Ségolène Royal Die beste Waffe gegen die Rechten


Sie hat sie alle abgehängt: den Ex-Premier Lionel Jospin, den glamourösen Jack Lang und nicht zuletzt ihren eigenen Lebensgefährten. Nun schickt sich die Sozialistin Ségolène Royal an, das nächste Staatsoberhaupt Frankreich zu werden.
Von Tilman Müller

"Wir werden gewinnen", rufen begeistert ihre Anhänger in einer Turnhalle im 11. Arrondissement von Paris, "Ségolène wird Präsidentin". Und da geht die sonst eher charmant zurückhaltende Kandidatin plötzlich aus sich heraus und greift ihre beiden Mitbewerber frontal an. "Ich habe gehört", sagt Ségolène Royal, "dass einer meiner Konkurrenten fragte: 'Aber wer wird denn ihre Kinder hüten?'" Die Menge wiehert. Und der andere Konkurrent, übertönt die Vielumjubelte nun das Gejohle, habe gesagt: "Wäre sie doch besser zu Hause geblieben bei ihren Küchenrezepten."

Die blöden Machosprüche gaben die beiden Royal-Rivalen tatsächlich von sich. Laurent Fabius, vor mehr als 20 Jahren schon einmal Premierminister, empfahl der neuen Galionsfigur der Sozialisten die Rückkehr ins Kinderzimmer; Dominique Strauss-Kahn, einst Finanzminister, wollte die blendend aussehende Politikerin in die Küche verbannen. Dabei sind beide Herren in Frankreich längst nicht so beliebt wie die umtriebige Favoritin der sozialistischen Kandidaten-Kür, die heute Abend über die Bühne geht - Auftakt für die Präsidentschaftswahlen im April kommenden Jahres. Niemand bezweifelt, dass die "erste Madonna der V. Republik" (Paris Match) heute gewinnen wird; fragt sich nur, ob sie eine absolute Mehrheit erzielt.

60 Prozent der Stimmen sind drin

Umfragen unter Sympathisanten der Sozialisten trauen ihr bis zu 60 Prozent der Stimmen zu, doch der Urnengang der 218.771 eingeschriebenen Parteimitglieder folgt eigenen Gesetzen. Zwar haben sich 59 der insgesamt 105 wichtigsten Parteisekretäre für Royal ausgesprochen; doch wer weiß, für wenn sich das Fußvolk entscheidet - zumal es innerhalb der sozialistischen Reihen 70.000 neue Mitglieder gibt. Notfalls muss eine Stichwahl am 23. November die Entscheidung bringen.

Erstaunlich, wie schnell sich Madame in der von alten Männern - den so genannten Elefanten - dominierten Partei zum fast schon europaweit bekannten Star aufschwingen konnte. Geradezu sensationell, wie es ihr zuletzt gelang, sich ähnlich wie einst Tony Blair als neues Polit-Phänomen mit unkonventionellem Flair und jenseits festgefahrener Kategorien von links oder rechts zu präsentieren – und das, obwohl sie als Absolventin der Eliteschule ENA und als mehrfache Ministerin der Sozialisten unter Ex-Präsident François Mitterrand bereits seit langem fester Bestandteil der französischen Führungskaste ist.

Amt mit unbekümmerter Lässigkeit angestrebt

Begonnen hat ihr zweiter ungeahnter Aufstieg im März 2004, als sie überraschend die Regionalwahlen in Poitou-Charentes gewann. Schon damals prognostizierten Insider, die "Zapatera", wie Royal nun in Anlehnung an Spaniens erfolgreichen Regierungschef Zapatero genannt wurde, könne einmal Frankreichs erste Staatschefin werden. Ein Amt, das die 53-Jährige anfangs mit geradezu unbekümmerter Lässigkeit anstrebte, inzwischen indes mit zunehmender Entschlossenheit verfolgt. Unermüdlich tourt sie durch die Lande, umgeben von PR-Leuten, Spezialisten ihrer starken Website "Désirs d’Avenir" (Wünsche der Zukunft) und neuerdings auch von einem Sprach-Therapeuten.

