Schulen für Afrika Die Zukunft hat begonnen


Es mangelt an Büchern und Lehrern, Unterricht findet oft im Freien statt. Doch nach 27 Jahren Bürgerkrieg kommt selbst ein Land wie Angola wieder auf die Beine - dank Schulen für Afrika.
Von Joachim Rienhardt

Der Wind von Süden ist immer ein Segen. Im Sommer macht er die Hitze hier im Hochland Angolas erträglicher. Jetzt, in der Regenzeit, vertreibt er die Wolken. "Sonst müsste der Unterricht ausfallen", sagt Deolinda Kajowo, die Direktorin der Grundschule des Distrikts Ngove. "Oft regnet es drei Tage am Stück."

Nun sitzen 64 Schüler im Schatten einer Akazie, an ihrem Stamm baumelt eine Schiefertafel. Es ist früh um acht, erste Stunde, Geschichte. Ein Lehrer mit Holzstecken in der Hand diktiert aus seinem handgeschriebenen Lehrbuch, dritte Lektion, Sklaverei.

Jüngere Geschichte haben die Schüler vor Augen, wenn sie nur aufblicken: Reste der Gemäuer ihrer ehemaligen Schule, durchsiebt von Schüssen, durchlöchert von Granaten, daneben die Trümmer der zerbombten Kirche. Die Morgensonne spiegelt sich dahinter in einem Stausee, den noch die portugiesischen Kolonialherren samt Wasserkraftanlage angelegt hatten. Sie war nie in Betrieb. Die Portugiesen flohen vor dem sich anbahnenden Bürgerkrieg. Der legte in 27 Jahren das Land in Schutt und Asche.

Vier Jahre nach Ende des Krieges ist hier von Wiederaufbau nicht viel zu sehen. Von den 62 Schulen des Bezirks steht keine einzige mehr. "Und keiner tut was, obwohl wir bei der Regierung schon seit vier Jahren darum kämpfen", sagt der Distriktverwalter Tomás Catiwa, 44, der in einem weißen Mini-Van angefahren kommt, der Aufschrift zufolge einst für einen Kurierdienst in der Schweiz unterwegs. "Sie haben immer alles versprochen. Aber nichts ist passiert."

Nun gibt es Hoffnung. Die Schule am Stausee von Ngove wird die erste des 800 Quadratkilometer großen Distrikts sein, die wieder aufgebaut wird. Das Projekt ist Teil der Aktion "Schulen für Afrika", das Unicef, die "Nelson Mandela Stiftung" und die "Hamburger Gesellschaft zur Förderung der Demokratie und des Völkerrechts" vor zwei Jahren im südlichen Afrika gestartet haben. Denn nirgendwo auf der Welt sind die Bildungschancen für Kinder so schlecht wie auf dem Schwarzen Kontinent. Insgesamt sollen 5000 Schulen renoviert oder neu gebaut werden.

In Zimbabwe etwa werden 50 000 Kinder mit Schulmaterial versorgt. In Mosambik geht es vor allem um Brunnen an den Schulgebäuden, aus denen ganze Dörfer sauberes Trinkwasser schöpfen; in Ruanda und Malawi um Neubauten. Und in Südafrika werden in den ärmsten Provinzen kinderfreundliche Modellschulen errichtet, die mit modernen Lehrmethoden Wege in die Zukunft weisen sollen.

"Bildung ist der Schlüssel für eine bessere Zukunft: für den Aufbau des Landes, für Gesundheit, für Wohlstand, für Frieden", sagt die Unicef-Bildungsexpertin Cristina Brugiolo, die in der Hauptstadt Luanda das Unternehmen koordiniert. Angola ist mit 1500 Schulen ein Schwerpunkt. Nirgends in Afrika ist es so trostlos um Bildung bestellt wie hier. "Dabei sind die Kinder ungemein motiviert. Sie müssen nicht mehr wie während des Krieges ums tägliche Überleben kämpfen. Sie haben Träume, Pläne, und die verfolgen sie auch."

"Frieden", sagen die Schüler der sechsten Klasse unter der Akazie über dem Stausee wie aus einem Mund, als die Direktorin die Frage nach ihren Erwartungen für die Zukunft übersetzt. Viele von ihnen haben im Krieg die Eltern verloren. Alle wurden sie von den Rebellentruppen der Unita von zu Hause vertrieben. Keiner hat während des Krieges Schulunterricht gehabt, der diese Bezeichnung verdient, viele überhaupt keinen. So kommt es, dass der 20-jährige Rosario nun in der sechsten Klasse unter 13-Jährigen sitzt.

