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Drastische Maßnahmen Russland im Corona-Albtraum: Kreml schickt Millionen in viermonatige Quarantäne und verordnet Zwangsurlaub

Moskau, Russland: In dem Versuch die Corona-Pandemie zu bremsen, werden U-Bahn-Waggons desinfiziert
Moskau, Russland: In dem Versuch die Corona-Pandemie zu bremsen, werden U-Bahn-Waggons desinfiziert
© Vladimir Astapkovich / Picture Alliance
In Russland wütet die vierte Corona-Welle. 1000 Menschen erliegen dem Virus jeden Tag. In Moskau gilt nun für zwei Millionen Menschen eine viermonatige Ausgangssperre. Während sich ein neuer Lockdown anbahnt, schickt Putin das Land in Zwangsurlaub. 

Während Europa nach dem Höhepunkt der vierten Corona-Welle aufatmet, wütet das Virus in Russland mit ungehemmter Kraft. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein neuer negativer Rekord verzeichnet wird. Am Mittwoch meldeten die russischen Gesundheitsbehörden erschreckende 1028 Todesfälle binnen 24 Stunden – ein neuer Höchstwert seit Beginn der Pandemie. Gleichzeitig wurden 34.073 neue Infektionen registriert. 

Wie unzuverlässig und mangelhaft die offiziellen Corona-Daten der russischen Behörden sind, hat die Vergangenheit bereits gezeigt. Dabei entlarvten die verschiedenen Ämter zu einem großen Teil ihre Fälschungen selbst (wie der stern hier berichtete). Die Dunkelziffer dürfte also selbst die erschreckenden offiziellen Zahlen um einiges schlagen. 

Die Behörden gehen nun wieder zu drastischen Maßnahmen über. In Moskau haben sich ab dem 25. Oktober alle über 60-Jährigen und Menschen mit chronischen Erkrankungen einem "Heimregime" zu unterwerfen. Sie dürfen ihre Häuser und Wohnungen nicht mehr verlassen – vorerst bis zum 25. Februar 2022. Mindestens vier Monate lang gilt die Quarantäne-Pflicht. Das gab der Bürgermeister der Hauptstadt Sergeij Sobjanin am Dienstag bekannt.

"Meine lieben Großmütter und Großväter, mir ist bewusst, wie mühsam und unbequem die aktuellen Beschränkungen sind", so Sobjanin. "Aber es gibt einfach keine andere Möglichkeit, Sie vor einer schweren Krankheit zu bewahren. Bitte, lassen Sie sich impfen. So schützen Sie Ihre Gesundheit und können Ihre gewohnte Lebensweise beibehalten", schloss der Bürgermeister seine Erklärung ab. 

Geimpfte und Genesene sind von der der Regelung ausgeschlossen. Von den drei Millionen über 60-jährigen Moskauern sind jedoch nach Angaben von Sobjanin nur 1,14 Millionen geimpft. Fast zwei Millionen Bürgern steht also eine viermonatige Ausgangssperre bevor. Und Moskau könnte erst der Anfang sein. Die Hauptstadt wird oft als riesiges Freiluft-Testlabor benutzt. Was sich hier bewährt, findet später im ganzen Land Anwendung.

In Russland stehen die Zeichen auf Lockdown 

Was sich schon jetzt für ganz Russland anbahnt, ist ein neuer Lockdown. Am Dienstag wandte sich die stellvertretende Premierministerin Tatyana Golikowa an Präsident Wladimir Putin mit dem Appell, die Woche vom 30. Oktober bis 7. November für arbeitsfrei zu erklären, in manchen Regionen sogar bereits ab dem 23. Oktober. Solche Appelle haben in der russischen Politik einen theatralischen Charakter: Sie sind der erste Akt in einem großen Drama, das bereits zu Ende geschrieben ist. Die Dramaturgie ist dabei stets dieselbe: Ein Untergebener wendet sich mit einem Appell an Putin, nur damit dieser gönnerhaft der Bitte stattgeben kann. Auch dieses Mal wiederholte sich das Szenario. Am Mittwochnachmittag stimmte Putin der Einführung der arbeitsfreien Woche zu. 