Im Empfangszimmer ihres Präsidentenbüros in der westfranzösischen Provinzstadt Potiers kreist ein Mobile mit Sprüchen in allen möglichen Sprachen in der Luft. Die Mutter von vier Kindern trägt Designer-Chic, meist eng taillierte Kostüme, manchmal dezente Netzstrümpfe und kniehohe Stiefel und stets feinstes Make-Up. Sie spricht sehr leise, sehr persönlich, kein Satz klingt vorformuliert. Lächelnd nannte sie sich in einem stern-Gespräch vor wenigen Monaten eine Feministin und fügte hinzu, Kanzlerin Angela Merkel sei, "ohne es zu wissen", ebenfalls eine Feministin.

Schwachstelle Außen- und Finanzpolitik

Die Umwelt- und Bildungspolitik ist ihre Domäne; prominente Politiker der Grünen, wie etwa Daniel Cohn-Bendit, äußern sich begeistert über sie. Weit weniger Erfahrung besitzt sie in der Außen- und Finanzpolitik – gerade auf diesen Gebieten versuchen ihre Widersacher gegen sie zu punkten, vor allem Fabius, der voriges Jahr die sozialistische Partei spaltete, indem er im Gegensatz zu Royal vehement die Ablehnung der europäischen Verfassung betrieb.

Als ihr Idol bezeichnet die Spitzenkandidatin natürlich mitnichten einen Mann, sondern die gute alte Revolutionsheldin Jeanne d’Arc. Das mag mit ihrer eigenen Vita zusammenhängen, der sich jüngst gleich mehrere Biografen angenommen haben. Danach litt die Offizierstochter nachhaltig unter ihrem Vater Jacques, einem unbelehrbaren, erzkatholischen Haudegen, der stets ein Monokel trug und ihre Mutter und ihre sieben Geschwister unsäglich tyrannisierte; manchmal ließ er das Haupt seiner Söhne kahl scheren, wenn sie nicht spurten.

Die im senegalesischen Dakar geborene Ségolène geht als 19-Jährige zum Studium nach Nancy; die Mutter teilt mit ihr dort eine Wohnung, nachdem sie ihren martialischen Mann verlassen hat, und schlägt sich mit Putzjobs durch. Es dauert Jahre, bis ein Unterhaltsprozess gegen den Uneinsichtigen gewonnen ist – ein Drama, aus dem sich auch erklärt, warum die besonders strebsame Musterschülerin der "Generation Mitterrand" ihren ENA-Kollegen und langjährigen Lebensgefährten François Hollande bis heute nicht geheiratet hat. "Wenn ich ein Ziel sehe, organisiere ich mich entsprechend", sagte sie kürzlich einem Journalisten der New York Times, "ich mache eine Einschätzung und dann erreiche ich, was ich will - das hat etwas sehr Militärisches."

Ihr Lebensgefährte ist auch Vater ihrer vier Kinder

François Hollande ist zugleich Vater ihrer vier Kinder und derzeitiger Chef der sozialistischen Partei. Dort zählt er zu den altersmüden Elefanten, die sich noch vor ein paar Monaten Hoffnungen machten, gegen Nicolas Sarkozy antreten zu können, den die konservative UMP im Januar wohl als Präsidentschaftskandidaten nominiert.

Schon einige aus der alten Garde mussten jedoch inzwischen das Handtuch werfen. Allen voran Lionel Jospin, der bei letzten Präsidentschaftswahlen so kläglich unterlag und sogar weniger Stimmen als Jean-Marie Le Pen von der rechtsradikalen Front National einfuhr. Den ganzen Sommer über hielt Jospin die Flamme am Kochen – bis er seine Ambitionen tränenden Auges begraben musste. Auch der einst als Kulturminister so glamouröse Jack Lang stieg aus dem Rennen – Ségolène Royal, sagte er kleinlaut zum Schluss, sei die Einzige, die die Rechten schlagen könne.


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