Er war zehn, als er mit seiner Familie von den Rebellen nachts aus dem Haus in den Busch getrieben wurde. Als Rosario 15 war, bekam auch er ein Sturmgewehr in die Hand gedrückt. "Wer nicht kämpfte, wurde erschossen", sagt er. Also schoss er lieber. Etliche in der Klasse hier haben Menschen getötet. "Aber das ist vorbei. Wir haben genug gelitten." Rosario möchte Arzt werden. Er trägt bereits ein weißes Hemd, als wolle er damit seine Entschlossenheit untermauern.

Dabei grenzt es fast an ein Wunder, dass er es überhaupt so weit geschafft hat. Nur gut die Hälfte der angolanischen Kinder geht zur Schule. Und die meisten von ihnen brechen schon nach der vierten Klasse ab. Bildung ist großer Luxus, wo Überleben keine Selbstverständlichkeit ist. Angola hat nach Sierra Leone die zweithöchste Kindersterblichkeit der Welt. Viele Kinder müssen mit den Eltern auf dem Feld arbeiten. Man braucht jede helfende Hand. Vieh, das Pflüge ziehen könnte, gibt es kaum noch, weil die Soldaten alles geschlachtet haben, was essbar war. Selbst jene Tiere, die den Krieg überlebten, werden weniger. Man nennt die Provinz Huambo, einst landwirtschaftliches Herz des ganzen Landes, auch die "Provinz der explodierenden Kühe"; denn viele verenden auch heute noch, weil sie auf Minen treten.

200 Meter hinter der Akazie mit den Schülern wohnen die Lehrer von Ngove in einer Baracke. Jeder hat eine Kammer, die an eine Gefängniszelle erinnert. Als Kleiderschrank dient ein Nagel in der Wand, als Matratze ein Stück Karton. 50000 Lehrkräfte hat die Regierung seit Kriegsende eingestellt, so viele wie kein anderes afrikanisches Land. Manche von ihnen können nur leidlich lesen und schreiben, vor allem hier draußen in der Provinz. "Die meisten", sagt die Direktorin, "wollen natürlich in die Stadt."

Doch viel besser ist die Situation dort nicht. Nicht einmal an der Schule der Missionsschwester Margarita Zapata Rosas in der Provinzhauptstadt Huambo, von der Regierung als eine von zehn Pilotschulen erwählt. Überall stehen von Schüssen durchsiebte Häuser, ausgebrannte Wohnblocks, in die Mörsergranaten mannsgroße Löcher gerissen oder von denen sie gleich ganze Eckzimmer weggesprengt haben. Auf den Wegen davor stapelt sich Unrat, in dem Kinder nach Verwertbarem stöbern.

"Unsere Kinder sind der Schatz und der Reichtum von morgen", sagt Schwester Margarita, als sie vier neue Klassenzimmer einweiht, gebaut mit Projektgeldern von "Schulen für Afrika". Aber sie weiß, dass dieses Morgen in ferner Zukunft liegt. Die Fenster des Neubaus sind vergittert, damit niemand nachts das Mobiliar stiehlt. Die Pilotschule mit der Nummer 225 ist eine reiche Schule. Sie hat sogar Tische und Bänke. In den meisten anderen bringen die Schüler ihre Hocker von zu Hause mit.

Schwester Margarita kommt gerade aus dem Zentrum von Huambo zurück. Wieder einmal hat sie bei der Provinzregierung vorgesprochen wegen der Bücher, auf die sie seit drei Jahren wartet. Immerhin hat sie dieses Mal 90 Bücher erhalten. "Man könnte viel mehr machen, wenn man nur wollte", sagt sie.

Schwester Margaritas Tagebuch ist ein Dokument des Schreckens. Seitenweise Notizen auf eng beschriebenen Schreibmaschinenseiten. Über Panzer, die Nachbarhäuser niedermalmten; Bomber, die über der Stadt kreisten; Schüsse, die auch in ihr Haus krachten; Nachbarn, die exekutiert wurden. Endlose Nächte, kauernd auf dem Boden, in denen auch sie sich kaum traute zu atmen.

Als die schwersten Kämpfe vorüber schienen, hat sie mit Nachbarn vor vier Jahren begonnen, die erste Schule selbst zu bauen. "Die Männer schleppten Sand und Steine vom Fluss hoch", berichtet sie. An Unterricht war nicht zu denken. Schwester Margarita und ihre Helfer waren mit Notspeisung beschäftigt, 1500 Kinder täglich. "Sie waren vollkommen verdreckt und verwahrlost", sagt sie. "Weil sie mit Tellern nichts anzufangen wussten, haben sie das Essen auf den Boden gekippt und aus dem Dreck gegessen."

Heute sind diese Kinder des Krieges junge Erwachsene und Analphabeten. Manche von ihnen werden jetzt morgens um sechs vor dem offiziellen Schulbeginn in Lesen und Schreiben unterrichtet. Insgesamt werden 807 Schüler im Zweischichtbetrieb durch den Unterricht geschleust, die eine Hälfte vormittags, die andere nachmittags.

