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Sebastian Kurz: Der Außenminister, der sich mit der Türkei anlegt

Sebastian Kurz ist erst 29 Jahre alt, der beliebteste Politiker seines Landes und fordert offen den Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara: Österreichs Außenminister macht mit klaren Ansagen von sich reden.

Sebastian Kurz ist seit Ende 2013 österreichischer Außenminister

Sebastian Kurz ist seit Ende 2013 österreichischer Außenminister

Anfangs nahm ihn keiner so richtig ernst. Da war plötzlich dieser gegelte Emporkömmling mit den roten Wangen, dem es nicht zu peinlich war, den Namen "Geil-o-mobil" auf seinen Geländewagen zu kleben und damit durch die Gegend zu kurven. Sechs Jahre ist das jetzt her, 2010, Wiener Landtagswahl.

Heute ist ihm das selbst manchmal unangenehm. Sebastian Kurz, Mitglied der konservativen ÖVP und gerade mal 29 Jahre alt, ist oben angekommen in der Politik seines Landes. Seit zweieinhalb Jahren ist er österreichischer Außenminister, der jüngste seiner Zunft in ganz Europa. Und er macht derzeit mit klaren Ansagen gegen die Türkei von sich reden.

Während die deutsche Politik angesichts der Geschehnisse in der Türkei zurückhaltend agiert, spricht Kurz klare Worte. Er fordert den Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen und hat angekündigt, ein Veto gegen weitere Gespräche einzulegen. Als der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu Österreich des "radikalen Rassismus" bezichtigte, ließ Kurz ausrichten, Ankara solle seine Wortwahl mäßigen und seine Hausaufgaben machen. Kurz sagt, der Flüchtlingsdeal erübrige sich, wenn Europa endlich seine Außengrenzen wirksam schütze. Er sagt: "Das Kartenhaus der falschen Flüchtlingspolitik wird zusammenbrechen."

Kurz sagt so einiges, was nicht nur viele Österreicher in diesen Tagen hören wollen.

Sebastian Kurz weiß, wie er sich beim Volk verkaufen muss

Undiplomatisch könnte man das nennen. Endlich mal einer, der's ausspricht, meinen aber auch viele. "Ich finde es gut, wenn man die Dinge beim Namen nennt", sagt etwa Edmund Stoiber. Der junge Außenminister polarisiert. Er ist der beliebteste Politiker seines Landes, wird aber von vielen auch verachtet. Ein "Wunderwuzzi" (Tausendsassa) sei er, sagen die einen. Ein Blender und Schnösel, schimpfen die anderen. So oder so scheint für viele schon jetzt klar, dass er irgendwann den Vorsitz seiner Partei übernehmen wird. Und wer weiß: Vielleicht wird er sogar Kanzler.

Es ist eine beachtliche Karriere in einer noch beachtlicheren Geschwindigkeit. Mit 22 Jahren wurde Kurz Vorsitzender der Jungen ÖVP, danach ging es steil bergauf. Mit 24 war er Integrationsstaatssekretär, mit 27 schon Außenminister, der jüngste, den Österreich je hatte. Dass er sein Jura-Studium nicht abgeschlossen hat, ist bekannt, geriet jedoch fast in Vergessenheit. Denn über die Jahre hinweg zeigte sich Kurz‘ vielleicht größtes Talent: Er weiß, wie man sich beim Volk verkauft.

Kurz ist eloquent, einer, der früh in wichtige Ämter kam, der stets gut gekleidet und penibel frisiert ist und doch darauf achtet, nicht zu großspurig zu wirken. Ein Konservativer, der sich nur allzu gern modern gibt und mit Jung ebenso kann wie mit Alt. Auf Facebook und auf seiner Webseite lässt sich Kurz duzen, mit Freundin Susanne ist er seit Schülertagen zusammen. In politischen Fragen bezieht er klar Stellung, ohne offen populistisch zu werden, das macht ihn für ein breites Wählerspektrum vertretbar. Bereits im Juni 2014 geriet Kurz mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan aneinander und warf ihm vor, den türkischen Wahlkampf nach Österreich getragen und für Unruhe gesorgt zu haben. Früh forderte er ein Ende der Politik der offenen Grenzen, immer wieder setzt er sich für eine strenge Flüchtlingspolitik ein.


Flüchtlinge auf Mittelmeerinseln internieren

Einen großen Konkurrenten hätte Kurz allerdings im Hinblick auf eine mögliche künftige Kanzlerschaft: Mit dem SPÖ-Politiker Christian Kern hat Österreich seit rund 100 Tagen bereits einen ebenfalls beliebten und eloquenten Kanzler, der öffentlich auch noch dieselben Felder beackert. Auch Kern weiß die Stimmung im Land zu nutzen, auch er hat gefordert, die EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei abzubrechen. Vom Chefberater Erdogans wurde er daraufhin per Twitter als "Ungläubiger" beschimpft.

Die Türkei und die Flüchtlingspolitik: Das sind die Themen, mit welchen Kern und Kurz der in Umfragen stärksten Partei im Land, der rechtspopulistischen FPÖ, wichtige Wähler streitig machen könnten. Auch deswegen ist zu erwarten, dass Kurz seinen Kurs weiterführen wird. Wie weit er bereit ist, ihn zu strapazieren, wird sich noch zeigen. In Sachen Flüchtlingspolitik, meinen manche, droht er schon zu überziehen: So fordert er, sich Australien zum Vorbild zu nehmen und Bootsflüchtlinge auf Mittelmeerinseln zu internieren. 

car