Wieder werden die Russen zwangsweise in den Urlaub geschickt. Eine Methode, die während der Pandemie bereits mehrfach zum Einsatz kam. Auf Lohn und Gehälter müssen die beurlaubten Beschäftigten aber in dieser Zeit verzichten – und das während die wirtschaftliche Lage viele ohnehin in die Armut treibt.

Für Moskau steht nicht nur eine arbeitsfreie Woche, sondern ein Lockdown bevor. Vom 28. Oktober bis zum 7. November werden Geschäfte, Restaurants, Fitnessclubs, Schönheitssalons, Kinos und andere Freizeiteinrichtungen geschlossen, teilte die Stadtverwaltung am Donnerstag mit. In Schulen und Kindergärten werden Ferienregelungen in Kraft treten.

Vernichtendes Zeugnis für Corona-Politik des Kremls

Die desaströse Corona-Lage stellt vor allem dem Kreml ein vernichtendes Zeugnis aus. Im Vorfeld der Parlamentswahlen im vergangenen September vermied die Regierung tunlichst alles, um im schlechten Licht dazustehen. Die Pandemie wurde wiederholt für beendet erklärt, fast alle Maßnahmen wurden aufgehoben, staatliche Medien durften nur in den späten Abendstunden über die Corona-Entwicklungen berichten. Nichts sollte den Machterhalt der Regierungspartei Einiges Russland gefährden.

Gleichzeitig ist die Impf-Kampagne des Kremls gescheitert. Und das obwohl Putin bereits am 11. August 2020 höchstpersönlich den Durchbruch verkündete. Zum ersten Mal auf der Welt sei ein Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen worden: Sputnik V.

Wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit des Vakzins legte der Kreml aber bis heute nicht vor. Das Misstrauen konnte Putin nicht aus der Welt räumen – vor allem nicht in Russland. Nur 30 Prozent der Bevölkerung sind nach offiziellen Angaben geimpft. Wobei der Schwarzmarkt für gefälschte Impfausweise boomt. Rund die Hälfte der Russen lehnt eine Impfung ab, trotz aller Restriktionen und Zwänge. 

Auch die immerwährende Propaganda kann da keine Abhilfe schaffen. Mittlerweile gehen sogar Kreml-Getreue dazu über, ein Scheitern einzuräumen, auch wenn sie die Schuld niemals bei der Regierung suchen würden. Vor wenigen Tagen sorgte die Moderatorin und TV-Gesundheits-Guru Elene Malyschewa für Aufsehen. Auf Instagram schrieb sie: "Man muss klar zugeben, dass es in der Russischen Föderation eine sehr schlimme, schreckliche Coronavirus-Situation gibt. Die Sache ist, dass unsere Bürger nicht geimpft sind, deshalb haben wir eine hohe Inzidenz. Man muss alle Alarmglocken schlagen, denn was die tägliche Sterblichkeit angeht, sind wir die Führenden in der ganzen Welt."

Russland, Moskau: Blumen stehen auf Gräber auf dem Butowskoye Friedhof, der meistens für Verstorbene reserviert ist, die aufgrund einer Corona-Infektion verstorben sind. Russland hat die weltweit höchste Corona-Sterberate. 
Russland, Moskau: Blumen stehen auf Gräber auf dem Butowskoye Friedhof, der meistens für Verstorbene reserviert ist, die aufgrund einer Corona-Infektion verstorben sind. Russland hat die weltweit höchste Corona-Sterberate. 
© Dmitry Serebryakov / DPA

Schon allein, dass diese Tatsache von einer Propagandistin öffentlich eingestanden wird, ist ein Kuriosum. Und Malyschewa geht noch weiter: "Die ganze Welt schließt mit der Pandemie ab. Nur wir kommen da nicht heraus. Das ist beschämend..." 

"Unser Impfstoff Sputnik ist wirklich effektiv und sicher! Lassen Sie sich impfen, meine Damen und Herren!", ruft sie wiederholt auf. Ob das hilft, bleibt fraglich. "Die Gesellschaft weiß: Wenn der Kreml etwas propagiert, dann heißt das nichts Gutes", spottete einst Leonid Wolkow, enger Mitarbeiter des inhaftierten Oppositionspolitikers Alexej Nawalny.


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