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Russland: "Totengräber der Medienfreiheit"

Kritik am Vorgehen der russischen Einsatzkräfte in Beslan hat bereits die Karriere des Chefredakteurs der "Iswestija" beendet. Unter Präsident Wladimir Putin sind die Staatssender zu reinen Verlautbarungsmedien verkommen.

Die Zuschauer in Deutschland, Großbritannien oder den USA waren in den entscheidenden Minuten dagegen bestens informiert. Die ausländischen Sender zeigten live jene Aufnahmen des Staatssenders Rossija, die den russischen Zuschauern zunächst vorenthalten wurden. Nur der früher private und heute von einem Staatskonzern kontrollierte Fernsehsender NTW zeigte in der ersten Stunde der Erstürmung Bilder aus Beslan.

Im Gegensatz zu den überregionalen Fernsehsendern herrscht in den meisten in Moskau erscheinenden Tageszeitungen durchaus ein spürbar kritischer Umgang mit der Staatsführung. Als "54 Stunden Lügen" bezeichnete etwa die Zeitung "Russkij Kurjer" die Informationspolitik der Behörden vom Überfall auf die Schule bis zum blutigen Ende des Geiseldramas.

Kündigung nach Kritik

Eine ähnlich deutliche Kritik am Vorgehen der Einsatzkräfte hat offenbar die Karriere Raf Schakirows bei "Iswestija" beendet. Das Chaos während der Geiselbefreiung und die Ursache für das Sterben so vieler Kinder fassten "Iswestija"-Korrespondenten vor Ort in einen provozierenden Satz: "Die Terroristen schossen den Kindern in den Rücken, und die Soldaten trafen die Kinder ins Gesicht."

Das brachte wohl das Fass zum Überlaufen. Ob nun ein wichtiger Beamter im Kreml zum Telefon griff oder der Verlag von allein die Handbremse zog, ist unklar. Offensichtlich ist dagegen, dass der "Iswestija"-Eigentümer, der Großindustrielle Wladimir Potanin, auch in Zukunft das Wohlwollen der Führung um Putin für seine Geschäfte braucht.

Seit Jahren muss sich der Präsident vor allem im Ausland mit der Kritik auseinander setzen, er sei der "Totengräber der Medienfreiheit" in Russland. Tatsächlich sind die Staatssender zu reinen Verlautbarungsmedien verkommen. Doch bei aller Kritik an der Politik des Kremls darf nicht übersehen werden, dass unabhängige Medien in Russland keine Tradition haben. Unter Putins Vorgänger Boris Jelzin war zwar im Fernsehen deutlich mehr kritisches Hinterfragen der Staatsmacht möglich. Doch dieser Zeit der Wirren Mitte der 1990er Jahre trauert in der russischen Bevölkerung heute kaum noch jemand nach.

Zehntausende demonstrieren vor dem Kreml

Währenddessen haben zehntausende Menschen am Dienstag vor dem Kreml der Opfer des Geiseldramas von Beslan gedacht. Die Demonstranten waren Aufrufen der Regierung zu dieser Solidaritätskundgebung gefolgt. In Beslan wurden weitere Tote beigesetzt, darunter wieder viele Kinder. Präsident Wladimir lehnte unterdessen Verhandlungen mit tschetschenischen Separatisten erneut kategorisch ab. Den für Ende der Woche geplanten zweitägigen Deutschlandbesuch sagte er ab. Angesichts des schrecklichen Terroranschlags von Beslan" seien beide Regierungen übereingekommen, die deutsch-russischen Regierungskonsultationen auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, teilte die Bundesregierung in Berlin mit. Der Kreml-Pressedienst gab keine offizielle Begründung für die Verschiebung.

Für die Kundgebung in Moskau, die von einer regierungsnahen Gewerkschaft organisiert wurde, war auch im Fernsehen stark geworben worden. Prominente riefen die Menschen auf, gegen den Terror auf die Straße zu gehen. Aber es gab auch Kritik an dieser Demonstration. Auf der Web-Site von Gazeta.ru hieß es, es gebe wohl keinen Zweifel, dass die Kundgebung in erster Linie ein Ausdruck der Solidarität mit Präsident Putin sein solle.

In Wladikawkas, der Hauptstadt der russischen Republik Nordossetien, warfen mehrere hundert Demonstranten den Behörden eine Mitschuld an den Ereignissen in Beslan vor. "Korruption ist eine Quelle des Terrors", stand auf einem Plakat. Etliche Teilnehmer der Kundgebung forderten den Rücktritt des nordossetischen Präsidenten Alexander Dsasochow.

Putin kündigt Untersuchung an

Putin kündigte im Gespräch mit ausländischen Journalisten eine interne Untersuchung des Geiseldramas an. Öffentliche Ermittlungen werde es nicht geben. Die interne Untersuchung soll laut Putin den Ablauf der Geiselnahme rekonstruieren und herausfinden, "wer verantwortlich ist und bestraft werden sollte". Zugleich schloss er in dem am Montagabend geführten Interview aus, auf Forderungen tschetschenischer Separatisten einzugehen.

Die britische Zeitung "The Guardian" zitierte Putin mit den Worten: "Warum sollten wir mit Kindermördern verhandeln?" Niemand habe das Recht, dies zu verlangen, sagte der Präsident, der auch einen Vergleich zum Terrornetzwerk Al Kaida zog: "Warum trifft man sich nicht mit Osama bin Laden, lädt ihn nach Brüssel oder ins Weiße Haus ein und spricht mit ihm, fragt ihn, was er will, und gibt es ihm, so dass er in Frieden geht?"

Ein nach dem Geiseldrama von Beslan festgenommener Verdächtiger hatte zuvor den tschetschenischen Rebellenführer Schamil Bassajew und den früheren Präsidenten Aslan Maschadow als Drahtzieher des Verbrechens bezeichnet. Der Anführer der Geiselnehmer habe erklärt, sie handelten im Auftrag der beiden Tschetschenen-Führer, sagte der Mann am Montag im russischen Staatsfernsehen. Maschadow hatte am Donnerstag jegliche Beteiligung an der Geiselnahme abgestritten.

Noch mehr als 330 Verletzte im Krankenhaus

Nach offiziellen Angaben kamen im Laufe der dreitägigen Geiselnahme und der Erstürmung der Schule am Freitag insgesamt 365 Menschen ums Leben, darunter 326 Geiseln und elf Sicherheitskräfte. Mehr als 330 Verletzte wurden am Dienstag noch im Krankenhaus behandelt. Ein Arzt im Krankenhaus von Wladikawkas sagte dem Fernsehsender NTW, nach wie vor seien 170 Menschen vermisst gemeldet. "Viele davon liegen in der Leichenhalle und sind so stark verbrannt, dass es noch nicht einmal möglich ist, ihr Geschlecht zu bestimmen", sagte Wissarion Kalagow.

Stefan Voß/DPA / DPA