Manche der Kinder verdienen sich morgens noch als Schuhputzer am Flughafen etwas dazu. Manche kommen mittags an und haben den ganzen Tag noch nichts gegessen. Viele sind Vollwaisen wie der zwölfjährige Francisco. Zwölf Geschwister und Cousins teilen sich ein Zimmer. Das ist alles, was der Krieg vom stattlichen Haus der Großmutter übrig gelassen hat. Dort, wo einst das Wohnzimmer stand, treibt ein Mangobäumchen aus dem Schutt. Die Großmutter überlässt es den Kindern, ob sie zur Schule gehen. Francisco geht jeden Tag. Sein Bruder Henrique kommt nachmittags, nachdem er sich etwas als Mechaniker verdient hat. Sie sind neben zwei Cousins die einzigen von zwölf Kindern, die überhaupt zur Schule gehen. "Wenn sie erst einmal mit Schwänzen angefangen haben", sagt Schwester Margarita, "sind sie für die Schule verloren."

Natürlich bedauert sie das. Doch schon jetzt reicht die Kapazität ihrer Schule längst nicht aus. Sie würde gern abends Unterricht anbieten. Aber es gibt keinen Strom. Und Lehrer schon gar nicht. "Ganz gleich, was ich von der Regierung will, es heißt immer: Gibt es nicht, wir haben kein Geld", sagt sie. "Geld versickert durch Korruption, wie in allen anderen Bereichen auch."

Bewilligte Straßenprojekte werden nach den Planierungsarbeiten für abgeschlossen erklärt, statt Brücken werden Baumstämme über Flüsse gelegt, versprochene Generatoren kommen gar nicht erst an. "Und so ist das auch bei der Bildung", sagt Schwester Margarita. "Aber die Leute in der Hauptstadt leiden darunter nicht. Die haben genug."

Angola exportiert in die USA mehr Öl als Kuwait. Die vor der Küste schlummernden Ölvorkommen sollen sogar ergiebiger als die der Kuwaiter sein. Doch schon jetzt verschwindet - so die Berechnung von Transparency International - rund eine Milliarde Dollar jährlich in den Taschen weniger Regierungsmitglieder. Das ist die Hälfte des weltweiten Budgets von Unicef. Die Weltbank und der Währungsfonds haben in Angola nichts zu bestimmen. Kredite bekommt das Land aus China, das sich damit langfristig Öllieferungen sichert. "Und die Menschen wehren sich nicht. Das Volk hat keine Stimme", sagt Schwester Margarita. "Die Menschen haben Angst, erschossen zu werden." Schon jetzt schicken die einstigen Bürgerkriegsparteien Einschüchterungstrupps in die Dörfer, damit die Leute bei der kommenden Wahl ihr Kreuz an der richtigen Stelle machen.

Nach allgemeiner Sprachregelung befindet sich Angola in der Periode des Übergangs. Der Notstand ist offiziell vorbei. Die meisten Hilfsorganisationen verabschieden sich. Gerade hat das World Food Programme (WFP) seinen Abzug verkündet. Im zerbombten Industriegebiet Huambos sind die Lagerhallen fast leer. Wo sich früher Lkws stauten, dösen Fahrer im Gras. Das Land soll lernen, ohne internationale Hilfe über die Runden zu kommen.

Bei einer nahezu komplett zerstörten Infrastruktur und vier Millionen Flüchtlingen im eigenen Land ist dies ein schwieriger Prozess - auch ohne Korruption. Nur sieben Prozent der Beamten in Regierung und Verwaltung sind länger als vier Jahre zur Schule gegangen, staatliche Fürsorge kann kaum funktionieren. Gerade deswegen ist für Schwester Margarita das Projekt "Schulen für Afrika" so wichtig. "Man muss der Regierung zeigen, dass es möglich ist", sagt sie.

Mit inzwischen 220 fertigen Schulen in Angola ist der Anfang gemacht. 1234 sind im ganzen südlichen Afrika schon gebaut. Der Eingang der Spenden gibt den Takt. Als Nächstes kommt die Schule von Ngove dran. Das Geld liegt bereit, die Arbeiten gehen mit dem Beginn der Ferien in wenigen Wochen los.

Es ist zwölf Uhr mittags geworden am Stausee von Ngove. Die Schüler der sechsten Klasse singen ein Lied. Das gehört zum Abschluss des täglichen Unterrichts. "Wir sagen der Vergangenheit auf Wiedersehen. Wir begrüßen die neue Welt." In der Ferne explodiert eine Mine. Die Kinder verstummen kurz und schauen sich ängstlich um. Dann singen sie zu Ende und machen sich anschließend auf den langen Weg nach Hause.

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