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Verschwundener Journalist: Manager und Politiker boykottieren Gipfel in Riad - warum der Siemens-Chef noch zögert

Nach dem Verschwinden des regierungskritischen Journalisten Jamal Kashoggi haben mehrere Manager und Politiker ihre Teilnahme an einer Investorenkonferenz in Saudi-Arabien abgesagt. Siemens-Chef Joe Kaeser ist noch unentschlossen, ob er teilnehmen wird.

Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, während einer Pressekonferenz

Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, während einer Pressekonferenz

DPA

Vom 23. bis 25. Oktober findet in Riad ein großer Wirtschaftsgipfel statt. Beim auch "Wüsten-Davos" genannten Treffen will Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman sein ambitioniertes Reformprogramm präsentieren und bei ausländischen Wirtschaftsvertretern um Investitionen werben.

Seitdem aber der regierungskritische Journalist Jamal Kashoggi in der saudischen Botschaft in Istanbul verschwunden ist, sind bereits zahlreiche westliche Unternehmen auf Distanz zu der Veranstaltung gegangen. Unter anderem haben der Chef der Großbank HSBC, John Flint, sowie die Vorstandsvorsitzenden des Unterhaltungskonzerns Viacom und vom Fahrdienstleister Uber abgesagt. Auch der britische Großinvestor Richard Branson hat sich bereits zurückgezogen. Medienunternehmen wie Bloomberg, "Financial Times", "The New York Times" und "The Economist" erklärten, nicht mehr als Sponsoren zur Verfügung zu stehen.

Heiko Maas legt Reisepläne nach Saudi-Arabien auf Eis

Bundesaußenminister Heiko Maas hat seine Reisepläne nach Saudi-Arabien ebenfalls vorerst auf Eis gelegt. Maas sagte, er wolle die Ermittlungen und ein mögliches Statement von Riad abwarten. Der Fall müsse unverzüglich und lückenlos aufgeklärt und Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden, fordert er. "Die Vorwürfe, die im Raum stehen, die sind gravierend bis verstörend, muss man ja fast sagen", sagte Maas. "Wir wollen wissen, was dort geschehen ist."

Auch der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire sagte seine Teilnahme an dem Treffen ab. "Ich werde nächste Woche nicht nach Riad reisen", erklärte er. "Die Vorfälle sind sehr schwerwiegend." US-Finanzminister Steven Mnuchin erklärte, er werde am Donnerstag entscheiden, ob er an der Konferenz teilnehmen wird.

Zuvor hatte Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), ihre geplante Reise in den Nahen Osten verschoben. "Die ursprünglich geplante Reise der Managing-Direktorin in die Nahost-Region wird verschoben", sagte ein Sprecher des IWF, ohne weitere Angaben zu machen. Kurz vor ihrer Absage hatte Lagarde noch erklärt, sie werde trotz erheblicher Vorwürfe gegen die politische Führung des Königreichs nach Riad reisen. 

Siemens-Chef Joe Kaeser noch unentschlossen

Siemens-Chef Joe Kaeser hält sich die Teilnahme weiter offen. "Ich habe mich noch nicht entschieden, aber ich muss es bald tun", sagte er auf einer Konferenz des US-Wirtschaftsmagazins "Fortune" in Toronto. Kaeser machte die Aussagen bereits am Dienstag. Nach Angaben eines Siemens-Sprechers stellen sie aber weiterhin den aktuellen Stand dar.

"Ein Mensch wird vermisst", sagte Kaeser. Es gebe massive Sorgen. "Wenn wir aber aufhören, mit Ländern zu reden, in denen Menschen vermisst werden, müsste ich zu Hause bleiben, weil ich mit niemandem mehr reden könnte." Wenn man etwas ändern wolle, müsse man mit Menschen sprechen und nicht über Menschen. Sollte er an der Konferenz teilnehmen, wolle er aber zu dem Thema nicht schweigen. "Wenn ich hinfahre, werde ich in diesem Land den Mund aufmachen", sagte Kaeser. "Denn ich möchte, dass es den Menschen, die für Siemens in diesem Land arbeiten, erlaubt ist, ihre Meinung frei zu äußern."

Von Khashoggi fehlt seit seinem Aufenthalt im saudiarabischen Konsulat in Istanbul am 2. Oktober jede Spur. Es besteht der Verdacht, dass der Kritiker des Kronprinzen bin Salman im Konsulat ermordet wurde. Die Führung in Riad weist dies zurück, ist bisher aber den Beweis dafür schuldig geblieben, dass Khashoggi das Gebäude lebend verließ.

Kritischer Journalist: Verschleppt oder ermordet? Warum Saudi-Arabien Jamal Khashoggi fürchtet
vit mit / DPA / AFP