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Massenproteste in Chabarowsk Der Ferne Osten Russlands brodelt – Behörden wollen mit List und Tücke die Proteste ersticken

Chabarwosk, Russland: Demonstranten versammeln sich vor dem regionalen Parlamentsgebäude im Zentrum der Stadt
Chabarwosk, Russland: Demonstranten versammeln sich vor dem regionalen Parlamentsgebäude im Zentrum der Stadt
© Yevgenia Pustovit / Picture Alliance
Fünf Tage in Folge gehen in Chabarowk Menschen auf die Straße. Sie fordern die Freilassung ihres Gouverneurs. Die Wut richtet sich gegen Wladimir Putin. Nun versuchen die Behörden mit subtiler Taktik, den Protesten ein Ende zu setzten. 

Im Fernen Osten Russlands klingen die Massenproteste nicht ab. In der Region Chabarowsk gingen die Menschen am Mittwoch den fünften Tag in Folge auf die Straße. Sie fordern vor allem die Freilassung ihres Gouverneurs. Sergej Furgal war am vergangenen Donnerstag von einem vermummten Spezialkommando verhaftet und ins 8000 Kilometer entfernte Moskau eskortiert worden, wo ihm der Prozess gemacht werden soll. Ihm wird vorgeworfen, in den Jahren 2004 und 2005 mehrere Morde an Geschäftsleuten in Auftrag gegeben zu haben. 

Doch die Menschen in der fernöstlichen Region glauben an seine Unschuld. Sie sind überzeigt, dass ihr Gouverneur aus dem Weg geräumt werden soll, weil Wladimir Putin einen persönlichen Rachefeldzug gegen ihn begonnen hat. "Putin, tritt ab!" "Putin ist ein Dieb!" "Weg mit Moskau!" "Sergej Furgal ist unsere Wahl!": Mit diesen Parolen ziehen die Demonstranten durch die Stadt. 

Während in Chabarowsk die Menschen ihre Wut hinausschreien, schweigt das Staatsfernsehen. Für die wichtigsten Sender des Landes finden die Proteste einfach nicht statt. Weder in den Nachrichten noch in den zahlreichen Polit-Talkshows werden die Ereignisse in Chabarowsk erwähnt.

Der Chefpropagandist des Kremls, Wladimir Solowjow, schwadroniert lieber zwei Stunden lang über katastrophale Zustände in den USA, bevor er zwei weitere Stunden sein Gift über die Ukraine ergießt. 

Nicht einmal Sergej Furgal selbst weiß, was in seiner Region geschieht. Wie die Vertreterin der Kommission zum Schutz von Menschenrechten Eva Merkachewa verlauten ließ, hat der inhaftierte Gouverneur keinen Zugang zu medialen Informationen. "Er weiß nichts über sie", antwortete Merkachewa auf die Frage von Journalisten, was der Angeklagte von den Protesten zu seiner Unterstützung halte.

Behörden greifen zu List

Unterdessen versuchen die russischen Behörden mit subtilen Methoden die Proteste in Chabarowsk zum Erliegen zu bringen. Auf dem Platz vor dem Parlamentsgebäude, auf dem sich die Demonstranten versammeln, wurden Schachtabdeckungen entfernt, wie Teilnehmer in sozialen Netzwerken berichten. Entlang der Marschroute wurde abends die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet.

Am Mittwoch fiel gleich in drei Stadtteilen der Strom komplett aus. "Die Trennung vom Stromnetz erfolgte teilweise in dem Zentralbezirk sowie in den Bezirken Zheleznodorozhny und Krasnoflotsky", teilte ein Sprecher der Stromnetze der Nachrichtenagentur Ria mit. Unter anderem blieb die zentrale Straße der Stadt, die Karl-Marx-Straße, ohne Strom. Hier liegt auch das Parlamentsgebäude. Zufall? Daran glaubt in Chabarowsk niemand mehr.

Auch die Corona-Pandemie soll offenbar den Behörden dazu verhelfen, die Lage wieder unter ihre Kontrolle zu kriegen. Chabarowsk sei die einzige Region in der gesamten Russischen Föderation, in der es eine wachsende Anzahl an Covid-19-Fällen gebe, so die offizielle Darstellung des Informationszentrums zur Bekämpfung der Epidemie vom Mittwoch. Anfang Mai seien noch 71 Fälle pro Woche registriert worden, nun 120. Und das, obwohl der Kreml Corona schon für besiegt erklärt hatte. Die angeblich steigenden Infektionszahlen könnten den Behörden nun den Vorwand liefern, Ausgangsbeschränkungen zu verhängen. 

Militär in Chabarowsk 

Zudem mehren sich Berichte, wonach in der Region militärische Kräfte zusammengezogen werden. Videos, die in sozialen Netzwerken kursieren, zeigen schwere militärische Fahrzeuge und Soldaten von Sondereinheiten in der Stadt. Die Behörden sollen eine Ausweitung der Proteste am kommenden Wochenende befürchten.

Die ersten Massenproteste in Chabarowsk und anderen Städten der Region fanden am vergangenen Samstag statt. Beobachter sprechen von den größten Protesten seit Jahren. Zwischen 30.000 und 60.000 Menschen sollen Schätzungen zufolge teilgenommen haben. Das sind zwischen fünf und zehn Prozent der Stadtbevölkerung. In Chabarowsk leben rund 577.000 Menschen. 


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