieb der Politiker Mihail Kogalniceanu, der sich sehr für ihre Rechte der Roma einsetze: " Ich habe in meiner Jugend auf den Straßen von Iasi Menschen gesehen, die Ketten an Armen und Beinen trugen, andere mit eisernen Schellen um ihre Stirn und wieder andere mit einem schweren Mtallreifen um ihren Hals. Grausame Züchtigungen und andere Strafen wie Verhungern lassen oder in den gefrorenen Fluss gehängt zu werden - dies war das Schicksal der bemitleidenswerten Zigeuner."

Die rumänischen Fürstentümer Walachei und Modawien befreiten ihr Roma zwischen 1837 und 1856. Viele blieben als bezahlte Arbeitskräfte bei ihren früheren Besitzern, während andere das Land verließen. So erreichten weitere Roma-Wellen um 1860 Deutschland, 1867 Frankreich, 1868 Großbritannien und die Niederlande und schließlich 1881 Nordamerika.

Wärhend des Antonescu-Regimes im Zweiten Weltkrieg wurden mindestens 20.000 Roma nach Transnistrien deportiert. Insgesamt starben damals mehr rumänische Roma, als in jedem anderen europäischen Land. Das spätere kommunistisiche Regime zwang sie dann sich am Rande der Städte und Dörfer anzusiedeln - wer sich weigerte landete im Gefängnis.

Heute leben von den insgesamt rund acht Millionen Roma fast zwei Millionen in Rumänien, immerhin knapp neun Prozent der Bevölkerung und eine der größten ethnischen Minderheiten Europas. Etwa ein Zehntel der Roma sind immer noch Nomaden, die nur die Winter in festen Camps verbringen, etwa 40 Prozent sprechen nicht mehr ihre eigene Sprache Romani und halten sich selbst auch nicht mehr für Roma.

Roma in Südosteuropa

StaatRoma in Tsd.Gesamtbev. in Mio.Roma-Anteil in Prozent
Albanien90 - 1003,12,9 - 3,2
Bosnien & Herzegovina40 - 503,91,0 - 1,3
Bulgarien700 - 8007,79,9 - 10,4
Mazedonien220 - 2602Nov 13
MontenegroFeb 200,62 0,3 - 3,2
Rumänien1.800 - 2.50021,68,3 - 11,6
Kosovo36 - 402,11,7 - 1,9
Serbien450 - 5007,75,8 - 6,5
Stand: 2006Quelle: UNPD Statisikbüro

Schulbesuch

Roma-Kinder sind beim Schulbesuch stark benachteiligt. Wenn sie überhaupt eingeschult werden, kommen sie oft auf reine "Roma-Schulen", die meist schlecht ausgestattet sind und wo es an qualifiziertem Personal fehlt. Oft werden Roma-Kinder mit fadenscheinigen Begründungen an Sonderschulen verwiesen.


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